"Es gibt nur zwei Dinge, zu denen man keine ästhetische Distanz einnehmen kann: erstens den Ekel und zweitens die Sexualität" mit diesen Worten meldet sich Direktor Klaus Albrecht Schröder in der Pressekonferenz zur neuen exklusiven Ausstellung im Wiener Aktionismus Museum.
Nach großem Umbau und frischem Look öffnet das Museum am 25. März 2026 wieder seine Türen – und legt gleich mit einer Ausstellung los, die es in sich hat: Hermann Nitsch. 1960 bis 1965. Zu sehen sind zahlreiche Arbeiten, die bisher noch nie gezeigt wurden – ein seltener Blick auf die frühen Jahre eines der prägendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Im Fokus steht genau jene Phase, in der Nitsch zwischen 22 und 27 Jahren seine künstlerische Sprache radikal formt.
Die Ausstellung zeichnet diese Entwicklung nach: von den frühen Schütt- und Rinnbildern hin zu den eindringlichen Reliktmontagen, die – um Direktor Schröder bei der Pressekonferenz zu zitieren – "ein fürchterlicher Ausdruck" sind, gerade dadurch aber umso aussagekräftiger und künstlerisch relevant. So wird sichtbar, wie sich Schritt für Schritt ein Werk entfaltet, das bis heute polarisiert und fasziniert.
Der Museumsdirektor bringt es so auf den Punkt: Für Nitsch geht es nicht nur um Malerei. Sein Prozess ist körperlich, intensiv, manchmal extrem – ein Versuch, verdrängte Gefühle freizulegen und durchzuleben, um am Ende zu einer gesteigerten Form des Erlebens zu gelangen.
Besonders eindrücklich sind die Reliktmontagen: Nitsch verarbeitet darin Materialien wie Taschentücher, Pflaster, Menstruationsbinden – und sogar echtes Blut. Was zunächst irritiert, wird bei genauerem Hinsehen zu einem vielschichtigen System von Bedeutungen. Es geht um Wunden und Heilung, um Blut und Reinigung – und immer wieder um die Verbindung von körperlicher Erfahrung und christlicher Symbolik.
All das entsteht nicht im luftleeren Raum: Nitschs Bildwelt formt sich im Nachkriegsösterreich – in einer Gesellschaft zwischen Verdrängung, Schweigen und dem Wunsch nach einem Neuanfang. Genau hier setzt seine Kunst an – laut, direkt und unmöglich zu übersehen.
Die Kuratorin Julia Moebus-Puck zeigt sich begeistert und schließt ab: "Wir bekommen hier einen Nitsch zu sehen, den man sonst nicht so leicht zu sehen bekommt und vielleicht auch nicht erwartet".