Jörg Haider: Auch 11 Jahre nach Tod noch Gerüchte

Das Wrack jenes VW Phaeton, in dem in der Nacht auf Samstag, 11. Oktober 2008, Kärntens damaliger Landeshauptmann Jörg Haider auf der Loiblpass-Bundesstraße in Lambichl in Kärnten tödlich verunglückte.
Das Wrack jenes VW Phaeton, in dem in der Nacht auf Samstag, 11. Oktober 2008, Kärntens damaliger Landeshauptmann Jörg Haider auf der Loiblpass-Bundesstraße in Lambichl in Kärnten tödlich verunglückte.Bild: picturedesk.com
In der Nacht zum 11. Oktober 2008 kam der damalige Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider alkoholisiert bei einem Unfall ums Leben. Bis heute wollen das nicht alle glauben.
Die Gedenkstätte für Jörg Haider am Straßenrand in Lambichl steht noch heute. Über das Jahr bringen Menschen immer wieder Kerzen, Blumen und Kränze vorbei und manchmal Fotos vorbei und halten an der Unfallstelle des ehemaligen Kärntner Landeshauptmanns inne. Nähert sich ein Kärntner Feiertag oder der Jahrestag seine Todes, werden heimlich über Nacht – so wie am Mittwoch – Hunderte Kerzen an der Gedenkstätte von Unbekannten ausgeladen und entzündet.



VW wurde in Trümmer gerissen

Haider kam in der Nacht auf den 11. Oktober 2008 in Lambichl südwestlich von Klagenfurt auf der Loiblpass-Straße ums Leben. Mit 1,8 Promille Alkohol im Blut und fast dem Doppelten der erlaubten 70 Stundenkilometer kam sein VW Phaeton am Heimweg von zahlreichen Veranstaltungen ins Bärental nach einem Überholvorgang von der Straße ab und wurde von einer Garteneinfassung, gegen die er prallte, in Trümmer gerissen.

CommentCreated with Sketch.32 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Haider erlitt schwerste Verletzungen und verstarb noch beim Transport ins Krankenhaus. Monatelang wurde der Unfall untersucht, bis die Staatsanwaltschaft erklärte: Es handelte sich um einen Fahrfehler, keinerlei andere Ursache komme für Haiders Tod infrage. Schon damals kamen Gerüchte auf, der Unfallwagen sei manipuliert gewesen oder es habe eine "Fremdeinwirkung" gegeben. Auch Haiders Leichnam wurde untersucht und mehrere Gutachten kamen zum Schluss, dass Haider an den Folgen des Unfalls starb.



"Grenzt an Heiligenverehrung"

Unvergessen ist Haider für viele Menschen nicht nur in Kärnten dennoch. Am Tag der Volksabstimmung, dem 10. Oktober, ein Feiertag in Kärnten, posten viele Kärntner in den sozialen Netzwerken nicht Gedanken zum historischen Akt, der dem besetzten Kärnten 1920 nach blutigen Kämpfen den Verbleib bei Österreich sicherte. Nein, es sind Hunderte Fotos von Haider auf Facebook und Co. mit "Jörg, du fehlst uns!"-Schriftzügen zu sehen.

Eine Umfrage im Vorjahr zeigte gar, dass Haider von 36 Prozent der Kärntner, also mehr als jedem Dritten, noch immer gewählt werden würde. "Das grenzt beinahe schon an Heiligenverehrung", sagt dazu Meinungsforscher Peter Hajek. Doch Haider wird nicht nur verehrt, um ihn drehen sich auch Hunderte Verschwörungstheorien.



"Jörg Haider, bitte hilf uns"

Das damalige BZÖ trat nach Haiders Tod mit dem Transparent-Spruch "Jörg Haider, bitte hilf uns, diese Verräter zu verscheuchen" auf. Der später wegen Verhetzung verurteilte Karlheinz Klement, aktuell Generalsekretär des BZÖ Kärnten, behauptetet, der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad habe Haider ermordet. Gerhard Wisnewski veröffentlichte in einem Buch Verschwörungstheorien um Mordpläne auf Haider.

In der Kärntner Bevölkerung und auch österreichweit finden die Verschwörungstheorien um den Tod Haiders bis heute höchsten Anklang. Von Sprengfallen, Einschusslöchern am Wagen, Raketenangriffen auf die Straße, eine Ermordung mit anschließender Unfall-Inszenierung und vielem mehr ist die Rede. Schuld? Je nach Theorie der Mossad, "die Ostküste", die Deutsche Bank, die Deutsche Bahn, die Gewerkschaft oder "die da oben".



Blutproben "verschwunden"

Befeuert werden solche bizarren Gerüchte auch nicht selten von höchster Stelle. Mit einem reißerischen Facebook-Beitrag ("+++EILT+++") lieferte der über die Ibiza-Affäre gestolperte Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache erst im Juli 2019 neuen "Haider"-Zündstoff. Im Oktober 2018 hatte die Familie Haiders die Herausgabe von Blut- und Gewebeproben des früheren Kärntner Landeshauptmannes gefordert, die während der Ermittlungen sichergestellt worden waren. "Fristgerecht nach zehn Jahren", wie Strache betonte.

Doch die Staatsanwaltschaft Klagenfurt lehnte dieses Gesuch ab. Die Proben seien "verschwunden", tobte Strache und fragte, was mit diesen passiert ist: "Warum wurden sie nicht aufgehoben, wie dies eigentlich rechtlich notwendig gewesen wäre?" Der frühere Vizekanzler ortet einen "unfassbaren Skandal" – der aber keiner ist. Laut Markus Kitz, Sprecher der Klagenfurter Staatsanwaltschaft, gibt es die Proben nämlich gar nicht mehr. Die Blutproben wurden nach ihrer Analyse in Innsbruck und München nur kurze Zeit aufgehoben und danach vernichtet, wie auch in den Gutachten vermerkt.



Proben sind nicht "verschwunden"

Warum sich Strache über eine Zehnjahresfrist echauffiere, wisse er nicht, so Kitz: "Eine solche gibt es nicht". Der Sprecher der Staatsanwaltschaft mutmaßte, dass sie Strache vielleicht auf jene Verordnung beziehe, die vorsieht, dass Urkunden, Akten und Schriftstücke für ein Jahrzehnt archiviert werden müssen. Das gelte allerdings nicht für Blut- und Gewebeproben, betonte Kitz. Von "verschwunden" könne also keine Rede sein. Man könne aber auch nicht herausgeben, was nicht mehr existiere.

Deshalb musste das offenbar ziemlich unübliche Gesuch von Haiders Familie am 11. Jänner 2019 auch abgelehnt werden. Staatsanwalt Kitz fügte noch hinzu: Es sei ihm kein einziger Fall bekannt, in dem Angehörige die Herausgabe von gesicherten Blut-, Harn- oder Gewebeproben gefordert hätten. Und zu Wort meldete sich auch wieder das BZÖ, vor allem, weil die Akten weiterhin als "Geheime Verschlusssache" geführt würden. Für die Justiz ist die Causa Haider eigentlich schon lange ein Fall für die Akten – als Unfall.



Jörg Haider war von 1986 bis 2000 Vorsitzender der FPÖ, 2005 verließ er zusammen mit anderen Funktionären die Partei und gründete das BZÖ, mit dem er in Kärnten große Erfolge feiern konnte. Von 1989 bis 1991 und von 1999 bis zu seinem Tod am 11. Oktober 2008 war er Landeshauptmann von Kärnten.

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