Es wirkte wie ein kleiner Durchbruch. Beim Friedensgipfel zwischen den Delegationen aus der Ukraine und Russland am Dienstag im türkischen Istanbul gab es erstmals so etwas wie nennenswerte Bewegung. Es gab seitens der Verteidiger Zugeständnisse, die Russen wiederum ließen einige (nur mehr schwer erreichbare) Forderungen unter den Tisch fallen. Gleichzeitig kündigten Wladimir Putins Gesandte (nicht nur aus Wohlwollen, siehe unten.) an, die Kampfhandlungen rund um Kiew und Tschernihiw im Norden des Landes "drastisch reduzieren" zu wollen.
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Für den ukrainischen Reporter Ivan Gayvanovych sind das alles nur leere Versprechungen. Er erwartet sich keinen Fortschritt durch die aktuellen Friedensverhandlungen wie er im Ö1 Morgenjournal am Mittwoch erklärt. Von einer Reduktion an russischen Angriffen sei in Kiew "gar nichts" zu bemerken: "Ich würde sagen, dass es eine grundsätzliche Regel ist, niemals Russland zu vertrauen." Der Kreml habe "so viele bilaterale Abkommen mit Füßen getreten", dass heutige Aussagen russischer Vertreter "einfach bedeutungslos" seien.
Auch nach dem Friedensgipfel habe es am Abend und in der Nacht weitere Angriffe mit Artillerie und Raketen auf die ukrainische Hauptstadt gegeben. "Es gab mehrere Explosionen, es gab wieder Fliegeralarme", schildert der Journalist. Sein Fazit ist wenig positiv: "Jeder wünscht sich den Frieden, realistischer ist aber, einen neuen Angriff zu erwarten."
Die aktuellen Verhandlungen seien auch noch zu weit von einem tragbaren Ergebnis entfernt, als dass sich die Bevölkerung Kiews darüber den Kopf zerbrechen wolle: "Die Leute beschäftigen sich mit anderen, aktuellen Dingen". So habe er aktuell den Auftrag bekommen, für das Haus in dem er sich aufhält, einen Gaskocher zu besorgen. Ohne Erfolg, die sind in der ganzen Stadt ausverkauft. Was dennoch wie ein Schreckgespenst über den Bürgern hängt, ist die Frage: Was, wenn Putin doch Chemiewaffen einsetzt?
Doch vom Waffenarsenal des russischen Despoten lässt man sich in der Hauptstadt nicht einschüchtern. Es gebe zwar nicht viele Lebensmittel – frisches Gemüse ist etwa kaum noch zu bekommen –, "aber die Menschen verhungern nicht".
Und auch das soziale Leben in der Stadt trotzt den Russen. Zahlreiche Geschäfte, Märkte und Autowerkstätten sperren wieder auf. Laut Stadtverwaltung würden aktuell sogar rund 300 Cafés Coffee-to-go anbieten. Gayvanovych erzählt weiter, dass er im Zentrum der Stadt sogar ein einziges geöffnetes Restaurant gesehen habe – und es war brechend voll, obwohl zwei Drittel der Speisekarte gestrichen waren. "Im Grunde genommen lebt Kiew allmählich wieder auf", so der Reporter im Radio-Talk.
Selbst wenn dieser Krieg doch noch ein Ende finden sollte, glaubt Gayvanovych aber nicht, dass es noch einmal lange anhaltenden Frieden mit Russland geben wird können. Im Kreml sehe man den Begriff Neutralität gleichgestellt mit Abrüstung, Schwäche und Unterwürfigkeit, während sich die Ukraine darunter einen "kleinen NATO-Schutzschirm" vorstelle und, dass sie als neutrales Land von anderen Staaten verteidigt werde – "wenn Russland in einigen Monaten wieder angreift", erklärt der Ukrainer. Sein Ausblick ist düster: "Und das Risiko, dass Russland wieder angreift, ist sehr hoch..."
Ob sich das Russen-Militär künftig im Norden der Ukraine wirklich zurückhalten wird, ist noch unklar. Gänzlich über die Grenze verschwinden wird es aber sicher nicht. Die Stadt Tschernihiw soll laut dem dortigen Bürgermeister ohnehin "völlig zerstört" sein.
Vor dem Gipfel am Dienstag hatte Wladimir Putin bereits angekündigt, sich künftig auf die "Befreiung des Donbass" konzentrieren zu wollen. Das allerdings aus westlicher Sicht auch aus der Not heraus, weil die anderen Fronten innerhalb der Ukraine zum Stillstand gekommen sind und die russische Militärlogistik nicht ausreicht, alle Kampftruppen mit Sprit, Munition und Proviant zu versorgen. Bevor man hier einen Gesichtsverlust hinnehmen muss, ändert der Kreml-Chef die Ziele seiner "speziellen Militäroperation" und konzentriert sich lieber auf den bisher erfolgreichsten Vorstoß im Süden.