Läuft der schon? "Heute" testete Seats eScooter MÓ

Der Seat MÓ ist der erste vollelektrische eScooter der 125-Kubik-Klasse. Der 7-kW-Elektromotor sorgt für eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h und eine Beschleunigung von 3,9 Sekunden von 0 auf 50 km/h.
Der Seat MÓ ist der erste vollelektrische eScooter der 125-Kubik-Klasse. Der 7-kW-Elektromotor sorgt für eine Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h und eine Beschleunigung von 3,9 Sekunden von 0 auf 50 km/h.Seat
7 kW, bis zu 137 km Reichweite, von 0 auf 50 km/h in 3,9 Sekunden: Der Seat MÓ ist laut Datenblatt der perfekte Stadtflitzer. So fährt er sich.

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, in den 1990ern im südlichen Niederösterreich das zarte Alter von 16 Lenzen erreichte, hatte eine bis dahin ungekannte und äußerst schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, welche zumindest die folgenden zwei Jahre massiv beeinflusste und festlegte, mit welcher "Partie" man so unterwegs ist, welche Mädels man trifft und zu welchen Partys man eingeladen wird. Und zwei Jahre sind mit 16 eine wirklich lange Zeit.

Man musste sich also entscheiden, ob man zur Vespa-Clique oder zur Zündapp-Fraktion gehören will. Ob man halbwegs aufrecht auf seinem Moperl aus bella Italia unterwegs war und eine Sehnenscheidenentzündung im linken Handgelenk (hakelige Handschaltung) riskieren, oder auf deinem Ofen aus Nürnberg vornüber gebeugt wie der Affe am Schleifstein seine Nackenmuskeln malträtieren wollte (winziger Krickerl-Lenker). Ich habe mich damals ja für eine Puch Maxi entschieden. Aber keine Postler-Puch sondern die gute G4 Turbo Sport, mit Doppelbank und 4-Gang-Fußschaltung, bitteschön. Erstens habe ich die damals echt günstig bekommen, zweitens ging sie ohne irgendwelchen Spielereien wie Pollini-Schnecke, andere Ritzeln oder Aufbohrereien wie die Feuerwehr (also für 50 ccm...) und drittens passte sie auch besser zu meinem damaligen Erscheinungsbild (Grunge, Oida!). Außerdem war ich so bei beiden Partien zumindest toleriert, was die Zahl der Partys auf denen ich unterwegs war, nicht unbedingt verringerte und den Pool an weiblichen Bekanntschaften vergrößerte. Auch kein Fehler.

Warum ich das erzähle: Nun, zum einen um zu zeigen, dass ich schon ein Zeiterl motorisiert einspurig unterwegs bin. Zum anderen um zu erklären, dass ich nie vom Vespa- oder Scooter-Virus infiziert war und - last but not least - dass ich gerne den Gang selbst wähle und nicht der größte Fan von Automatikgetrieben bin. Beim Auto ist das übrigens nicht anders.

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Der Seat MÓ also. Ein Scooter mit - eh klar, weil elektrisch angetrieben - Automatik. Na gut, ganz fesch ist er ja. Und als er so vor der Redaktion in der Wiener City stand, sind auch nicht wenige der Touristen und Ansässigen kurz stehengeblieben und haben einen zweiten oder dritten Blick riskiert. Aber vom Anschauen alleine kommt man nicht weit. Also Zündschlüssel rein, linken Bremshebel gezogen, Knopferl gedrückt und - nix zu hören. "Läuft der schon?", hab' ich mich gefragt. Ein zarter Zupfer am "Gashebel" (müsste ja hier "Stromhebel" heißen) und das Moped fing an zu rollen. Also ja, er läuft schon. Hören tut man davon ebenso wenig wie unterm Hintern spüren. Zwei entscheidende Unterschiede zum Gefährt meiner Jugend.

Wheelie? Vergiss es!

Kaum ein Unterschied ist hingegen bei der Beschleunigung zu bemerken. Also zumindest beim Anfahren. Denn - wahrscheinlich um ungewollte Wheelies bei ungeübten Scooter-Fahrern zu vermeiden und das in der Stadt oftmalige Anfahren ohne Kupplung deppensicher zu machen - entfaltet der 7 kW starke Elektromotor seine Leistung eher sanft, bevor er - je nach gewähltem Fahrmodus - mehr oder weniger stark zu "beißen" beginnt. Wer also beim Ampelstart die Kollegen mit den Verbrennern unterm Hintern verblasen will, hat zumindest auf den ersten Metern kein Leiberl. Sport-Modus hin oder her. Wenn er dann aber kommt, dann kommt er, der E-Motor, und schiebt die 150 Kilo (ohne Fahrer) ganz tüchtig an. Auch im Eco-Modus, der am meisten Kilometer aus der rund 40 Kilo wiegenden der Batterie herausquetscht.

Egal, welchen der drei Modi man über Tastendruck am rechten Lenker anwählt: Der Seat MÓ ist wendig, lässt sich gut durch enge Gassen und vorbei an den stauenden Auto bewegen. Er macht also Spaß im innerstädtischen Verkehr. Wenn man sich dann nach einigen Kilometern an den (zu) sensiblen "Gashebel" gewöhnt hat, geht das Ganze auch halbwegs ohne peinliches Geruckel vonstatten und man kann bei den grün bewegten Damen am Straßenrand mit seiner astreinen Ökobilanz punkten - ohne sich am Fahrrad abschwitzen zu müssen.

"Elektrisch, ha? Wie geht der so?"

Aber auch andere, benzin-bewegte Verkehrsteilnehmer zeigten sich beim "Heute"-Test interessiert. Also am Seat MÓ und seinen Fähigkeiten. Bei mehreren Rotphasen quatschten mich andere Scooterlenker auf meinen flüsterleisen fahrenden Untersatz an: "Elektrisch, ha? Wie geht der so?" war die meistgestellte Frage. "Ganz gut", war dann meine ehrliche Antwort. "Ich schau, dass ich so viele Kilometer wie geht aus einer Ladung raushole", schickte ich dann meist hinterher, um mir die mitleidigen Blicke zu ersparen, die mir die neuen Freunde über ihren Rückspiegel zuwarfen, wenn sie bei Grün Vollgas gaben und mich beim Ampelstart stehen ließen. Aber da stand ich drüber. Schließlich sahen wir uns spätestens an der nächsten roten Ampel ohnehin wieder. Nur hab ich dafür keinen Dreck aus dem Auspuff geblasen und einen halben Häuserblock zum Scheppern gebracht.

Die Anzeigen sind übersichtlich. Von Geschwindigkeit über Ladestatus und geschätzte Reichweite, Temperatur, Uhrzeit und aktueller Fahrmodus ist alles auf einen Blick ablesbar. Auch alle Knopferl sind dort, wo man sie erwarten würde. Die Rückspiegel sind ausreichend groß, ein bisschen mehr Übersicht nach hinten hätte mich gerade im Stadtverkehr aber nicht gestört. Auch das Gestühl ist für etwas längere Ausfahrten durchaus popo-freundlich, dafür ist die Federung auf der härteren Seite. Aber man will ja schließlich was von der Straße mitbekommen.

Drei Fahrmodi von "Sparfuchs" bis "Kurvenräuber"

Im Eco-Modus ruft der eScooter eine verringerte Geschwindigkeit und Beschleunigung ab. Auf diese Weise verbraucht er weniger Energie und ermöglicht eine entspannte Fahrt. 

Im City-Modus bietet der eScooter einen guten Kompromiss zwischen Batterieverbrauch und Leistung. Der sehr sensible "Gashebel" fällt in dieser Einstellung am wenigsten ins Gewicht.

Im Sport-Modus kann der eScooter seine Leistung voll ausspielen und bietet in bestimmten Situationen mehr Kraft und eine höhere Beschleunigung sowie eine erhöhte Rekuperation. In dieser Einstellung spürt man den – meiner Ansicht nach – zu leichtgängigen "Gashebel" am meisten. Bei jeder Bodenwelle oder Unebenheit verzögert der Scooter durch die stärkere Rekuperation bzw. beschleunigt. Je nachdem, ob es dem Fahrer die rechte Hand nach vorne oder hinten verschlägt.

Bis zu 137 Kilometer Reichweite

Die 5,6-kWh-Lithium-Ionen-Batterie mit hoher Energiedichte wiegt nur etwa 40 kg, bietet laut offiziellem Testzyklus eine Reichweite von bis zu 137 km mit einer Batterieladung. Beim "Heute"-Test gingen sich die 137 km nicht aus. Das war auch zu erwarten, weil zu Testzwecken des Öfteren zwischen den drei Fahrmodi geswitcht wurde. Allerdings fuhr ich den Scooter nie schneller als knapp über 70 km/h auf der – am Seat MÓ merklich holprigen - Triester Straße im Wiener Stadtgebiet. Um die 110 km gingen sich aber mit einer vollen Akku-Ladung aus. Wenn einem dann – früher oder später – der Saft ausgeht: Die Batterie kann entweder im Seat MÓ eScooter 125 oder auch außerhalb – etwa an einer Haushaltssteckdose – in nur sechs bis acht Stunden geladen werden. Praktisch, wenn man eine eigene Garage mit Anschluss hat - oder einfach mal ein Verlängerungskabel aus dem gekippten Fenster der Wohnung hängt.

Breite Palette an Zubehör erhältlich

Eine Vielzahl von Zubehör sorgt für mehr Alltagstauglichkeit, Komfort und Sicherheit. Neben dem höheren Windschild, einer Beinschutzdecke und einem "Smart Light" sind viele andere Funktionen verfügbar, mit denen Fahrer des Seat MÓ eScooter 125 sicher und stressfrei unterwegs sein können. Auch ein 39-Liter-Topcase ist als Ergänzung zum "Kofferraum" – der zwei Jet-Helme fasst, mit meinem Schuberth C3 aber überfordert war – unter dem Sitz verfügbar.

Der Seat MÓ ist ein Bro - und ruft bei Unfall Hilfe

Zum vorhin erwähnten "Smart Light": Es wird am Helm befestigt und sorgt für mehr Sicherheit, indem es als zusätzliches Bremslicht fungiert. Das Gerät enthält einen Beschleunigungsmesser, der Geschwindigkeitsreduzierungen durch Bremsen oder Loslassen des Gasgriffs erkennt. Sollte der eScooter in einen Unfall verwickelt sein, sendet das "Smart Light" eine Nachricht an das Mobiltelefon des Fahrers und fragt ihn, ob alles in Ordnung ist. Wenn innerhalb einer Minute keine Antwort eintrifft, wird automatisch die Notrufnummer angerufen und eine Benachrichtigung an die Notfallkontakte des Fahrers mit Angabe seiner Position gesendet.

Test-Fazit

Der Seat MÓ ist wendig und handlich, macht Einsteigern wie alten Hasen Spaß und bringt einen (oder zwei) in der Stadt flott und ökologisch von A nach B. Dazu kommt das durchaus gute Gefühl, die Umwelt und die ohnehin abgasschwangere Stadtluft nicht mit stinkenden Abgasen zu belasten. Wie nachhaltig die ganze Sache ist - Stichwort Batterie und so - müssen die Experten entscheiden. Aber wenn sogar die Grünen nicht aufhören können, ein Loblied auf die E-Mobilität zu singen, muss in Gefährten wie dem Seat MÓ ja die Zukunft unserer vom Klimawandel gebeutelten Mutter Erde liegen...

Und was kostet mich der Spaß?

Der in Zusammenarbeit mit Silence, einem in Barcelona ansässigen Spezialisten für Elektro-Scooter, entwickelte Seat MÓ eScooter 125 ist ab sofort auch in Österreich zu einem Listenpreis von 6.699 Euro erhältlich. Davon kann die staatliche Förderung von 700 Euro auf E-Motorräder (L3e) abgezogen werden, wodurch sich in Österreich ein Einstiegspreis von 5.999 Euro ergibt.

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