Wer schon einmal in einer Hotellobby gesessen und fremde Menschen beobachtet hat, weiß: Langweilig wird's selten. Noch turbulenter wird es allerdings, wenn 18 exzentrische Opernfiguren aus ganz Europa gemeinsam festsitzen – geschniegelt für die Krönung eines Königs, aber ohne Transportmittel.
Genau das passiert in Gioachino Rossinis "Il viaggio a Reims", das morgen Premiere feiert. Eigentlich wollen alle nach Reims zur Krönung von Karl X. reisen. Doch es gibt keine Pferde. Also bleibt die illustre Gesellschaft im Kurhotel hängen – und aus der geplatzten Reise wird ein Feuerwerk aus Eitelkeiten, Flirts, Eifersucht, nationalen Klischees und herrlich überdrehten Missverständnissen.
Dass ausgerechnet eine Oper über Menschen, die nicht ans Ziel kommen, bis heute begeistert, hat gute Gründe. Rossini schrieb das Werk 1825 eigens für die Krönungsfeierlichkeiten in Frankreich. Nach nur vier Aufführungen verschwand die Partitur allerdings in der Schublade. Erst mehr als 150 Jahre später wurde das verschollen geglaubte Manuskript wiederentdeckt und rekonstruiert – ein Opern-Comeback der besonderen Art.
Schon die Besetzung ist rekordverdächtig: Gleich 18 Rollen, darunter zehn virtuose Hauptpartien, verlangen nach einem Ensemble der Extraklasse. Musikalisch jagt ein Ohrwurm den nächsten, gekrönt von einem spektakulären Ensemble für unglaubliche 14 Stimmen gleichzeitig.
Für die Wiener Inszenierung sorgt Publikumsliebling Barrie Kosky, der aus der ohnehin verrückten Geschichte noch mehr Tempo, Witz und Chaos herausholt. Statt einer klassischen Krönungsoper serviert er eine rasante Hotelkomödie voller Türenknallen, erotischem Slapstick und Feydeau-Humor. Dass die eigentliche Handlung denkbar dünn ist, stört Kosky überhaupt nicht – im Gegenteil. Gerade der Stillstand wird zur Spielwiese für aberwitzige Begegnungen.
Zu den unvergesslichen Momenten zählt auch die modeverrückte Contessa di Folleville. Als sie erfährt, dass ihre Festgarderobe bei einem Kutschenunfall zerstört wurde, reagiert sie mit einer Operntragik, als wäre die Welt untergegangen. Als sich wenigstens ein Hut retten ließ, schlägt die Stimmung schlagartig in ekstatischen Jubel um – Rossini-Humor in Reinform.
Und vielleicht steckt darin sogar eine überraschend moderne Botschaft. Die Figuren reden ununterbrochen vom Aufbrechen – und kommen doch keinen Schritt weiter. Oder, wie es in der Produktion treffend heißt: "Wir reden davon aufzubrechen, und wir sind immer noch hier."
Ein verrückter Hotelaufenthalt, brillante Rossini-Musik und Barrie Kosky in Höchstform – beste Voraussetzungen für einen Opernabend, bei dem Tränen fließen. Allerdings vor Lachen.