77 Prozent der Covid-19-Patienten sind nach sechs Monaten vollständig genesen – 22 Prozent allerdings noch nicht zur Normalität zurückgekehrt. Diese ersten Resultate einer Untersuchung der Universität Zürich liegen dem "Tages-Anzeiger" vor und zeigen, dass die Langzeitfolgen einer Coronavirus-Infektion möglicherweise unterschätzt werden.
Noch existieren harte Zahlen zur Häufigkeit solcher Langzeitverläufe und Spätfolgen kaum. Die Pandemie ist dafür noch zu wenig alt. Es gibt vor allem kleine Studien mit beschränkter Aussagekraft. Die Universität Zürich hat für ihre Untersuchung 105 Covid-19-Patienten einer eingehenden Befragung unterzogen. 92 Prozent der Teilnehmer litten an Covid-Symptomen, ein Viertel war hospitalisiert.
Auch junge, gesunde Menschen stecken eine Erkrankung mit dem Coronavirus allerdings nicht einfach weg. Das zeigt die Untersuchung eines Corona-Ausbruchs in einer Rekrutenschule. Ein Fünftel der 199 infizierten Soldaten hatte durchschnittlich fünf Wochen nach der Diagnose immer noch eine reduzierte maximale Sauerstoffkapazität. Der Wert sank in einem einfachen Ausdauertest um 10 Prozent im Vergleich zum Beginn der Rekrutenschule. Diese Veränderung entspreche etwa einer Alterung um fünfzehn Jahre.
Die Befragungen zeigen, dass sich eine Person immer noch gleich schlecht fühlt wie zu Beginn der Erkrankung, einer weiteren Person ging es sogar schlechter. Von den 23 Betroffenen, die sich auch nach einem halben Jahr nicht gesund fühlten, waren 6 oft müde und erschöpft, 2 Teilnehmer litten noch immer an Geschmacksverlust und 2 weitere an Gelenkschmerzen. Die Beeinträchtigungen seien zwar nicht bei allen Teilnehmern schwerwiegend, es gehe den Betroffenen aber deutlich weniger gut als vor der Covid-Erkrankung, sagen die Forscher.
Ihre Untersuchung zeigt damit einen viel höheren Anteil an Spätfolgen als andere Studien. Forscher aus Großbritannien zum Beispiel gehen in einem Bericht davon aus, dass nur ein bis zwei Prozent nach drei Monaten "immer noch deutlich krank" seien.
Die Daten der Universität Zürich sind noch nicht veröffentlicht und daher zurückhaltend zu beurteilen. Zudem seien die bisher ausgewerteten Teilnehmer zwischen Ende Februar und Anfang April einer Diagnose unterzogen worden. Da damals hauptsächlich Risikogruppen und schwere Fälle getestet worden seien, habe man dadurch wahrscheinlich auch eher schwerere Fälle unter den Studienteilnehmern. Die Stichprobe sei jedoch repräsentativ.
Die Forscher wollen insgesamt bis zu 800 Personen aus dem Kanton Zürich untersuchen, die während der ersten Welle positiv getestet wurden. Zudem sind sie seit August dabei, zusätzlich 1200 positiv getestete Personen in regelmäßigen Abständen zu befragen, um die Bandbreite des Krankheitsverlaufs besser zu erfassen.