Diese Kühlhaube rettet Haare bei Chemotherapie

Durch eine spezielle Kühlhaube sollen Chemotherapiepatienten ihre Haare behalten können. Wie das möglich ist, verrät Natalija Frank von der Med Uni Wien im Gespräch mit "Heute".
"Es war für mich ein großer Schock mit 37 Jahren die Diagnose Brustkrebs zu bekommen." - Mit diesen Gedanken ist Patientin Becky (Nachname vorbehalten) nicht alleine. "Haarausfall durch die Chemotherapie war sehr wahrscheinlich. Ich arbeite in einem Kosmetiksalon, daher war der Gedanke, meine Haare zu verlieren, undenkbar", schildert sie.

Haarverlust stigmatisiert Betroffene



Tatsächlich ist der Verlust der Haare im Zuge einer Chemotherapie für viele Patienten ein extrem belastendes Thema. Eine Nebenwirkung, die stigmatisiert. Die Betroffenen können somit nicht mehr ihre Privatsphäre behalten - die ganze Welt sieht: "Du bist krank." Die Patienten werden an den Rand der Gesellschaft gedrückt.

Dass es daher eine Möglichkeit gibt, die Haare zu behalten, kam für viele Betroffene wie ein Wunder: Natalija Frank, Leiterin für klinische Forschung an der Medizinischen Universität Wien (Med Uni) hat sich dafür eingesetzt, eine Studie mit "Skalp Cooling" auch für Patienten in Österreich durchzuführen. Im Gespräch mit "Heute" berichtet sie von den Erfolgen der Methode und erklärt, wie sie eigentlich funktioniert.

CommentCreated with Sketch.1 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. "Heute": Wie kann man sich "Skalp Cooling" vorstellen - und wieso behalten Betroffene dadurch ihre Haare bei einer Chemotherapie?

Frank: "Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach. Bei einer Chemotherapie werden die Haarfollikel angegriffen, es kommt zu Haarausfall. Durch 'Skalp Cooling', also einer Kühlhaube, die während der Chemotherapie getragen wird und die Kopfhaut stark abkühlt, verschließen sich die kleinen Gefäße. So wird die Durchblutung zu den Haarfollikeln reduziert und der Haarausfall wird vermindert oder passiert erst gar nicht."

"Heute": Ist das Tragen der Kühlhaube für die Patienten unangenehm?

Frank: "Freilich ist es nicht das angenehmste Gefühl, wenn die Kopfhaut auf 18 Grad Celsius hinuntergekühlt wird. Patienten in der Studie, die wir durchgeführt haben, klagten immer wieder über Kopfschmerzen. Schließlich muss man die Haube dreieinhalb bis vier Stunden aufgesetzt haben, das kann schon mühsam werden. Den Betroffenen ist es das jedoch wert: Schließlich können sie so ihre Haare behalten. Die Erfolgsraten sind sehr hoch."

"Heute": Bei wie vielen Patienten hat die Methode Wirkung gezeigt? Haben sie ihre Haare tatsächlich behalten?

Frank: "Von 30 Patienten, die ich bis zum Schluss der Chemotherapie betreut habe (27 Frauen, 3 Männer) konnten 19 ihre Haare behalten, so dass sie keine Perücke brauchten. Eine Patientin hatte sogar schon zwei Zyklen Chemotherapie hinter sich, bestand jedoch auf die Anwendung des Verfahrens, weil sie die Kühlung bei der Nachbarin mitbekommen hatte und der Haarverlust für sie so schrecklich war. Ich riet ihr sogar ab – gab zu bedenken, dass es wohl schon zu spät wäre, weil sie fast alle Haare bereits verloren hatte. Aber sie wollte es unbedingt probieren. Also hatte sie beim dritten Chemotherapie-Zyklus die Kühlkappe – und kam zum vierten Zyklus mit neuer Haarpracht! Das war auch für mich eine große Überraschung."

"Heute": Zu welchen Nebenwirkungen kann es durch die Kühlhaube kommen - abgesehen von Kopfschmerzen?

Frank: "Abgesehen von den Kopfschmerzen und dem generellen Unwohlsein aufgrund der Kälte kann es auch zu einem Druck- und Engefühl kommen, manchmal fühlen sich die Patienten schwindelig oder benommen. Diese Effekte treten jedoch nicht bei jedem auf und sind nur temporär. Meistens treten sie nur während der Kühlung auf."

"Heute": Ist die Methode für jeden geeignet?

Frank: "Prinzipiell können die meisten Betroffenen die Kühlhaube verwenden. Patienten, die allerdings an Kälteurtikaria, also einer Kälteallergie, oder Kälteagglutininkrankheit leiden, sollten 'Skalp Cooling' nicht anwenden."

"Heute": Sind die Erfolge von Dauer oder behält man die Haare nur temporär?

Frank: "Auch wenn das System keine 100-prozentige Garantie bieten kann, den Haarausfall bei Chemotherapien zu besiegen, zeigen die Ergebnisse des bisherigen Einsatzes der Kühlhauben erstaunliche Erfolge. Jeder und jede zweite erhält so die Möglichkeit, die Haare zu behalten und ein etwas selbstbestimmteres Leben auch mit der Diagnose Krebs führen zu können."

"Heute": Wie können interessierte Betroffene die Behandlung in Anspruch nehmen?

Frank: "Ich bekomme noch immer regelmäßig Anfragen von den PatientInnen, die mit der Kopfhautkühlung dem Haarverlust vorbeugen möchten. Leider ist die Studie mittlerweile beendet und eine Lösung für den flächendeckenden, systemischen Einsatz noch nicht gefunden. In Österreich steht das System bisher in nur wenigen Krankenhäusern zur Verfügung."

Die diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester Natalija Frank, Master of Public Health, testete im Rahmen einer Anwendungsbeobachtung das "Skalp Cooling"-System, nachdem sie es bei ihren Kollegen in London ausführlich beobachtet und selbst ausprobiert hatte. Frank arbeitet seit über 25 Jahren in den Bereichen der Pflege, Betreuung und Beratung von Patienten im AKH Wien - in den letzten Jahren auch als Managerin für klinische Forschung am Comprehensive Cancer Center Vienna der Med Uni und des AKH Wien.

Mehr Informationen zu Natalija Frank und dem "Skalp Cooling" finden Sie hier.



(rfr)

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