Fenstersturz von Bub (10): "Er fiel nicht, er sprang!"

Am Dienstagabend stürzte ein Bub (10) in der Engerthstraße aus einem Fenster, wurde schwer verletzt. Nun erhebt eine Nachbarin schwere Vorwürfe.

Dramatisches Ereignis in der Engerthstraße 249-253 (Leopoldstadt): Wie "Heute" berichtete, fiel ein Bub (10) am Dienstag gegen 17 Uhr aus einem Fenster im 2. Stock des Gemeindebaus Kurt-Heller-Hof, erlitt dabei schwere Kopfverletzungen. Der Zehnjährige liegt derzeit auf der Intensivstation. Sein Zustand ist "stabil", er ist außer Lebensgefahr. Nachbarin Anita M. (Name geändert) kennt die betroffene Familie und ist überzeugt, dass das Unglück hätte verhindert werden können: "Das war kein Unfall. Er ist nicht gefallen, sondern gesprungen – aus Verzweiflung. Das ist ein Versagen der Behörden auf ganzer Linie!"

Laut Anita M. waren die Eltern des Zehnjährigen während des Vorfalls nicht zu Hause: "Der Vater war arbeiten, und die Mutter war mit einem Geschwisterkind unterwegs. Ein älterer Bruder und die Schwester waren da, sie hatten die Aufsicht." Aufgrund der schweren Verletzungen wurde der Zehnjährige mit einem Rettungshubschrauber ins SMZ Ost geflogen: "Er ist da unten am Boden gelegen, vollkommen verdreht, hat die ganze Zeit nur geschrien. Niemand hat sich um ihn gekümmert, ihm die Hand gehalten oder mit ihm geredet, bis die Polizei gekommen ist."

"Er schrie stundenlang, hämmerte gegen die Wand!" - Nachbarin Anita M.

Der Zehnjährige stammt aus einer syrischen Familie, die vor rund sieben Jahren aus ihrem Heimatland geflüchtet ist: "Vor etwa 1,5 Jahren zogen sie neben mir ein. Der Bub ist Autist, er schrie stundenlang, klopfte und hämmerte gegen die Wand, manchmal bis 3 Uhr Früh. Er hat Gegenstände herumgeworfen und zertrümmert. Ich habe auch gesehen, wie er seine Mutter geschlagen hat", erzählt Anita M.  

Die Pädagogin nahm mit ihren Nachbarn Kontakt auf, setzte sogar einen weiteren Mieter als Dolmetscher ein, da die Eltern kaum Deutsch sprechen: "Sie sagten mir, er ist behindert. Sie können da nichts machen", meint Anita M. Die Pädagogin informierte sich eingehend zum Thema Autismus, brachte ihren Nachbarn Infomaterial und Hilfsangebote. Doch die Situation änderte sich nicht: "Ich bin da gegen eine Wand gelaufen. Der Bub war nie draußen, immer nur eingesperrt. Er wurde nicht motorisch gefördert und war natürlich aggressiv. Er wollte einfach nur raus!" 

Gefährdungsmeldung beim Jugendamt

Schließlich sah die Alleinerzieherin keinen Ausweg mehr und machte im Juni 2019 telefonisch eine Gefährdungsmeldung beim Jugendamt (MA 11): "Ich beschrieb ihnen den Fall ganz genau. Ich habe erklärt, dass die ganze Familie vom Krieg traumatisiert ist, die Eltern vollkommen überfordert mit der Situation sind und alle – auch die Geschwister (12, 16 und 18 Jahre alt) – dringend Hilfe benötigen."

Doch es passierte – nichts. "Nach zwei Monaten habe ich wieder angerufen, und gefragt, ob schon jemand bei der Familie gewesen ist. Die Antwort war: 'Wir haben ja eh mehrere Briefe geschickt'. Später habe ich dann erfahren, dass es sogar noch eine zweite Gefährdungsmeldung zu einem Bruder des Zehnjährigen gegeben hat."

Auf Nachfrage bei der MA 11 heißt es: "Die Familie wurde von uns betreut, es gab mehrere Hausbesuche. Die Situation wurde vor Ort abgeklärt und ein Hilfeplan mit Einbindung eines Netzwerkes (Ärzte, Therapien, Schule, Anm.) erstellt. Die Eltern haben einen Teil dieses Hilfsangebotes angenommen, und es ist uns auch Einiges gelungen. Wenn es Verbesserungen gibt, müssen wir uns aber nach einiger Zeit leider aus der Familie zurückziehen", erklärt eine Sprecherin.

"Sein Zustand änderte sich nicht"  - Anita M.

Auch Anita M. berichtet, dass der Bursche eine Zeit lang Therapien erhielt und in einer Behinderteneinrichtung betreut wurde: "Die Eltern waren – soweit ich weiß – mit ihm einmal im AKH. Er bekam Medikamente, die aber nicht gewirkt haben. Und plötzlich wurden die Therapien eingestellt, die Behinderteneinrichtung geschlossen." Am Zustand des Buben änderte sich nichts. Weil sie das stundenlange Schreien und Klopfen letzlich nicht mehr aushielt, wandte sich Anita M. auch an Wiener Wohnen: "Sie sagten mir, sie können da nichts tun. Sie sind ja nicht der Babysitter der Mieter. Ich könne ja Unterschriften im Haus gegen die Familie sammeln."

Die Pädagogin wusste keinen Rat mehr: "Ich wollte nur noch ausziehen!" Sie wandte sich an einen Psychotherapeuten, der ihr in einem Befund bescheinigte, dass der Zustand für sie untragbar ist. Anita M. erhielt daraufhin ein Wohnticket. Sie will den Gemeindebau in der Engerthstraße nun endgültig verlassen.       

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