Fussball

"Kicker in gewissen Situationen Kuscheltiere"

Als einer von zwei Klubs in der Schweiz trainiert GC Zürich unter Ex-Rapid-Trainer Goran Djuricin wieder. Der Wiener über die Rückkehr auf den Platz.
12.05.2020, 07:51

In Deutschland rollt ab kommendem Wochenende wieder der Ball. In Österreich wird über den Bundesliga-Neustart Ende Mai diskutiert. In Spanien und England soll es im Juni weitergehen. In der Schweiz kehrten die ersten beiden Klubs am Montag auf den Platz zurück.

Einer der Protagonisten: Goran Djuricin. Der Wiener, ehemals Rapid-Trainer, wurde nach seinem Aus bei Blau Weiß Linz kurz vor der Corona-Pandemie von GC Zürich engagiert. Der Schweizer Traditionsklub war abgestiegen, hatte sich Rapids ehemaligen Sportdirektor Fredy Bickel geangelt, der holte den alten Vertrauten ins Boot.

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Bickel ist inzwischen Geschichte. Die Übernahme durch chinesische Investoren kostete ihn zu Ostern seinen Job. Djuricin darf (noch) bleiben. Er spricht jetzt über die ersten Trainingseindrücke nach der langen Isolation.

Erste Eindrücke

Als eines von nur zwei Schweizer Profiteams nimmt GC den Trainingsbetrieb nach der Coronakrise wieder auf. Die Freude, sich nach 57 Tagen endlich wieder die Fußballschuhe überziehen zu können, ist bei allen Grasshoppers spürbar.

Es ist nach zwei langen Monaten der erste Tag, an dem die GC-Spieler abgesehen von individuellem Jogging oder Kraftübungen in den heimischen vier Wänden wieder ihrem eigentlichen Beruf nachgehen können. Kapitän Veroljub Salatic. Goalie Mirko Salvi. Stürmer Nassim Ben Khalifa. Ein Profi nach dem anderen trudelt gutgelaunt auf dem Trainingsplatz ein. Begleitet von viel Gelächter und angeregten Gesprächen, aber natürlich mit dem von den Behörden vorgeschriebenen Mindestabstand von zwei Metern. Denn Voraussetzung, dass wieder trainiert werden darf, ist die strenge Einhaltung der Vorschriften des BAG und einem Konzept mit Schutzmaßnahmen, die die Swiss Football League in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden ausgearbeitet haben.

Der Ball hat gefehlt

Die Übungen im Training auf dem für die Öffentlichkeit geschlossenen Campus finden ohne Körperkontakt statt. Auch Abklatschen oder Umarmen ist nicht gestattet. Es ist eine vorsichtige Rückkehr. "Vor dem Training wird bei jedem Spieler Fieber gemessen und nachgefragt, wie er sich fühlt", sagt der österreichische Trainer Goran Djuricin, "zudem hat jeder sein eigenes Handtuch, seine eigene Trinkflasche und die Spieler duschen zu Hause." Auch die Trainingskleider müssen sie Zuhause selber waschen.

"Die Vorfreude ist groß, endlich wieder auf dem Platz stehen zu können", sagt Kapitän Salatic. Vor 57 Tagen hat der Zweitligist den Trainingsbetrieb eingestellt. Wie hat der Kapitän die unfreiwillig lange Pause überbrückt? "Ich war wie alle sehr viel Zuhause und habe mit meinen zwei schulpflichtigen Kindern Hausaufgaben gemacht. Das hat sehr viel Zeit beansprucht. Ich konnte in Mathe und Deutsch mein Wissen auffrischen", sagt der vierfache Vater lachend. Kontakt mit den Mannschaftskollegen hatte er via Chat und Video-Calls: "Natürlich ist das nicht das Gleiche und der Fußball hat uns schon gefehlt."

Goran Djuricin wurde beim SK Rapid von Didi Kühbauer beerbt.
(Bild: GEPA-pictures.com)

Drei Abwesende

Der Liberianer Allen Njie und der Nigerianer Francis Momoh durften vor zwei Monaten zu ihren Familien in die Heimat reisen. Ihre Rückkehr ist nun aber offen. Ed Francis, ausgeliehen von Wolverhampton, weilt in England. Bei ihm scheint unklar, ob er überhaupt wieder zurückkommen wird.

Das Gefühl im Fuß haben die Spieler nicht verloren. Ein Pässchen hier, ein langes Zuspiel und Jonglieren da. Überhaupt ist zu sehen, wie sehr es die Profis genießen, endlich wieder einen Ball am Fuß zu haben. Er hat eine Anziehung wie Honig für die Bienen. Keiner kann an einem herumliegenden Ball vorbeilaufen ohne dagegenzutreten, ihn zu jonglieren oder einfach nur in den Händen zu halten.

Djuricin: "Sensationell"

"Ich glaube, ich kann für alle sprechen: Es war schlicht sensationell", sagt Trainer Djuricin nach den ersten 90 Minuten auf dem Rasen. "Wir dürfen wieder unseren Beruf ausüben. Da sind wir auch privilegiert, wenn man viele andere Sportarten anschaut und dafür sind wir der Regierung dankbar." Das erste Training nach acht Wochen mit dem Ball sei eine Herausforderung gewesen, schildert er lachend: "Es war die eine oder andere koordinative Schwierigkeit dabei."

Wichtiger sei nun, darauf zu achten, dass die Spieler sich nach der langen Pause nicht verletzen. "Auch deshalb trainieren wir in der ersten Woche mit möglichst wenig Körperkontakt und auch bei Sprints und Torschüssen ist das Verletzungsrisiko groß."

Die größte Umstellung ergebe sich aber aus der fehlenden Emotionalität. "Die jungen Leute können nicht so kommunizieren, wie sie wollen und es gewohnt sind. Und Fußballer sind in gewissen Situationen Kuscheltiere." Abklatschen, spontan miteinander Jubeln und Umarmen ist in Zeiten von Corona und Social Distancing einfach nicht drin. "Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und gewöhnt sich an alles", sagt der Österreicher. Warum aber der frühe Start? GC ist neben Super-League-Leader St. Gallen der einzige Klub, der am Montag mit dem Training begonnen hat.

Djuricin: "Wir gehen davon aus, dass die Meisterschaft fortgesetzt wird und müssen einen Plan haben." Und Salatic: "Wir wollen uns wieder mit einem Gegner messen und Leistung zeigen und dafür werden wir schließlich bezahlt."

(20 Minuten / Heute Sport)