"Mein Dad nahm mich schon mit acht mit auf die Streif", lacht Josef "Pepi" Ferstl bei "Heute". Papa Sepp (71) gewann die Kitzbühel-Abfahrt doppelt, weckte in seinem Sohn einen Lebenstraum. Diesen erfüllte sich Pepi mit dem Super-G-Sieg 2019. Heute ist er beim Super-G als Eurosport-Experte live im Einsatz. Davor blickt er im "Heute"-Talk zurück.
"Heute": Wie fühlt sich das an, in den Ort zu fahren, der für Ihre Familie so speziell ist?
Josef Ferstl: "Der Tag meines Sieges war natürlich der Höhepunkt meiner Karriere. Ich kannte es von meinem Vater. Das war immer ein Traum von mir, aber eigentlich nur ein Traum in Anführungszeichen. Er ist trotzdem wahr geworden - unglaublich. Ich bin als Kind fast jedes Jahr in Kitzbühel gewesen. Mein Vater war eingeladen, und ich habe so viele Leute kennengelernt. Teilweise habe ich mit Legenden gegessen, als ich noch gar nicht gewusst habe, wer das überhaupt ist. Franz Klammer und Co. – das war wie eine große Familie. Ich kann mich noch erinnern: Wir waren bei einer Autogrammstunde, da waren mein Dad und der Franz. Der hat sich um mich gekümmert, gefragt, ob ich was zum Trinken möchte und so weiter. Damals war ich acht, zehn Jahre alt. Das habe ich gar nicht richtig registriert."
"Ich habe immer wahrgenommen, wie mein Dad in Kitzbühel empfangen und behandelt wird. Als Sieger ist man da überall eingeladen, da ist Kitzbühel wirklich einzigartig. Wenn man unterwegs ist, wird man immer wieder erkannt. Vor allem im Ski-Mekka von Österreich ist das als Deutscher nochmal was ganz Besonderes - auch, weil sehr viele Deutsche da sind."
Wann waren Sie zum ersten Mal auf dem Rennhang?
"Da war ich acht. Mein Dad hat mich mit auf die Piste genommen. Es hat mich - offen gesagt - total überfordert. Ich bin mit viel Angst einfach nur runtergerutscht – am Rand natürlich. Das haben wir weit weg vom Fahren gemacht. Es ist, als würde ich jetzt mit meinem Sohn da runterfahren. Der fährt auch schon ziemlich gut Ski und ich könnte eigentlich locker mit ihm runterfahren, aber ich will ihm das ersparen (lacht). Ich habe da teilweise Rotz und Wasser geheult. Mein Dad meint nur: Wir fahren da einfach runter. Die Zuschauerränge waren schon voll. Die haben mir dann teilweise zugejubelt, weil ein Kind Schuss runterfährt. Das weiß ich nur, weil es mir später erzählt wurde. Ich hatte einfach keinen Grip und Halt und war froh, dass ich irgendwo zum Stehen kam. Das war meine erste Begegnung mit der Streif. So bin ich in das Ganze reingwachsen."
Haben Ihnen diese Nähe und diese besondere Beziehung rückblickend den Weg zum Triumph geebnet?
"Ich bin immer mit dem Gedanken nach Kitzbühel gefahren, dort zu gewinnen. Als Kind hat mich mal ein Trainer gefragt, warum ich das hier alles mache. Ich habe ohne groß nachzudenken geantwortet: Um in Kitzbühel zu gewinnen, wie mein Vater. Ich habe mich einfach immer auf Kitzbühel gefreut: die schwerste, krasseste und gefährlichste Abfahrt."
"Es ist auch die näheste Abfahrt von daheim aus. Ich fahre eineinhalb Stunden nach Kitzbühel, das ist näher als Garmisch. Und es war nicht einfach nur Vorfreude - ich habe mich immer brutal darauf gefreut. Ich weiß noch, Trainer haben am Beginn der Karriere immer gesagt: Du musst erst einmal Gröden und Wengen fahren, bis du für Kitz reif bist. Ich habe das nie verstanden. Ich fühlte mich in Kitzbühel viel wohler und sicherer als auf allen anderen Strecken. Ich hatte auch tatsächlich sehr gute Abfahrten und Top-5-Trainings."
Schlussendlich klappte der Sieg dann 2019 im Super-G …
"Ich bin mit Startnummer 1 an den Start gegangen. Mit Nummer 1, heißt es immer, bist du der Testpilot. Du weißt nicht, was kommt. An diesem Wochenende habe ich alles darangesetzt – ohne Infos einfach versucht, was vorzulegen. Scheiß drauf und runter damit! Ich habe mental eigentlich nichts erwartet, gewusst, dass es schwierig wird. Es war dann vermutlich der Zeitpunkt da, an dem ich mir nicht mehr zu viele Gedanken gemacht habe."
"Wenn ich an das Rennen zurückdenke – es war irre. Ich bin da unten gesessen und ein Favorit nach dem anderen ist knapp hinter mir gelandet. Ich war im Zielraum wie gefesselt. Teilweise waren sie im Mittelteil eine halbe Sekunde vorne, aber ich bin den unteren Teil in Perfektion gefahren. Es war für mich irre, dass ich das überlebt habe. Ich hatte beim Warten einen höheren Puls als am Start. Irgendwann habe ich realisiert, dass sich ein Podium ausgehen kann. Dann ging es plötzlich um den Sieg. Ich muss ehrlich sagen: Das Glück war wahrscheinlich auch auf meiner Seite. Es muss einfach alles passen. Jeder geht voll ans Limit, gefühlt mehr als in anderen Rennen."
Und Sie haben das volle Kitz-Programm durch. 2022 der schwere Abflug, Abtransport mit dem Heli am Fuße der Steilhangausfahrt.
"Da habe ich das Ganze tatsächlich unterschätzt. Ich bin super losgefahren, hatte sogar in einem Teilsektor die beste Zeit und die dritte Zeit oben. Ich war super in Form und bin in den Steilhang reingefahren, den ich schon im Training in Rennlinie gefahren bin. Aber dann war ich zu aggressiv. In einem Moment habe ich kurz ausgelassen oder war nicht mehr überzeugt von meiner Linie - und dann ist es schon passiert: Die Streif hat mich abgeschmissen, ein ganz blöder Sturz. Ich bin da gelegen und hatte mir am Rücken einen Nerv eingeklemmt. Es war schon heftig, mit dem Heli ins Spital abtransportiert zu werden. Das war natürlich kein geiles Gefühl, muss man ehrlich sagen."
Und dennoch sind Sie tags darauf wieder am Start gestanden …
"Ich hatte Prellungen und der Nerv war beleidigt. Das Knie tat weh und ich hatte Abschürfungen. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte das Duell mit der Streif. Die gibt es nur einmal im Jahr. Ich habe alles darangesetzt, dass ich fahren kann. Ich bin natürlich gespritzt und vom Physio Tag und Nacht behandelt worden, hatte Schmerzmittel intus, damit ich überhaupt fahren kann. Im Nachhinein ist mir auch klar: Wenn man nicht fit ist, sollte man nicht starten. Ich wollte mir das aber nicht nehmen lassen. Es gab in diesem Jahr zwei Abfahrten, beide waren dann nicht berühmt von mir. Aber es war mir einfach wichtig, schnell wieder zurückzukommen."
Heuer sind Sie als Experte im Einsatz. Wer sind Ihre Favoriten auf der Streif, wer ist Ihr Geheimtipp?
"Wenn man auf das letzte Wochenende zurückschaut: Marco Odermatt. Er hat den Super-G in Kitz auch schon gewonnen, aber er will unbedingt diese Abfahrt gewinnen. Ich bin überzeugt, dass er alles dafür mitbringt. Bei den Schweizern können viele gewinnen – von Allmen und Monney sind heiße Eisen. Von der Österreichern ist Vinc (Vincent Kriechmayr) auch ganz heiß. Aber die anderen auch: Babinsky, Hemetsberger sind sehr interessante Kandidaten."
"Zu den Geheimfavoriten zählen für mich die Italiener. Fanzoni ist natürlich in Form. Bei dem kann nach Wengen alles passieren. Ich kenne das selber: Wenn du mal in Form bist oder den ersten Weltcupsieg feierst, dann fährt es sich einfach ganz anders. Und Paris weiß als 'erfahrener Hund' sowieso was er zu machen hat."