Israel-Kenner packt aus

Harte Analyse – "Kein Kind, das in Gaza getötet wird"

Selbst bei Israels engstem Vertrauten, den USA, kommt Kritik am Militäreinsatz in Gaza auf. Ein Experte analysiert, wohin der Krieg führen könnte.
Newsdesk Heute
18.12.2023, 22:36
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Martin Weiss kennt Israel und die USA wie kaum ein anderer Österreicher, denn er war als Botschafter in beiden Ländern tätig. Dass nun auch die USA Israel wegen des Militäreinsatzes im Gazastreifen kritisiere, werde die Situation zwar nicht über Nacht ändern, aber es werde "sicherlich sehr ernst genommen", so Weiss am späten Montagabend in der "ZIB2" bei ORF-Moderator Armin Wolf. Dass es viele Tote in Gaza gebe, sei für ihn nicht verwunderlich: "Gaza ist einfach ein Gebiet, das extrem eng besiedelt ist. Und dort wird Krieg geführt. Das führt zu zivilen Opfern, das lässt sich nicht vermeiden."

Niemand könne genau sagen, wie viele Tote Zivilisten seien und wie viele Hamas-Terroristen, so Weiss. "Kein kleines Kind, das in Gaza getötet wird, hat sich ausgesucht, in Gaza zu leben", so der Ex-Botschafter. Und mit der Zahl der Opfer steige auch die internationale Kritik. In Israel gebe es diese Kritik auch, aber es herrsche dort "ein ganz großer Schock", so der Experte. In Österreich sei der Schock nach dem Terroranschlag mit vier Toten tief gesessen, nun müsse man Israel mit 1.200 Toten bei einem Anschlag bedenken. Es gebe den Wunsch nach Sicherheit und das Motto sei ausgegeben worden, so etwas dürfe nie wieder passieren.

„Die Hamas vollständig auszulöschen, wie soll das gelingen?“
Martin Weiss

Und was passiere nach dem militärischen Einsatz in Gaza? "Es gibt wenige gute Antworten darauf", so Weiss. "Die Hamas vollständig auszulöschen, wie soll das gelingen?" Man könne nicht wissen, wer Hamas-Kämpfer und wer Zivilist sei. Israel wolle zudem, dass weder die Hamas, noch die Fatah Gaza künftig kontrolliere. "Viele Fragen, wenige Antworten" gebe es deswegen darauf, wann der Militäreinsatz ende und was danach komme. Eine Lösung könnte sein, die Hamas-Anführer festzunehmen, dann könnte der Militäreinsatz wohl gestoppt werden, so Weiss. Am Ende des Tages würden Israelis und Palästinenser miteinander leben müssen, da könne Gewalt keine Lösung sein. 

Die Human Rights Watch (HRW) beschuldigte die israelische Regierung indes am Montag, als Teil ihrer Kriegsstrategie gegen die islamistische Bewegung Hamas palästinensische Zivilisten im Gazastreifen gezielt auszuhungern. "Die israelische Regierung nutzt das Aushungern von Zivilisten als Kriegstechnik im besetzten Gazastreifen, was ein Kriegsverbrechen darstellt", stellte die in New York ansässige Organisation in einem Bericht fest. "Das israelische Militär blockiert absichtlich den Zugang zu sauberem Wasser, Nahrungsmitteln und Treibstoff, während es vorsätzlich die humanitäre Hilfe behindert, Berichten zufolge landwirtschaftliche Flächen zerstört und der Zivilbevölkerung lebenswichtige Güter vorenthält", versichert der Bericht.

„Ihr fehlt die moralische Grundlage, über die Ereignisse in Gaza zu sprechen“
Israel zur Kritik der HRW

Israel verwahrt sich gegen die Vorwürfe und nennt HRW eine "antisemitische und antiisraelische Organisation". Weil sie den Hamas-Angriff vom 7. Oktober nie verurteilt hat, fehle ihr "die moralische Grundlage, über die Ereignisse in Gaza zu sprechen." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wiederum hat Israel vorgeworfen, ein Krankenhaus im Norden des Gazastreifens de facto zerstört zu haben. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus äußerte sich am Sonntag im Kurzbotschaftendienst X "entsetzt über die faktische Zerstörung des Kamal-Adwan-Krankenhauses im nördlichen Gazastreifen in den vergangenen Tagen". Das Krankenhaus sei jetzt nicht mehr einsatzfähig, außerdem seien mindestens acht Patienten ums Leben gekommen.

Berichten zufolge seien zahlreiche Mitarbeiter festgenommen worden, erklärte Tedros weiter, nachdem die israelische Armee einen mehrtägigen Einsatz in dem Krankenhaus beendet hatte. Viele Patienten hätten sich "unter großem Risiko für ihre Gesundheit und Sicherheit" selbst in Sicherheit bringen müssen, weil Krankenwagen das Krankenhaus nicht hätten erreichen können. Mehrere Patienten seien wegen fehlender medizinischer Versorgung gestorben, unter ihnen ein neun Jahre altes Kind. Israel warf Tedros als Reaktion vor, nicht darauf hingewiesen zu haben, dass sich die islamistische Palästinenserorganisation Hamas in dem Krankenhaus verschanzt habe. Außerdem seien die israelischen Streitkräfte vor dem Eindringen in die Klinik mit dem medizinischen Personal in Kontakt getreten.

„Zu viele Zivilisten wurden getötet“
Annalena Baerbock und David Cameron

Deutschland und Großbritannien haben in der Zwischenzeit einen dauerhaften Waffenstillstand im Gaza-Krieg gefordert. Außenministerin Annalena Baerbock und ihr britischer Kollege David Cameron verlangten in einem gemeinsamen Beitrag für die britische "Sunday Times": "Unser Ziel kann nicht einfach ein Ende der Kämpfe heute sein. Es muss ein Frieden sein, der über Tage, Jahre, Generationen andauert. Wir unterstützen daher einen Waffenstillstand, aber nur, wenn er dauerhaft ist." Zuvor hatte bereits US-Präsident Joe Biden Israel zu mehr Rücksicht auf die Zivilbevölkerung aufgerufen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bleibt dagegen bei seiner Linie, bis zum "totalen Sieg" den Krieg gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen fortzusetzen.

Cameron und Baerbock sprachen sich allerdings nicht für einen sofortigen Waffenstillstand aus, zeigten jedoch Verständnis für solche Forderungen. "Es ist eine verständliche Reaktion auf so viel Leid, und wir teilen die Ansicht, dass sich dieser Konflikt nicht immer weiter hinziehen darf. Deshalb unterstützten wir die jüngsten humanitären Pausen", zitierte die Nachrichtenagentur PA aus dem Beitrag. Die beiden Außenminister erklärten weiter, Israel habe das Recht, sich zu verteidigen, müsse sich dabei aber an das humanitäre Völkerrecht halten. "Israel wird diesen Krieg nicht gewinnen, wenn seine Operationen die Aussicht auf ein friedliches Zusammenleben mit den Palästinensern zerstört." Die Israelis hätten ein Recht darauf, die Bedrohung durch die Hamas zu beseitigen, "aber zu viele Zivilisten wurden getötet".

„Werden sicherstellen, dass wir weiterkämpfen, bis wir den totalen Sieg erringen“
Benjamin Netanyahu

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat trotzdem seine Entschlossenheit bekräftigt, den Krieg gegen die islamistische Hamas im Gazastreifen fortzusetzen. Der einzige Trost für die Familien der gefallenen Soldaten sei, dass ihr Tod nicht umsonst gewesen sei, sagte Netanyahu am Samstagabend laut der Zeitung "The Times of Israel". Daher werde man "sicherstellen, dass wir weiterkämpfen, bis wir den totalen Sieg erringen". Zu Forderungen der Hamas nach Einstellung der Kämpfe und Abzug der Truppen wurde Netanyahu mit den Worten zitiert: "In dem Moment, in dem wir vor dieser Forderung kapitulieren, hat die Hamas gewonnen. Und wir sind verpflichtet, (die Hamas) zu eliminieren und alle Geiseln zurückzubekommen".

Zur versehentlichen Tötung von drei Geiseln durch israelische Soldaten sagte Netanyahu: "Es hat mir das Herz gebrochen, es hat das Herz einer ganzen Nation gebrochen". Dennoch werde der Krieg weitergehen. Der Druck auf den Regierungschef, einer neuen Feuerpause für den Austausch von Geiseln gegen in Israel inhaftierte Palästinenser zuzustimmen, dürfte durch den Vorfall steigen. Nach israelischen Schätzungen werden derzeit noch 112 aus Israel verschleppte Menschen in Gaza festgehalten. Weiterhin gebe die Hamas die Leichen von 20 am 7. Oktober Entführten nicht heraus, teilte das Büro Netanyahus mit.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 18.12.2023, 22:46, 18.12.2023, 22:36
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