Eine etwas ungewöhnliche Szene: Sprinterin Gina Lückenkemper trägt eine Augenklappe, während sie auf einen Gegenstand in den Händen ihres Trainers starrt. Was aussieht wie ein seltsames Spiel, ist Teil des sogenannten Neuroathletiktrainings - einer Methode, die immer mehr Spitzensportler nutzen.
Der Ansatz dahinter: Nicht nur Muskeln, auch das Nervensystem soll gezielt trainiert werden. Muskeln führen nur jene Bewegungen aus, die das Gehirn ihnen aufträgt, erklärt Sportwissenschaftler Lars Lienhard.
Wie spektrum.de berichtet, trainiert Lienhard neben Tennisstar Alexander Zverev auch zahlreiche andere Sportprofis - darunter Fußballer Per Mertesacker, Kugelstoßerin Christina Schwanitz oder eben die 100-Meter-Sprinterin Lückenkemper. Alle sind Europa- oder Weltmeister.
Das Training umfasst ungewöhnliche Übungen: Kopf schütteln und nicken, Augen kreisen lassen oder den Finger ansehen, während er immer näher zur Nase geführt wird. "Liegestütze für die Augen" nennt Lienhard das.
Ziel sei es, dass das Gehirn bessere Bewegungsentwürfe erlernt. "Die Qualität der Bewegung steigt. Dadurch ist mehr körperliche Leistung möglich", so Lienhard. Schon ein Prozentpunkt mehr könne im Spitzensport über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Doch es gibt auch kritische Stimmen. Sportwissenschaftler Stefan Schneider fragt: "Welche Neuroübung verbessert tatsächlich die Performance und was ist vielmehr auf einen motivationalen Placeboeffekt zurückzuführen?" Evidenzbasierte Studien fehlen oft.
Das Problem: Im Hochleistungssport sind die Trainingspläne so individuell, dass eine wissenschaftliche Überprüfung schwierig ist. Zverev selbst hat nach seinem siebenfachen Bänderriss 2022 wieder zur alten Form zurückgefunden - ob dank Neuroathletik, bleibt offen.
Befürworter sehen die Methode weniger als Revolution, sondern als Evolution. Sie verändere die Sichtweise auf Bewegung und Sport - und wie sich Leistungsfähigkeit beeinflussen lässt.