Weniger Betretungsverbote bei Gewalt gegen Frauen

Rosa Logar, Geschäftsführerin der Interventionsstelle gegen Gewalt, kritisiert den Rückgang an Betretungsverboten.
Rosa Logar, Geschäftsführerin der Interventionsstelle gegen Gewalt, kritisiert den Rückgang an Betretungsverboten.Bild: Sabine Hertel
Nach der brutalen Attacke auf eine Wienerin (40), die von ihrem Lebensgefährten stundenlang verprügelt wurde, wird nun Kritik von Opferschutz-Verbänden laut.
34 Frauenmorde in Österreich im vergangenen Jahr und jetzt eine brutale Attacke auf eine Wienerin: Wie heute.at berichtete, soll ein Rumäne (40) stundenlang seine Partnerin (40) in der Kriechbaumgasse (Meidling) verprügelt haben.

Die Wohnung war blutverschmiert, sogar das WC ging zu Bruch. Der Mann wurde festgenommen, kam aber wieder frei. Das sorgt nun für scharfe Kritik: "Für sehr gefährliche Täter muss eine U-Haft ausgesprochen werden, eine Anzeige auf freiem Fuß reicht nicht. Schließlich kann man überhaupt nicht abschätzen, wie sich solche Gefährder weiter verhalten", meint Rosa Lugar, Geschäftsführerin der Interventionsstelle gegen Gewalt.

Laut einer Sprecherin war der Justiz die Schwere des Falls nicht bekannt – dieser wird nun neu geprüft. Da das Opfer die Aussage verweigert, ist eine Haft allerdings unwahrscheinlich.

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Betretungsverbote gehen zurück

Eine weitere Möglichkeit, den Täter vom Opfer fernzuhalten, ist ein sogenanntes Betretungsverbot, das von der Polizei (auch in diesem Fall) ausgesprochen wird. Aber: "Es werden von der Polizei weniger Betretungsverbote ausgesprochen. 2016 waren es noch 3.237, 2018 nur mehr 2.710 und 2019 ein wenig mehr als 2018. Opfer haben uns sogar erzählt, dass sie von der Polizei weggeschickt wurden – mit den Worten: 'Gehen Sie doch zu Gericht'. Wir sind besorgt über diese Entwicklung und hoffen, dass es sich wieder ändert. Denn es kann nicht sein, dass es weniger Gewalt gibt", so Logar.

Die Anlaufstelle für Gewalt-Opfer betreute im Jahr 2019 insgesamt 6.132 Klientinnen: "Die verstärkten, schweren Gewalttaten in der letzten Zeit machen uns große Sorgen. Viele Opfer sind verängstigt und gelähmt – wir bieten ihnen aktiv Hilfe an." Doch viele Frauen trauen sich gar nicht, die Polizei zu rufen und Anzeige zu erstatten – die Dunkelziffer ist daher enorm hoch:

"Nur eine von zehn Gewalttaten wird angezeigt. In der Familie gibt es außerdem ein Loyalitätsgebot. Da wird oft versucht, die Sache anders zu regeln", erklärt die Gewaltschutz-Expertin.

"Opfer sind nicht schwach!"

Finden die Opfer doch den Weg in die Interventionsstelle gegen Gewalt, wird erst (in verschiedenen Sprachen) beraten und dann gemeinsam entschieden, welche Schritte gesetzt werden: "Viele Opfer sagen: 'Ich möchte keine Scheidung, ich möchte nur nicht mehr geschlagen werden.'" Die Interventionsstelle versucht möglichst rasch zu helfen: "Für Akutfälle wie ein neues Schloss für eine eingetretene Türe oder etwa Geld für Lebensmittel haben wir eine kleinen Spendentopf", berichtet Logar. Die Sicht auf die Opfer sei oft falsch: "Die Frauen werden als schwach und unfähig gesehen. Doch das ist nicht so! Wenn es gefährlich wird, entwickeln sie (überlebens-)wichtige Deeskalations-Strategien."

Häufig sind auch Kinder mitbetroffen – direkt und indirekt: "Derzeit können wir Kinder, die nicht direkt von Gewalt betroffen sind, nicht betreuen, da wir dafür keine finanziellen Mittel haben", meint Logar, die ihre Hoffnung auf die neue Regierung setzt. Für zwei Kinderbetreuerinnen (Pädagoginnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen) wären etwa 50.000 bis 60.000 Euro pro Jahr nötig. "Diese Kinder brauchen die nötige Hilfe, damit sie nicht selbst zu Tätern oder Opfern werden. Wir wollen diesen Gewalt-Kreislauf durchbrechen", so Logar, die zudem kritisiert, dass das Annäherungsverbot bei Schulen und Kindergärten um ein Aufenthaltsverbot ergänzt werden müsste.

Hilfe bietet die Frauenhelpline unter der Telefonnummer 0800/222 555.

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