Der frisch gebackene deutsche Bundespräsident Joachim Gauck befand sich gerade - ungewaschen - in einem Berliner Taxi auf der Rückreise von einer Lesung in Wien, als er davon erfuhr, dass er der neue Bundespräsident werden sollte.
Der befand sich gerade - ungewaschen - in einem Berliner Taxi auf der Rückreise von einer Lesung in Wien, als er davon erfuhr, dass er der neue Bundespräsident werden sollte.
Als der Anruf kommt, ist das Staatsoberhaupt in spe gerade erst aus Wien in Berlin gelandet. "Ich komme aus dem Flieger und war im Taxi, als die Frau Bundeskanzlerin mich erreicht hat", erzählt Joachim Gauck, ein parteiloser Theologe, am Sonntagabend. Da sitzt er schon als Kandidat einer ganz großen Präsidentenmacher-Koalition auf dem Podium in der Regierungszentrale. Der Vorlauf der Präsentation war ziemlich knapp.
Nach Rückflug aus Wien ungewaschen ins Berliner Kanzleramt
Für 20.00 Uhr hatte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Spitzen von Union, FDP, SPD und Grünen ins Kanzleramt geladen. Merkel eröffnet die Runde. Dann geht sie nach Teilnehmerangaben hinaus, um zu telefonieren - mit Gauck im Taxi. Der lässt sich prompt ins Kanzleramt chauffieren, stößt zu den Partei- und Fraktionschefs, für die Fleischlaberl und Erdäpfelsalat aufgetischt sind. Der 72-Jährige - nach eigenem Bekunden "noch nicht mal gewaschen" - kommt herein. Er wirkte zu Tränen ergriffen, schildert später einer der Anwesenden. Und lasse erkennen, er könne erst einmal auch nicht essen.
"Anreise aus Wien hat mich überwältigt"
In einer ersten Stellungnahme sagte Gauck, er werde als politischer Lehrer unterwegs sein, und bat die Zuhörer im Voraus, ihm seine ersten Fehler im Amt zu verzeihen. Die Anreise aus Wien, wo Gauck am Sonntag noch auftrat, habe ihn überwältigt, und er müsse sich noch auf die neue Aufmerksamkeit einstellen. "Es schadet nichts, dass sie sehen, dass ich überwältigt und auch ein wenig verwirrt bin."
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Der im Kriegsjahr 1940 als Kapitänssohn in Rostock geborene Gauck wollte in der DDR eigentlich Journalist werden, erhielt aber keinen Studienplatz für Germanistik. Kein Wunder, hatte er sich doch der Pionierorganisation ebenso verweigert wie der Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend". So studierte er nach dem Schulabschluss evangelische Theologie und wurde Pfarrer.
Im Wendejahr 1989 engagierte sich Gauck im Neuen Forum. Dort kümmerte er sich um die Aufdeckung des Überwachungsapparates der DDR. Dieses Aufgabenfeld sollte Gauck in den folgenden elf Jahren nicht mehr loslassen. Das Amt des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" übte er überaus streitbar aus.
Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) etwa, dessen Kontakte zur Stasi jahrelang die deutsche Politik beschäftigten, fühlte sich von Gauck ungerecht behandelt. Konflikten geht der streitbare Intellektuelle demnach nicht aus dem Weg und der Kampf für die Freiheit ist sein Lebensmotto.
Über das höchste Staatsamt hat der redegewandte Gauck zudem präzise Vorstellungen: "Als Repräsentant des ganzen Volkes kann der Bundespräsident zwischen den Regierten und den Regierenden vermitteln und zu einer besseren Verständigung zwischen ihnen beitragen."
Bei seinem Abschied als Chef der Stasiunterlagenbehörde im Jahr 2000 hatte Gauck gesagt, Bundespräsident wolle er nicht werden. Ein Mecklenburger wisse um seine eigenen Grenzen. 2010 versuchte Gauck es noch erfolglos. Bei der unverhofft schnellen zweiten Chance dürfte es nun klappen.