Jetzt 3 Monate Halligalli und dann Lockdown, Herr Kurz?

Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) im Gespräch mit Heute.at-Chefredakteur Clemens Oistric
Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) im Gespräch mit Heute.at-Chefredakteur Clemens OistricAlexandra Diry
Im "Heute"-Interview spricht Kanzler Kurz über die Corona-Lage, weitere Öffnungsschritte und über seinen Disput mit Gesundheitsminister Mückstein.

Gespoilert haben Kanzler und Gesundheitsminister seit knapp einer Woche, seit heute ist es fix: Österreich lockert die Corona-Maßnahmen mit 10. Juni (spätere Sperrstunde, Abstandsregeln gelockert) und 1. Juli (fast alle Maßnahmen fallen weg). Darauf hat sich die Regierung am Freitag mit den neun Landeschefs verständigt.

Das Klima sei gut gewesen, freut sich Sebastian Kurz (VP) im großen "Heute"-Weekend-Interview (in voller Länge als Video unten): "Der Gipfel war von sehr guter Stimmung geprägt. Alle sind glücklich, denn die Ansteckungszahlen sinken schneller als erwartet und der Impffortschritt ist gewaltig. Wir können daher alle unsere Versprechen einhalten – nämlich, dass bis zum Sommer jeder, der eine möchte, eine Impfung bekommt und wir zur Normalität zurückkehren können." Er ist sicher: "Wenn jeder in den nächsten Wochen noch vorsichtig ist, wird uns das grandios gelingen." 

DANN DIE HOFFNUNGS-ANSAGE! Drei Monate Halligalli und ein neuer Lockdown im Herbst? "Das sehe ich überhaupt nicht kommen", so Kurz.

Er ist der Meinung: "Solange das Virus nicht mutiert und wir durch die Impfung geschützt sind, können wir ganz normal leben." Und wenn das Virus mutiert? "Dann müssen wir sowieso die Mutation bekämpfen. Es bringt nichts, sich heute vor der Mutation zu fürchten, die vielleicht im November kommt. Niemand kann das heute sagen."

"Steigende Zahlen kein Drama"

Der Kanzler versucht auch, die Angst vor dem Blick auf die nackten Infektionszahlen zu nehmen: "Wenn die Ansteckungszahlen steigen, ist es nicht sofort ein Drama. Es geht immer darum, eine Überlastung der Intensivstationen zu verhindern. Nachdem viele ältere Menschen geschützt sind, kann es sein, dass sich Jüngere anstecken, ohne, dass das eine Auswirkung in den Spitälern hat." 

"Ich glaube nicht, dass noch einmal ein harter Lockdown in ganz Österreich notwendig ist."

Dann die Glasklar-Ansage: "Ich schließe aus, dass es zu einer Überforderung der Intensivkapazitäten kommt." Kurz glaube nicht, "dass noch einmal ein harter Lockdown in ganz Österreich notwendig ist". Hintergrund der Annahme: "Nachdem immer mehr Menschen geimpft sind, bin ich überzeugt davon, dass auch ein Anstieg der Neuinfektionen nicht zu einer Überlastung in den Spitälern führt."

Kurz bekommt im Juni AstraZeneca

Angesichts der guten Inzidenz (unter 40 am Freitag), dem gelösten Verhalten der Österreicher und den breiten Öffnungsschritten stellt sich die Frage: Gibt es Corona eigentlich noch?

Der Kanzler dazu: "Natürlich gibt es das Virus noch, aber mit der Impfung haben wir wirklich eine Möglichkeit, es zu besiegen." Kurz rechnet damit, dass er mit seiner eigenen Impfung "Anfang Juni dran sein" werde. Er bleibt dabei, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen, um zu zeigen, dass er allen Vakzinen, die von der EMA zugelassen sind, vertraue.

Der Kanzler zum Schweizerhaus-Eklat

Während er "noch nicht dazugekommen" ist, ein Training im Fitnesscenter zu absolvieren, hat es ihn privat nach der Gastro-Öffnung auch schon mal in ein Lokal verschlagen: "Ein Essen und ein schnelles Bier danach ist sich schon ausgegangen", so der 34-Jährige.

Zu den Protesten einiger Maßnahmen-Kritiker und FPÖ-Fans im Schweizerhaus sagt er: "Wir leben in einem freien Land, da darf man sich als Bundeskanzler frei bewegen und steht nicht unter einem Glassturz. Natürlich gibt es auch das Recht, zu demonstrieren oder eine andere Meinung zu vertreten."

Der Kanzler, der sich mit "Kurz muss weg"-Rufen konfrontiert sah, wünscht sich: "Wenn es uns gelingt, wieder etwas respektvoller miteinander umzugehen, wieder einen gelasseneren Blick auf die Dinge zu entwickeln, dann würde das der politischen Kultur gut tun."  

Wie es passieren kann, dass der verurteilte Neonazi Gottfried Küssel im Schweizerhaus zwei Tische neben dem Kanzler Platz nimmt – darauf reagiert Kurz mit einem subtilen Seitenhieb auf die FPÖ: "Natürlich steht es jeder Partei frei, Protestaktionen auch mit Personen wie Gottfried Küssel oder anderen zu organisieren."

"Verliere kein schlechtes Wort"

Im Gespräch mit "Heute" nimmt Kurz auch zum Luftschlösser-Eklat mit Wolfgang Mückstein Bezug. Welchen Hintergrund dessen Tweet mit der Kritik an Kurz' Öffnungsansage hatte? "Das weiß ich nicht", so Kurz. Nachsatz: "Ich bleibe meinem Stil treu und werde kein schlechtes Wort über Regierungsmitglieder verlieren. Mir geht es ums Ergebnis – und das ist ein gutes." Für ihn gelte: "Ende gut, alles gut." Und: "Dass es manchmal Diskussionen in der Politik gibt, dass es Meinungsverschiedenheiten vor Entscheidungen gibt, das ist legitim." Ob eine intakte Gesprächsbasis vorhanden ist? "Wir arbeiten gut zusammen."

Der Kanzler zur Mückstein-Causa:

3G-Regel bleibt im Sommer

Einig ist man sich, dass ab 1. Juli "nur noch minimale Einschränkungen" notwendig sind. "Für viele wird das ganz unproblematisch sein. Wenn man geimpft ist, darf man überall hinein. Wenn man sich nicht impfen lassen möchte, muss man sich ab und zu testen lassen, um Zugang zu haben. Damit können wir alle eine Zeit lang gut leben. Und sobald die Pandemie besiegt ist, schaut die Sache ganz anders aus", verspricht Kurz. 

Neben dem Rückkehr der Nachtgastronomie im Sommer sind auch Feste wieder möglich: "Ab 1. Juli kann wieder geheiratet werden, gefeiert werden. Hochzeiten, Geburtstagsfeiern – all das wird möglich, Gott sei Dank. Das ist vielen von uns schon ordentlich abgegangen."

Kassierer bald ohne Maske?

Ein Thema ist ihm ein persönliches Anliegen: nämlich eine Diskussion über die Maskenpflicht im Handel: "Wichtig ist, dass wir da noch eine Lösung finden in Richtung Sommer. Als Kunde 20 Minuten eine Maske aufzusetzen, kann nicht so ein großes Problem sein. Für jemanden, der in dem Bereich arbeitet, acht oder zehn Stunden eine Maske zu tragen, ist etwas ganz anderes. Das werden wir in den nächsten Wochen noch klären."

Dritte Impfung wohl nötig

Wie der Gesundheitsminister geht auch der Kanzler von einer dritten Impfung aus: "Ich rechne damit, dass wir nachimpfen müssen, um den Schutz aufrecht zu erhalten. Wir bereiten auch alles dahingehend vor. Wann das genau sein wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Wir sind jedenfalls vorbereitet, wenn es notwendig wird." 

Keine Impf- und Testpflicht für Kinder

Müssen auch Kinder zur Impfung? Kurz: "Ich bin dagegen, dass es eine Impfpflicht für Kinder gibt und die wird auch nicht kommen." Und was die Testpflicht betrifft: "Auch hier agieren wir mit Hausverstand. Kinder bis 12 müssen nicht getestet werden. Einem unbeschwerten Sommer mit den Eltern steht nichts im Wege."

Wie der Kanzler persönlich den Sommer verbringen wird? "Urlaub in Österreich, danach vielleicht auch ein paar Tage ans Meer." Drohen mit Einführung des Grünen Passes erneut stundenlange Wartezeiten an den Grenzen – wie im Vorjahr? "Ich bin davon überzeugt, dass das heuer wesentlich besser funktionieren wird. Wir haben für den Grünen Pass auf europäischer Ebene gekämpft, dem uneingeschränkten Reiseverkehr steht dann ab 1. Juli nichts im Wege."

Hier das gesamte "Heute"-Interview

Morgen auf Heute.at: Was Kanzler Sebastian Kurz zu den Hochzeitsgerüchten sagt

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch.
Nav-Account coi Time| Akt:
CoronavirusCoronatestVirusSebastian Kurz

ThemaCreated with Sketch.Weiterlesen