Heilende Kraft der Museen

"Gibt Sicherheit" – Kunst auf Rezept gegen Depression

Lange galt Kunst als elitäre Beschäftigung. Nun rückt sie in ein anderes Licht: Studien zur heilenden Kraft von Kunst mehren sich.
Anna Wallinger
29.01.2026, 14:38
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Albertina, Belvedere, mumok, Technisches Museum – Wien ist reich an Orten, an denen sich Kunst stapelt wie Argumente in einem allzu langen Gespräch. So viele Werke, so viele Minuten des Betrachtens. Da kann sich schnell Langeweile breit machen - ein Gefühl, das in prunkvollen Sälen und vor geschichtsträchtigen Kunstwerken doch paradoxer zu interpretieren ist. Etwas, das der Depression erstaunlich fernliegt.

In Frankreich und Kanada werden Museumsbesuche mittlerweile sogar als therapeutische Maßnahme gegen Depressionen verschrieben. Kunst auf Rezept – was zunächst nach feuilletonistischer Pointe klingt, ist das Ergebnis unterschiedlicher Studien zu mentaler Gesundheit. Der Begriff Wellbeing hat nun also auch Einzug in Kulturinstitutionen gehalten.

Dass kreatives Tun – Malen, Schreiben, Musizieren – das Wohlbefinden steigert, ist seit Langem bekannt. Wir geraten in einen "flow"-artigen Zustand, die To-do-Listen verstummen für einen Moment, das Gehirn darf Pause machen. Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass auch die passive Begegnung mit Kunst wirkt: Dass das bloße Davorstehen, Schauen, Hören oder Lesen etwas mit uns macht. "Man ist viel mehr im Hier und Jetzt, und das Museum ist auch ein Schutzort", sagt Psychologin Dr. Laura Stoiber in einem "Heute"-Interview.

Einsamkeitsvertreiber

Vielleicht, weil Kunst seit jeher genau dafür da ist. Die Literatur, die Malerei, die Musik: Sie konservieren Wehmut und Glück, Freude und Trauer, fangen flüchtige Momente ein und machen sie haltbar. Wenn ein Wort, ein Bild oder eine Melodie uns trifft, erhalten wir eine Ahnung davon, wie es gewesen sein muss – damals, dort, für jemand anderen. Manchmal wenden sich Menschen von der Kunst ab, ignorieren sie oder erklären sie für unverständlich. Und manchmal geschieht das Gegenteil: Man fühlt, was eingefangen wurde. In diesem Moment entsteht etwas Gemeinsames. Kunst ist dann nicht spektakulär, sie schreit nicht – sie ist einfach da. Und sehr oft vertreibt sie etwas, das sich hartnäckig hält: die Einsamkeit.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen, auf die sich diese neue Wertschätzung stützt, sind ebenso vielschichtig wie die Kunst selbst. Teilnehmer nahmen an individuellen Betrachtungen teil, an geführten Sitzungen, an reflektierenden Aufgaben wie Tagebuchschreiben, emotionaler Bewertung oder Diskussion. Stoiber meint dazu, dass "Führungen Orientierung und Sicherheit geben. Partizipative Formate stärken das Gefühl von Beteiligung und Selbstwirksamkeit, fördern Gemeinsamkeit und senken Einsamkeit". Reflexion scheint ein Schlüssel zu sein – einen Raum in uns öffnen, Gemeinsamkeiten erkennen, gegen Isolation ankämpfen.

Sinnvolle Kunst

Die Forschenden unterscheiden dabei verschiedene Wirkmechanismen. Affektive Prozesse helfen bei der Emotionsregulierung und ermöglichen Freude. Kognitiv regt Kunst Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen an, sie weckt Neugier oder lädt zum Nachdenken ein. Sozial entfaltet sie ihre Wirkung dort, wo Kunsterlebnisse geteilt werden und Isolation sich löst. Selbsttransformative Mechanismen erlauben persönliche Reflexion, stärken Identität und Sinn. Und schließlich fördert Kunst Resilienz – jene Fähigkeit, die hilft, emotionale Belastungen zu bewältigen und sich davon zu erholen, besonders in klinischen oder stark fordernden Lebenssituationen.

Vielleicht liegt genau darin die leise Hoffnung dieser Entwicklung: dass Kunst nicht nur betrachtet, sondern ernst genommen wird. Nicht als Allheilmittel, aber als Begleiterin. Dr. Laura Stoiber bestätigt das auch: "Museen ersetzen keine Therapie, sie können diese aber sinnvoll ergänzen. Sie fördern Selbstreflexion, emotionale Anregung und Erholung und sind ein niedrigschwelliger Zugang zu mentaler Gesundheit, gerade für Menschen, die im Alltag stark belastet sind". Kunst kann also als etwas verstanden werden, das uns zuhört, wenn wir selbst keine Worte haben. Und das uns – zwischen Belvedere und MuseumsQuartier – für einen Moment daran erinnert, dass wir mit unseren Gefühlen nicht allein sind.

{title && {title} } wall, {title && {title} } 29.01.2026, 14:38
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