YouTube-Phänomen sorgt für "Gehirn-Orgasmen"

Über 13 Millionen sogenannte ASMR-Videos gibt es bereits auf YouTube. Nun fand erstmals dazu ein Filmfestival statt. Doch was bewirken die Videos?

Seit rund einem Jahrzehnt gibt es sie: Videos, die bei einigen Betrachtern ein beruhigendes Kribbeln auslösen. Auch der Begriff Hirn-Orgasmus fällt in diesem Zusammenhang ab und zu. Die Rede ist von sogenannten ASMR-Videos, in denen zum Beispiel jemand 30 Minuten lang flüstert, Haare bürstet oder auch einfach wiederholt in Knetmasse hineingreift (siehe Video). Der Begriff ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response, zu deutsch etwa selbstauslösende Sinneshöhepunkte.

Personen, die darauf ansprechen, beschreiben den Effekt beim Betrachten der Videos meist als ein angenehmes Kribbeln, das an der Kopfhaut beginnt und sich dann über den ganzen Körper ausbreitet. Sie sagen, dass sie sich daraufhin entspannter fühlen würden, und zwar für mehrere Stunden.

Zur Kunst erhoben

In den USA hat nun das Kunstkollektiv Philadelphia Contemporary ein erstes ASMR-Filmfestival veranstaltet und damit das YouTube-Phänomen zur Kunst geadelt. Das Interesse an dem Event in Philadelphia war zwar noch bescheiden, doch für den Intendanten Nato Thompson war es ein "erfolgreiches Experiment", wie er der "Washington Post" sagte. Er will das "kulturschaffende Internet-Ereignis" weiter fördern.

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Doch weshalb haben ASMR-Video bei einigen Menschen diese Wirkung? Die kurze Antwort: Man weiß es nicht. Das Phänomen ist von der Wissenschaft bisher eher stiefmütterlich behandelt worden, und so gibt es erst eine Handvoll Studien zum Thema.

Belohnung und Erregung

Eine Studieder Universität Sheffield von 2014 fand etwa heraus, dass von 91 Teilnehmern 53 ein ASMR-Erlebnis hatten, während 15 nichts spürten und 23 sich nicht sicher waren. Es sind die bisher einzigen Zahlen, die einen Anhaltspunkt liefern, wie hoch der Anteil jener ist, bei denen ASMR-Videos wirken.

Weshalb einige Leute keine ASMR-Erlebnisse haben, ist ebenfalls noch unklar, wie der "New Scientist" schreibt. 2017 untersuchten Forscher der Universität Winnipeg jene, die ASMR-Erlebnisse hatten, auf ihre Persönlichkeitseigenschaften. Sie stellten fest, dass bei ihnen die Offenheit für Erfahrungen und der Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit) stark ausgeprägt waren, während Gewissenhaftigkeit, Extraversion (Geselligkeit) und Verträglichkeit eine schwächere Ausprägung hatten.

Untersuchungen der Hirnaktivitäten durch das Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire ergaben zudem, dass bei einem ASMR-Erlebnis ähnliche Region aktiviert werden wie bei einem wohligen Schauer. Hirnregionen also, die mit Belohnung und Erregung in Verbindung gebracht werden.

Therapieeinsatz denkbar

Doch ungeachtet der Ursachen haben ASMR-Erlebnisse nachweislich positive Auswirkungen. So zeigten Teilnehmer einer britischen Studievon 2015 beim Betrachten eine erstaunliche Verbesserung ihrer Laune, die noch Stunden später anhielt. Besonders ausgeprägt war die Wirkung bei Personen, die zuvor eher unglücklich gewesen waren. Ebenfalls bei Personen mit chronischen Schmerzen stellten die Forscher eine Verbesserung fest.

Auch Herz-Kreislauf-Patienten könnten von ASMR-Videos profitieren, wie eine Studie aus Sheffield von 2018 ergab. Demnach verlangsamte sich der Herzschlag beim Betrachten um durchschnittlich 3,1 Schläge pro Minute. Die Forscher hoffen nun Wege zu finden, wie ASMR-Videos in der Therapie gegen Schmerzen, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Krankheiten eingesetzt werden könnten.

Die YouTuberin Lily Whispers präsentiert Auslöser für ein ASMR-Erlebnis. (Video: Youtube/Lily Whispers ASMR) (jcg/20 Minuten)

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