Der zweimonatige Dauerprotest in der Ukraine gegen den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch radikalisiert sich. Am Sonntagabend eskalierte die Gewalt, nachdem Gesetze gegen Regierungsgegner beschlossen worden waren. Bei den Straßenschlachten wurden Hunderte Menschen verletzt und 50 festgenommen. Oppositionspolitiker Vitali Klitschko warnte sogar vor einem Bürgerkrieg.
warnte sogar vor einem Bürgerkrieg.
Viktor Janukowitsch hat die blutigen Straßenschlachten in Kiew am Montag als Gefahr für das ganze Land bezeichnet. "Krieg, Zerstörung und Gewalt ruinieren die Ukraine", hieß es in einer Mitteilung des Staatschefs.
Er rief alle Bürger auf, gewaltlosen Kräften zu folgen. "Ich verstehe Ihre Teilnahme an Protesten und bin bereit, Ihren Standpunkt anzuhören und gemeinsam eine Lösung für Probleme zu finden", hieß es weiter. Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko hingegen hat die Proteste erneut unterstützt. "Wenn ich in Freiheit wäre, wäre ich bei Euch. Die Freiheit ist diesen Kampf wert. Außer Euch hat die Ukraine keine Verteidiger. Kämpft! Ihr seid Helden, die für die Ukraine geradestehen."
Klitschko warnte am späten Sonntagabend sogar vor einem Bürgerkrieg. "Ich schließe einen Bürgerkrieg nicht mehr aus. Doch wir werden jede Möglichkeit nutzen, um Blutvergießen zu vermeiden", sagte er im Programm von Hromadske.tv nach seiner Rückkehr vom Wohnsitz von Staatspräsident Janukowitsch. In einem Vieraugengespräch hatten sie die Schaffung einer Kommission aus Regierungsmitgliedern und Oppositionsvertretern vereinbart, um die Krise beizulegen.
Hunderte Menschen verletzt, 50 festgenommen
Nach den schweren Ausschreitungen bei den Massenprotesten gegen die Regierung in der Ukraine sind 50 Demonstranten festgenommen worden. Sie seien als Rädelsführer der Krawalle ausgemacht worden, teilte das Innenministerium am Dienstag mit. Nach Angaben des Ministeriums wurden bei den Zusammenstößen in Kiew in den vergangenen Tagen 163 Polizisten verwundet, 80 von ihnen mussten demnach im Krankenhaus behandelt werden. Die Regierungsgegner erklärten hingegen, hunderte Aktivisten aus ihren Reihen seien bei der Niederschlagung des Protests durch die Sicherheitskräfte verletzt worden.
Steine, Feuer, Tränengas
Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle hatten zuvor versucht, Absperrungen im Regierungsviertel zu durchbrechen, um das Parlamentsgebäude zu stürmen. Einige warfen Steine auf die Polizisten und zündeten Feuerwerkskörper. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengrasgranaten und am späten Abend auch einen Wasserwerfer ein - bei etwa minus acht Grad Celsius. Die Demonstranten setzten mit Molotowcocktails sechs Einsatzfahrzeuge der Polizei in Brand.
Zahlreiche Demonstranten hatten kurz zuvor auf einer Massenkundgebung auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz Maidan ihren Unmut darüber gezeigt, dass die Opposition nach zwei Protestmonaten keine Fortschritte erzielt habe. Bis zu 100.000 Menschen hatten demonstriert.
Buhrufe für Klitschko
Ex-Boxweltmeister Klitschko war vorher angegriffen worden, als er versuchte die wütende Menge zu beruhigen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie er mit einem Feuerlöscher besprüht wurde. Klitschko erntete zahlreiche Buhrufe.
Er steht in der Kritik, ohne Plan und unentschlossen zu handeln. Zudem wird ihm vorgeworfen, die zersplitterte Opposition nicht einen zu können. Der Boxer hatte sich immer wieder für einen friedlichen Machtwechsel ausgesprochen. Auch der prominente Oppositionspolitiker Arseni Jazenjuk warnte vor einem "blutigen Machtwechsel". Der Wandel müsse auf friedlichem Wege erreicht werden, sagte er.
Regierung zimmert undemokratische Gesetze
Das ukrainische Parlament hatte mehrere umstrittene Gesetze gegen Regierungsgegner verabschiedet. Menschenrechtler kritisierten die Verschärfung gegen Andersdenkende als schwersten Rückschritt in der Ex-Sowjetrepublik seit Jahren. So steht erstmals seit 2001 Verleumdung wieder unter Strafe. Einschnitte gibt es auch beim Demonstrationsrecht und für die Internetnutzung.