Heeres-Oberst deckt erschütternde Ukraine-Wahrheit auf

Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.Screenshot YouTube/Österreichs Bundesheer
Oberst Markus Reisner zeigt in seiner neusten Analyse zum Ukraine-Krieg eine verheerende Wahrheit auf – und sagt, wie es weitergeht.

Bald herrscht elf Monate Krieg in der Ukraine. Bundesheer-Oberst Markus Reisner hat den Jahreswechsel nun zum Anlass genommen, eine tiefgreifende Analyse von Wladimir Putins Invasion zu erstellen. Die Aussichten sind nicht rosig – weder für die Verteidiger noch die angreifenden Russen. Das zeigt der Militär-Experte anhand der drei Ebenen: Taktik, Operationen und Strategie.

Taktik

So hätte etwa die russische Armee auf taktischer Ebene einen herben Rückschlag hinnehmen müssen. Die Idee, mit mechanisierten Bataillonskampfgruppen bzw. bataillonstaktische Gruppen (BTG) einen schnellen Einmarsch durchzuführen, ging nach hinten los. "Die bataillonstaktische Gruppe hat offensichtlich, vor allem was den Anteil an Infanterie betrifft, eine Unterlegenheit, die sich gerächt hat", so der Offizier.

Die russischen Panzer seien ohne den Schutz von begleitenden Soldaten zu Fuß eine leichte Beute für die Verteidiger gewesen. Gleichzeitig hätten es die Ukrainer verstanden, durch den Einsatz von präziser Artillerie und von der Schulter abgefeuerter Anti-Panzer-Waffen den mechanisierten Russenvorstoß aufzuhalten.

Operationen

Auf operativer Ebene sei ganz klar festzustellen, dass die Ukrainer nach der Abwehr des Ansturms auf Kiew – auf den sich die russische Seite mehr als mangelhaft und offenbar gestützt auf falsche Informationen vorbereitet hatte – weiterer Erfolge verbuchen konnten. Reisner nennt die Gegenoffensiven im Raum Charkiw oder die Zurückdrängung der Russen auf die andere Seite des Dnipro bei Cherson als Beispiele. Dennoch habe die russische Armee nicht nur einstecken müssen.

"Man muss auch feststellen, dass auch die russische Seite im Verlauf der letzten elf Monate Erfolge verzeichnen konnte." Die Eroberung von Mariupol, die Kesselschlacht von Sewerodonetsk und nun auch der Vorstoß in Soledar bei Bachmut würden das zeigen. Und: Russische Einheiten würden nach einem Fehlschlag sehr rasch ihre Methoden adaptieren. Überhaupt würden beide Seiten eine sehr hohe Flexibilität in ihrer Art der Einsatzführung beweisen.

Strategie

Die strategische Ebene sei entscheidend darüber, wie lange die Kriegsparteien den Konflikt noch weiterführen können. Die Russen hätten etwa erkannt, dass es mit Raketen, Drohnen und anderen Langstreckenwaffen möglich ist, die Achillesverse der Ukrainer zu treffen: die kritische Infrastruktur hinter der Front.

"Das heißt: Obwohl paradoxerweise die ukrainische Seite sehr erfolgreich auf operativer Ebene ist, hat sie die Herausforderung, dass die russische Seite auf strategischer Ebene, immer wieder versucht die kritische Infrastruktur – das ist natürlich die Stromversorgung – anzugreifen. Und da ist sie sehr erfolgreich." Die Folge sind Ausfälle und rollierende Blackouts, um das getroffene Stromnetz nicht kollabieren zu lassen. "Hier geht es also vor allem um die Ausdauer, diesen Konflikt weiterführen zu können", analysiert Reisner.

Tausende Panzer schon zerstört

Von höchster Wichtigkeit sei daneben auch der Schutz des eigenen Kriegsmaterials. Russland war hier zu Beginn der Invasion ganz klar im Vorteil, hatte das Land doch noch ein riesiges Arsenal aus Sowjetwaffen. Experten gehen davon aus, dass Russland in Summe rund 10.000, teilweise aber uralte Panzer zur Verfügung habe. Im Rahmen der Instandsetzungsprogramme sei es Putin wohl möglich, rund 3.000 bis 3.500 davon auch ins Feld zu führen.

Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.Screenshot YouTube/Österreichs Bundesheer

Die ukrainischen Streitkräfte hatte ebenfalls ein riesiges Panzer-Arsenal aus ihrer Sowjetvergangenheit. Sie dürften zumindest zu Beginn des Krieges die quantitativ stärkste Streitmacht Europas gewesen sein. Über 1.000 Kampfpanzer und noch einmal doppelt so viele Schützen-Panzer und gepanzerte Fahrzeuge dürften vorhanden gewesen sein.

Die Verluste auf beiden Seiten waren aber bereits in den ersten Kriegsmonaten riesig und sind nur schlimmer geworden. Reisner rechnet, dass bis in den Dezember der Kreml rund 1.400 Panzer und etwa 500 Artillerie-Systeme verloren haben dürfte. Auf ukrainischer Seite soll bis in den Juni eigenen Quellen zufolge rund die Hälfte des eigenen Kriegsmaterials eingebüßt worden sein.

Russen geht Munition noch lange nicht aus

Die Problematik bestehe aber auch bei der Munition. Hier habe Wladimir Putin den deutlich längeren Atem, so der Bundesheer-Oberst. Die Russen hätten vor dem Konflikt geschätzte 17 Millionen Artilleriegranaten in ihren Lagern gehabt, 7 Millionen seien bereits verschossen worden. Derweil könnte die russische Wirtschaft jedes Jahr rund 3,4 Millionen Artilleriegranaten nachproduzieren.

Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Oberst Markus Reisner ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.Screenshot YouTube/Österreichs Bundesheer

Heißt in Summe: Russland kann diesen Krieg noch sehr viel länger führen, bevor an allen Fronten die Munition knapp wird. Auf der anderen Seite hat die Ukraine ihre Lagerstände schon weitgehend verbraucht, weshalb der Umstieg auf NATO-Kaliber vorangetrieben wird. Das westliche Equipment samt Munitionslieferungen hätten im Sommer dann auch die erfolgreichen Gegenoffensiven möglich gemacht.

Gefährlich, Russen Inkompetenz zu unterstellen

Oberst Reisner geht auch mit verschiedensten Quellen zum Ukraine-Konflikt hart ins Gericht. Wenn man tatsächlich die Entwicklungen an der Front verstehen wolle, dann müsse man kritisch mit Informationen umgehen. Reisner mahnt: "Es bringt nichts, die russische Seite als inkompetent und nicht einsatzfähig zu bezeichnen." Stattdessen müsse man auch anerkennen, dass es für den Kreml Erfolge gegeben habe, die wichtig für das Verständnis der Möglichkeiten weiterer Eskalation seien.

Auch das sei Teil dieses Kriegs, der sich auch auf den Informationsraum erstrecke: "Während im Westen Rätselraten über die Einsatzfähigkeit der russischen Streitkräfte herrscht, versucht die russische Seite ganz gezielt durch eine Vielzahl von Formaten, entsprechend die Narrative so zu füttern, dass klar ist, dass das was sich die russische Armee vorgenommen hat, sie auch tatsächlich umsetzen kann." Vor allem in den Sozialen Netzwerken wimmele es nur so von Propaganda, die den Eindruck von großen Erfolgen erwecken solle – "das ist genau die Propaganda, der die russische Bevölkerung unterworfen ist."

Mehr lesen: Völlig anders – so erleben Russen den Ukraine-Krieg im TV

Wie geht es mit dem Krieg weiter?

Wenn die Ukraine weiter in die Offensive gehen wolle, dann brauche sie viel mehr an schwerem Kriegsgerät – Panzer, Artillerie und Fliegerabwehr – als der Westen bisher zu liefern versprochen habe. "Entscheidende Durchbrüche wie die Lieferung von hunderten Systemen haben wir bis jetzt nicht gesehen." Immer noch gebe es deshalb in der schlichten Zahl an verfügbarem Kriegsgeräte einen riesigen Unterschied zwischen den Kriegsparteien.

Die Ukrainer würden mit den Waffen des Westens zwei Korps aufstellen wollen, die im Osten und Süden Entscheidungen herbeiführen sollen. Eines könnte für einen Gegenschlag direkt nach Osten Richtung dem besetzten Lyssytschansk durchführen. Dort könnten Versorgungsrouten in den Donbass zerschlagen werden.

Erfolgversprechende Offensive

Das andere von Saporischschja direkt nach Süden vorstoßen, um die Landverbindung zwischen Russland und der Krim zu unterbrechen. Dazu bräuchte es einen Angriff auf Melitopol zusammen mit einem weiteren Angriff auf die Krim-Brücke. "Dieser Ansatz wäre der Erfolg versprechendere, denn es würde somit gelingen, die russischen Kräfte auf der Krim, [den Oblasts] Cherson und Saporischschja abzuschneiden und die russische Seite hätte ganz andere Herausforderungen zu bestehen, als das Nähren von Angriffen auf Bachmut

Jeder weitere Vorstoß würde aber auch dadurch erschwert, dass die Russen die letzten Monate genutzt hätten, sich in den besetzten Gebieten einzuigeln und Nachschub an die Front zu schaffen. 

"Für beide Seiten verheerend"

"Abschließend muss man feststellen, dass das was sich in den ersten Monaten des Konflikts herauskristallisiert hat, nämlich, dass dieser Krieg als Abnützungskrieg geführt wird, sich immer mehr der Wahrheit entsprechend darstellt", resümiert der Oberst vor dem Hintergrund eines bombenzerfurchten Feldes bei Bachmut voller Leichen von Wagner-Söldnern.

"Man erkennt hier eine Art der Kriegsführung, die wir in dieser Form nicht mehr für möglich gehalten haben", kommentiert Reisner das erschütternde Foto. Das alles erinnere an die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs und sei "für beide Seiten verheerend".

Die Russen hätten massive Verluste und auch ohne solch einen Fleischwolf einen Mangel an erfahrenen Infanteriesoldaten, was eine Entscheidung zu ihren Gunsten immer noch verhindere. Die Ukrainer wiederum hätten das Dilemma, Gebiete so lange wie möglich vor einer Einnahme zu verteidigen – unter ebenso herben Verlusten.

Wer wird gewinnen?

Am Ende läuft es hinaus, welches der beiden Länder den längeren Atem haben wird. Die Ukrainer würden derzeit zum größten Teil von den USA finanziert und unterstützt, Europa hätte vorrangig mit Geldmitteln geholfen. Gleichzeitig würden in Russland im Dreischicht-Betrieb moderne Panzer gebaut und an die Front verfrachtet. Trotz der hohen Verlustraten, "die einem aus westlicher Sicht unglaublich erscheinen", sei es der russischen Seite immer noch möglich, die in Besitz genommen Geländeteile zu halten.

Das betrübliche Fazit des Garde-Kommandanten: "Die Botschaft, die ich Ihnen mitgeben kann, ist, dass dieser Krieg noch länger dauern wird. Und wir dürfen nicht nur auf die Ukraine oder Russland sehen, sondern wir müssen auch bedenken, dass Kräfte im Hintergrund eine Rolle spielen." Auf russischer Seite wären das China, der Iran oder Indien. Auf ukrainischer der Westen und die NATO.

Der Konflikt sei wie ein Boxkampf, sagt Reisner abschließend: "Eine Runde nach der anderen findet statt. Die ukrainische Seite hat mehrere Runden nach Punkten gewonnen, aber es hat bis jetzt noch kein K.O. gegeben."

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