Eigentlich könnte man meinen, der Saisonstart des SK Rapid sei gelungen. Die Hütteldorfer stiegen mit einem Sieg beim SV Wienerberg im ÖFB-Cup auf, überstanden in der Conference-League-Qualifikation die erste Hürde FC Santa Coloma aus Andorra - zwei folgen noch - und starten am Sonntag (19 Uhr) gegen den SCR Altach in die Bundesliga-Saison.
Doch trotz der positiven Ergebnisse ist die Stimmung rund um den Rekordmeister alles andere als euphorisch. Zu tief sitzt der Frust über die vergangenen Jahre. In den letzten fünf Saisonen kam Rapid nie über Rang vier hinaus, zuletzt musste sich Grün-Weiß abermals über das Europacup-Playoff gegen die SV Ried in die Conference-League-Qualifikation retten.
Sky-Experte Andreas Herzog sieht dafür mehrere Gründe. Im Gespräch mit "Heute" verweist der 57-Jährige auf das besondere Umfeld in Hütteldorf. "Rapid ist der größte Verein mit der meisten Wucht in Österreich. Wenn du gewinnst, ist es wunderschön zum Arbeiten. Wenn du verlierst, ist es ein Wahnsinn. Dann bist du mit anderen Themen konfrontiert, weil es mit den Fans in Hütteldorf wilder zugeht."
Im Zentrum der Kritik jener Anhänger steht Sportchef Markus Katzer. Der 46-Jährige, der seit 2023 im Amt ist, erzielte mit Verkäufen von Isak Jansson und Mamadou Sangare zwar Millionenerlöse, der erhoffte sportliche Aufschwung blieb bislang aber aus. Herzog: "Das ist das große Problem von Rapid. Wenn man besser werden will, muss man die zwei oder drei Topspieler, die den Unterschied machen, auch wirklich halten und nicht sofort verkaufen. Das ist Rapid bisher nicht gelungen."
Große Hoffnungen setzt der ehemalige Teamspieler deshalb in Innenverteidiger Jakob Schöller. Der 20-Jährige überzeugte zuletzt mit starken Leistungen und trug beim Cupspiel gegen Wienerberg sogar die Kapitänsschleife. Herzog begrüßt diesen Weg: "Schiebt die Jungen in die Verantwortung. Entweder er schafft es in den nächsten ein bis zwei Jahren und sein Marktwert explodiert, oder er schafft es nicht. Dann weiß Rapid aber auch, dass er dem Verein auf Dauer nicht entscheidend weiterhelfen kann."
Dabei beschränkt Herzog seine Kritik nicht auf Rapid. Vielmehr sieht er ein strukturelles Problem im österreichischen Fußball. "Ich glaube, dass viele junge Kicker in Österreich Angst haben, Fehler zu machen. Man muss ihnen klarmachen, dass sie mutig bleiben sollen. Entscheidend ist nicht, wo sie mit 13 sind, sondern wo sie mit 17, 18 oder 19 stehen. Dann müssen sie in der Bundesliga spielen."
Nach Ansicht des 57-Jährigen werde im Nachwuchs zu viel Wert auf Ergebnisse gelegt und zu wenig auf die Entwicklung der Spieler. Einen Grund dafür sieht Herzog in den vielen jungen Trainern, die ihre Karriere in den Akademien beginnen. "Die wollen natürlich auch nach oben kommen und gute Ergebnisse erzielen. Da muss man sich bei den Vereinen fragen, ob das die richtigen Trainer sind oder ob nicht ein erfahrener Trainer besser wäre, der diese Karriereziele nicht mehr hat und den Jungs dafür mehr beibringen kann."
Auch die Trainingsarbeit müsse sich verändern. "Die Kinder müssen mehr üben. Es braucht mehr Individualtraining. Stürmer müssen Abschlüsse trainieren, andere mehr dribbeln. Die Detailarbeit für die jeweilige Position ist entscheidend – du kannst einen Stürmer nicht wie einen Außenverteidiger trainieren. Harry Kane ist nicht zufällig so gut geworden. Er hat seine Schüsse hunderte Male am Tag trainiert."
Ein perfektes Beispiel war für Herzog das ÖFB-Team während der WM in Santa Barbara, das er für den ORF begleitete. Für den 57-Jährigen offenbarte Österreich bei den Spielen vor allem mit dem Ball zu wenige Lösungen. Dazu erzählte der ehemalige Deutschland-Legionär eine Anekdote: "Unsere Mannschaft hat jeden Tag 15 Minuten ohne Ball aufgewärmt. Ein spanischer Kollege meinte, die Österreicher würden einfach das Spiel gegen den Ball lieben – und das sei der Unterschied zu Spanien. Das heißt jetzt nicht, dass unser Aufwärmen schlecht ist. Aber wenn man diese 15 Minuten jeden Tag summiert und insgesamt nur 75 Minuten trainiert, kommt schon einiges zusammen."