Wartezeiten und Aufnahmestopp

Jeder 3. Wiener Hausarzt nimmt keine Neupatienten mehr

Es ist fünf vor zwölf: Eine neue Studie im Auftrag der Wiener Ärztekammer zeigt, wie schlecht es um das Gesundheitssystem wirklich steht.

Wien Heute
Jeder 3. Wiener Hausarzt nimmt keine Neupatienten mehr
Niederlassung der Ärztekammer für Wien in der Weihburggasse 10-12 (Archivfoto)
Stanislav Kogiku / picturedesk.com

Wiens Bevölkerung wächst. Im Vergleich zum Jahr 2012 leben in der Stadt rund 16 % mehr Menschen. Gleichzeitig ist die Zahl der Kassenärzte um 12 % gesunken. Diese Negativspirale hat Folgen: Wartezeiten haben sich teilweise versiebenfacht und ein zunehmender Aufnahmestopp von neuen Patienten ist bemerkbar. Wie schlecht es um das Wiener Gesundheitssystem wirklich steht, zeigt nun eine aktuelle Studie von Meinungsforscher Peter Hajek im Auftrag der Ärztekammer.

850 Wiener Kassenärzte aus unterschiedlichsten Fachrichtungen wurden kontaktiert. Fast ausnahmslos zeigen sich Verschlechterungen zur letzten Erhebung aus 2012. Die Wartezeiten in den Wiener Kassenordinationen hat sich merklich erhöht. In einzelnen Bereichen können Arztpraxen die Anzahl an Patienten nicht mehr stemmen.

Wartezeiten bis zu 90 Tage

Besonders lang sind die Wartezeiten in den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Neurologie (90 Tage). Bei neurologischen Facharztpraxen wartet man 45 Tage. 2012 waren es hier noch 33 Tage.

"Es ist fünf vor zwölf. Die Ergebnisse sind erschreckend. Leider sind die Probleme hausgemacht, weil das Kassensystem seit vielen Jahren kaputtgespart wird. Die Leidtragenden sind die Patientinnen und Patienten", so Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart.

Aufnahmestopp bei jedem dritten Allgemeinarzt

Auch in den Bereichen Augenheilkunde (2012: 9 Tage, 2024: 44 Tage), Dermatologie (2012: 7 Tage, 2024: 28 Tage), Radiologie (2012: 32 Tage, 2024: 57 Tage), Pulmologie (2012: 5 Tage, 2024: 36 Tage) und Innere Medizin (2012: 12 Tage, 2024: 33 Tage) dauert es im Kassensystem immer länger, um einen Termin zu kommen.

Besonders dramatisch zeigt sich der Mangel an Gynäkologen im Kassensystem. Aktuell wartet man in Wien 32 Tage auf einen Termin – 2012 waren es noch 8 Tage. 30 Prozent der Kassenmediziner für Gynäkologie und Frauenheilkunde können Neuaufnahmen aufgrund der massiven Auslastung nicht stemmen. Auch rund jede dritte Allgemeinmedizinische Ordination kann keine neuen Patienten mehr aufnehmen.

Umfassende Maßnahmen sind notwendig

"Um die Wartezeiten für die Patienten massiv zu verringern, braucht es endlich eine Aufwertung unseres solidarischen Gesundheitssystems. Wir fordern umgehend eine Attraktivierung und bedarfsorientierte Finanzierung des Kassenbereichs. Mit einer Ausweitung der Kassenstellen stehen mehr Kapazitäten und damit rasche Facharzttermine zur Verfügung", sagt Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Wien.

"Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sind erschreckend", sagt Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart
"Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sind erschreckend", sagt Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart
Helmut Graf

In einem Katalog fordert die Ärztekammer nun umgehend Maßnahmen. Darunter fallen eine bessere Finanzierung, die Umsetzung der Patientenmilliarde, Unterstützung beim Gründungsprozess neuer Arztpraxen, modernere Arbeitsmodelle, um den Praxisalltag an die Lebensrealitäten der Menschen anzupassen und mehr Gemeinschaftspraxen. Außerdem wird eine Entbürokratisierung und eine faire sowie einheitliche Honorierung verlangt.

Ärztekammer: "Wir fordern die Politik zum Handeln auf"

"Dieser Notfallkoffer mit unserem Forderungskatalog für eine zukunftssichere Gesundheitsversorgung ist wirksam und wird rasch für Entlastung bei den Patienten sorgen. Menschen, die jahrelang einen großen Teil ihres Einkommens in unser solidarisches Gesundheitssystem einzahlen bzw. eingezahlt haben, müssen ein Recht auf die bestmögliche Versorgung haben! Wir fordern die Verantwortlichen der Bundesregierung, der Stadt Wien und der Sozialversicherung zum Handeln auf", appellieren Steinhart und Kamaleyan-Schmied an die Politik.

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    Leserreporter

    Auf den Punkt gebracht

    • Die Ärztekammer Wien hat eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass die Wartezeiten in den Kassenordinationen der Stadt deutlich angestiegen sind
    • Besonders betroffen sind die Fachbereiche Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neurologie und Gynäkologie
    • Die Ärztekammer fordert umgehende Maßnahmen zur Verbesserung der Situation, darunter eine bessere Finanzierung, Unterstützung beim Gründungsprozess neuer Arztpraxen und eine Entbürokratisierung
    red
    Akt.