Künftiger Kanzler Kurz ist Fernstudent in Linz

ÖVP-Chef Sebastian Kurz am Dienstag, 17. Oktober 2017, im Rahmen eines ÖVP-Bundesparteivorstandes in Wien.
ÖVP-Chef Sebastian Kurz am Dienstag, 17. Oktober 2017, im Rahmen eines ÖVP-Bundesparteivorstandes in Wien.Bild: picturedesk.com/APA
Die Falter-Journalistinnen Nina Horaczek und Barbara Tóth ein politisches Portrait von Sebastian Kurz geschrieben. Hier einige Auszüge.
Wenn es ein einziges Wort gibt, das Sebastian Kurz beschreibt, dann das: Kontrolle. Kurz ist die personifizierte Selbstkontrolle. Wenn er auftritt, ist nichts dem Zufall uberlassen. Seine Satze sind wie gestanzt, er spricht nahezu druckreif. Die Fotos und Videos, die er von sich in die Welt schickt, lasst er am liebsten von seinen eigenen Medienleuten gestalten. Die Frisur sitzt, das Gesicht ist perfekt mattiert. Sein personliches Team, seit Jahren dasselbe, besteht aus einer Handvoll Jugendfreunde und steuert alles, was politisch rund um ihn passiert. Er hat das Team im Griff , das Team halt ihm die Partei im Griff.



Das Wunderkind



Auch sein Lebenslauf entspricht dem Erwartbaren. Kein Bruch, kein Umweg stort den Karriereweg dieses osterreichischen Wunderkindes der konservativen Politik – von seinem nicht abgeschlossenen Studium abgesehen, aber selbst das lasst sich rechtfertigen. Wer wird schon mit 24 Jahren Staatssekretar, mit 27 Außenminister, mit 31 Chef einer Partei, Wahlsieger und bald Kanzler? Kurz schaffte es als "Wunderkind" in die internationalen Schlagzeilen und wurde in einem Atemzug mit Politikern wie dem franzosischen Prasidenten Emmanuel Macron oder dem kanadischen Premier Justin Trudeau genannt. Er ist ein Star deutscher Talk-Shows, auch, weil er den deutschen Konservativen, vor allem jenen, die mit dem Kurs der deutschen Kanzlerin Angela Merkel unzufrieden sind, als Rollenvorbild dient.

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Sein Weg an die Spitze des Staates zahlt zu den am besten vorbereiteten und professionellsten Machtubernahmen in der Geschichte der osterreichischen Nachkriegszeit. Kein Widerspruch, kein Gegenkandidat, ein durchkomponierter Wahlkampf wie aus dem Handbuch der Kampagnengurus.

Und auch sein Privatleben. Das wenige, was Sebastian Kurz im Nationalratswahlkampf 2017 uber sich und seine Familie preisgab, zeigt ihn als Durchschnittsmenschen ohne Alluren und Eitelkeiten. Sportler, Tierliebhaber, Langzeitfreundin, Eltern aus dem stadtischen Mittelstand, Großeltern vom Land.

Die Autorinnen Nina Horaczek und Dr. Barbara Tóth.
Die Autorinnen Nina Horaczek und Dr. Barbara Tóth.
"Ich mag ich sein"

Kurz gelang es sogar, beim beruhmten personlichen Fragebogen des franzosischen Schriftstellers Marcel Proust Antworten zu geben, die alles und nichts aussagten. Wo mochten Sie leben? »Da, wo ich jetzt lebe, fuhle ich mich am wohlsten.« Welche Eigenschaften schatzen Sie bei einer Frau am meisten? »Humor, Charme, Intelligenz.« Und bei einem Mann? »Humor, Charme, Intelligenz«. Ihre Lieblingstugend? »Fleiß«. Wer oder was hatten Sie gern sein mogen? »Ich mag ich sein!«

Kurz am Segelstrand

Schwimmen, segeln, sporteln, aber vor allem Party machen: Der "Segelstrand" der Wiener OVP am Ufer der Alten Donau ist eine Institution – zumindest fur die schwarze Reichshalfte der Stadt. Hier treffen sich die Wiener Parteifunktionare und ihre Freunde und Familien, um sich im Wiener Stadtwasser abzukuhlen, mit dem Segelboot eine Runde zu drehen oder an Land Tischtennis und Badminton zu spielen.

Nur zwei bis drei Minuten von der U-Bahn-Station »Alte Donau« entfernt, hat der kleine, eher unscheinbare Strand mit Holzsteg, der seit vielen Jahrzehnten im Besitz der OVP ist, mittlerweile durchaus etwas Elitares. Moge der Wiener Proletarier seinen Luxuskorper samt Nachziehwagerl mit tausenden anderen wahrend des Sommers ins riesige offentliche Strandbad Gansehaufel wuchten, am burgerlichen "Segelstrand" feiert man klein, aber fein.

Beach-Boy-Kurz

Anfang der 2000er-Jahre verschlug es Sebastian Kurz hierher. Der Segelstrand war genau das Richtige fur den Schuler, der jede freie Minute auf dem Tennisplatz oder beim Sporteln im Wasser verbrachte und sich damals sogar die Haare in Beach-Boy-Manier lang wachsen ließ. Kurz war Schuler des offentlichen Gymnasiums Erlgasse im 12. Bezirk und hatte schon als junger Bursche das, was ihn so schnell zu einem großen politischen Talent innerhalb der OVP werden ließ: hohe Aufmerksamkeit und Lernfahigkeit, schnelle Reaktionsgabe, viel Ehrgeiz, verbunden mit hoher Sozialkompetenz, und nicht zuletzt ein durchaus ausgepragtes Selbstbewusstsein.

Ein Mensch ohne Brüche

Kurz war in seiner Zeit als Schuler und angehender Jungpolitiker bereits das, was er bis heute ist: ein Mensch ohne Bruche, Geheimnisse, Tragodien oder Wirrnisse. Zumindest keine, die bekannt sind. Einer, der allen gefallen mochte, fleißig, interessiert und konsequent. Ein idealer Schwiegersohn, höflich, angepasst, frei von Auf begehren, abgesehen von inszenierter Provokation.

Künftiger Kanzler als Fernstudent

Das Jusstudium läuft eher nebenbei. Im Herbst 2008 sagte

Kurz in einem Interview mit dem Frauenmagazin Woman,

er möchte sein Studium bald beenden, es fehle ihm nur noch

der dritte Abschnitt. Zwei Prufungen hat er während seiner

Zeit als Integrationsstaatssekretär absolviert, die letzten zwei

fehlen ihm noch. Mittlerweile ist Kurz auch nicht mehr am

Juridicum der Universität Wien inskribiert, sondern studiert an der Universität Linz. "Dort gibt es nämlich Jus im Fernstudium", sagt einer seiner Mitarbeiter.

Lesen Sie am Mittwoch über die Familie Kurz und wie Sebastian die ÖVP kaperte

Die Auszüge stammen aus dem neuen Buch von



Nina Horaczek / Barbara Tóth

„Sebastian Kurz. Österreichs neues Wunderkind?"

Residenz Verlag

ISBN: 9783701734511

128 Seiten, € 18,00

Maroni und Punsch: Kurz lud 1.000 Gäste ein:

(GP)

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