Far Cry Primal im Test: Wild und wunderbar

Mit Far Cry Primal verlegt Ubisoft den neuesten Ableger der Serie in die Steinzeit ins Jahr 10.000 vor Christus.
Das Setting ändert nichts am traditionellen Far Cry Prinzip, könnte man meinen. Primal für PC, PlayStation 4 und Xbox One zeigt aber, dass es Ubisoft durchaus gelungen ist, Neuerungen einzubauen, ohne das bewährte Far Cry Terrain zu verlassen. Ob das gelungen ist, haben wir als Jäger am Ende der Nahrungskette ausgetestet.

In Far Cry Primal findet man sich als Jäger namens Takkar vom Stamm der Wenja im fiktiven Tal Oros in Mitteleuropa wieder. Hier hat man wenig zu sagen - die Natur ist mit Säbelzahntigern und Mammuts äußerst mächtig und verfeindete Stämme wollen einen auch eher als Mittagessen denn als Gesprächspartner sehen. Nach einem Hinterhalt, den man als Einziger einer Jagdgruppe überlebt hat, steht man erst einmal ohne Waffen da. Kaum in Oros angekommen, trifft man einige wenige verstreute Mitglieder des Stammes, doch auch hier ist es wenig mit Wiedersehens-Gesprächen.

Apropos Sprache: Für Far Cry Primal hat Ubisoft eigens eine neue Sprache von Forschern entwerfen lassen, die anfangs gewöhnungsbedürftig ist, dem Spiel aber eine gehörige Prise Steinzeit-Feeling einhaucht. Hier hat Ubisoft tolle Arbeit geleistet, Steinzeitmenschen, die Englisch oder Deutsch sprechen, hätten dem Spiel viel Atmosphäre genommen. Leider bleibt es vorerst bei wenigen Worten, denn neben den Tieren muss man sich die barbarischen Tal-Herren der Udam und die streitlustigen Mitglieder der Izilia vom Leib halten und kann sich nicht langen Diskussionen hingeben.

Mehr Steinzeit als Story

Was sich in Primal kaum ändert, ist die eher seichte Storyline der Far Cry Titel. Sie besteht aus einer groben Zusammenfassung der Situation, gepaart mit einigen witzigen, fast überdehnten Humoreinlagen und Gesprächen mit anderen Überlebenden, die fast ausschließlich dazu dienen, die nächste Missionsaufgabe präsentiert zu bekommen. Das mag man oder eben auch nicht, aber das ist Far Cry. So weit, so bekannt.

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Doch der Titel hat auf den zweiten Blick einige Neuerungen zu bieten, die ihn zwar nicht zu einem absolut eigenständigen Far Cry Titel machen, aber ihn deutlich von den Vorgängern abheben. Zum einen ist es der absolut non-lineare Verlauf der Missionen in der wirklich gigantischen Welt von Primal, der sich bis zu den Endkämpfen durchzieht. Zum anderen ist es das "Grinden", das hier absolut überlebensnotwendig ist und mit dem man ständig beschäftigt sein wird, ohne dass es aber langweilig wird. Überleben in der Steinzeit - das war halt nun mal harte Jagd- und Sammelarbeit.

Wenn Tiere zur Waffe werden

Entwarnung gibt es für jene, die befürchten, durch den Wegfall von Schusswaffen und Fahrzeugen würde auch die Action flöten gehen. Absolut frischen Wind bringt hier die "Beast Master"-Fähigkeit in das Spiel, die Takkar dazu bemächtigt, wilde Tiere zu zähmen und sie als Jagdwaffe einzusetzen. Geht ein Säbelzahntiger auf ein Mammut los, dann sitzt man wegen der Engine und der ungewohnten Eindrücke staunend vor dem Bildschirm. Far Cry Primal ist ein Grafik-Juwel, bei dem Ubisoft im Gegensatz etwa zum charismatischen Gegner Pagan Min aus Far Cry 4 die Charaktere eher flach hält und dafür die Welt und die Szenen selbst umso lauter für sich sprechen lässt.

Ein weiter großer Unterschied zu bisherigen Titeln ergibt sich in der Spielemechanik durch die Waffen. Mit dem bekannten Bogen gibt es weiterhin bedingt "Fernkampf", Keule und Speer machen Primal aber stark nahkampflastig. "Kopfschuss"-Punkte gibt es noch immer, dazu kamen aber brutal realistische Manöver. Wird ein Gegner vom Speer getroffen, wird er wuchtig nach hinten katapultiert - ist der Wurf gut gezielt, können Gegner auch schon mal an Wände gepfählt werden.

Säbelzahntiger mit Wiederauferstehung

Etwas verwundert ist man in Primal darüber, dass dem Schleichen weniger Bedeutung zukommt, als es bei der Übernahme von Außenposten in den Vorgängern der Fall war. Das mag daran liegen, dass die Gegner hochsensibel sind, was ihre Wahrnehmung angeht. Musste man wohl auch sein in der Steinzeit. So kann man zwar einen oder zwei Gegner still ausschalten - letztlich verrät einem aber meist der tierische Begleiter. Steht man nämlich nur für einen Sekundenbruchteil auf und verlässt damit den Schleich-Modus, wird das Tier vom stillen Jäger zum rasenden Berserker und fällt über alles her, was sich in der Nähe befindet.

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Tatsächlich ergibt sich durch das "Beast Master"-System auch wenig Sinn für stille Angriffe. Die verschiedenen Tierarten haben jeweils andere Fähigkeiten wie Stärke und Geschwindigkeit - im Endeffekt dienen sie aber als "Verteidigungsschild" im Kampf, indem sie mächtig einstecken können. Hier endet es auch schon mit dem Realismus. Wird ein Tier nämlich tödlich verwundet, hat man einige Sekunden Zeit, um es zu füttern - und schon ist der Säbelzahntiger wieder einsatzfähig. Stirbt es dagegen tatsächlich, ist es auch nicht tot, ein paar rote Blätter und der tierische Begleiter erlebt die Wiederauferstehung.

Jagen, schleichen, kämpfen, sammeln

Wie auch bei den Tieren besteht die Welt von Oros generell aus dem Prinzip: Hol dir alles. Und es macht, so sehr dies das oft gehasste "Grinden", also ständiges Wiederholen von Spielabläufen, darstellt, richtig Spaß. Einstellen muss man sich darauf, dass man in Primal so viele Pflanzen sammeln und Tiere häuten wird, wie möglicherweise in allen anderen Far Cry Spielen bisher zusammen. Außerdem ist es richtig viel Arbeit, denn statt mit dem Maschinengewehr einen Bären zu killen, geht es hier jedes Mal mit Speer und Keule in den Kampf.



Quelle: YouTube

Dementsprechend groß ist auch die Zahl der Nebenmissionen. Kann man das eigentliche Game in gut 20 Stunden beenden, wird man als Trophäensammler wohl Wochen mit Primal verbringen. Da sie leider für die Hauptmissionen und die Erfahrungswerte für die Endkämpfe nicht notwendig sind, werden viele Zocker diese sowieso außen vorlassen, nachdem sie ein paar davon abgearbeitet haben. Man kann aber auch sagen, dass man die Nebenmissionen zum Glück nicht abarbeiten muss, denn selbst wenn man Dutzende erledigt hat, ist die Spielekarte zum Bersten voll mit ihnen.

Fazit

Trotz des traditionellen Far Cry Konzepts schafft es Primal, beim Steinzeit-Experiment einige Neuerungen zu bringen, die die Serie auffrischen. Abstriche muss man bei den Gegnern hinnehmen, die im Gegensatz zu den Vorgängern kaum im Gedächtnis bleiben. Dafür brennen sich umso mehr die Szenen ein, in denen man mächtigen und gefährlichen Gegnern gegenübersteht oder auf Felsen die wilde Welt von Oros überblickt und sich in der Steinzeit verliert. Die eigens geschaffene Sprache mit Primal noch einmal einen Tick realistischer.

So ist Far Cry ein toller Kompromiss von Ubisoft, neben Altbewährtem Neues auszuprobieren. Zwar verlässt man damit die eigene Komfortzone nicht, bleibt aber dadurch dem von den Fans geliebten Spieleprinzip treu. Primal vermittelt trotz einiger als Geschmackssache zu bezeichnender Klamauk-Gameplay-Elemente einen guten Eindruck von der Wildnis, in der man ständig gehetzt und bedroht ist. Fantastisch inszeniert sind die Jagdszenen in Primal, und generell lässt einem die Grafik mit offenen Mund zurück. Wer damit noch immer nicht überzeugt ist: Man kann einen verdammten Säbelzahntiger streicheln - und reiten. Was muss man da noch mehr sagen?

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