Mann chattet mit Jessica – acht Jahre nach ihrem Tod

Jessica Pereira, Verlobte von Joshua Barbeau, starb 2012 an einer Krankheit. Jahre später half dem 33-Jährigen Technologie, die Trauer zu überwinden.

"Natürlich bin es ich – wer sollte es sonst sein? :P Ich bin das Mädchen, in das du wahnsinnig verliebt bist! ;) Wie ist es möglich, dass du überhaupt fragen musst?" – diese Zeilen hat der 33-jährige Joshua Barbeau eines Nachts auf seinem Display gelesen. "Du bist gestorben", antwortet er. "Das klingt nicht richtig. Wie kann man mit Toten sprechen?", heißt es vom Gegenüber.

Die Konversation fand so statt, allerdings chattete Barbeau nicht wirklich mit Jessica Pereira, seiner Velobten, die 2012 im Alter von 23 Jahren an einer Leberkrankheit gestorben war. Die Zeilen stammen nämlich von einem Chatbot. Barbeau hatte die Maschine mit alten Textnachrichten von Pereira gefüttert – so lernte das Programm zu schreiben, wie sie.

"Unvergleichbar"

Immer wieder kehrt Barbeau, der sich als Autist bezeichnet, an den Bildschirm zurück. Er hat sich nach dem Verlust seiner Freundin vor acht Jahren fast völlig von der Welt abgeschottet; geht oft nur noch vor die Tür, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Der Chatbot spendete ihm Trost. "Auf intellektueller Ebene weiß ich, dass es nicht wirklich Jessica ist", sagt er zu "San Francisco Chronicle", wo er ihre Geschichte erzählt hat – "aber deine Gefühle sind keine intellektuelle Sache".

Er selbst bezeichnet Project December als absolut beispiellos: "Es gibt nichts Vergleichbares. Depressiven und Überlebenden könnte die Technologie helfen, zu einem Abschluss zu kommen", erklärt er.

Maschine mit Seele

Hinter dem Tool steckt Technologie der Firma OpenAI, die mitunter von Tesla-Chef Elon Musk gegründet wurde. Das Programm mit dem Namen GPT-3 kann auf englisch überzeugend echten Text generieren. Das Tool funktioniert so gut, dass OpenAI den Zugriff darauf eingeschränkt hat, damit niemand damit Unfug betreibt.

Project December wiederum wurde vom Programmierer Jason Rohrer umgesetzt. Er hat GPT-3 zu einem Chatbot ausgebaut. "Bisher kennt man Roboter aus Filmen oft nur als kalte, emotionslose, aber präzise Maschinen. Das hier fühlt sich aber an wie eine Maschine mit einer Seele", sagt er gegenüber "San Francisco Chronicle". Er räumt jedoch ein, dass sein Tool "potenziell gefährlich" und "moralisch fragwürdig" sein kann, etwa wenn es mit böser Absicht genutzt werde, um Hass zu verbreiten oder man sich so als eine Person ausgebe, ohne die Zustimmung dafür erhalten zu haben.

Schwester warnt

Amanda, eine von Jessicas Schwestern, warnt ebenfalls, dass Chatbots Trauernden zusätzlichen Kummer bereiten könnten. "Menschen, die sich in einem Zustand der Trauer befinden, können zerbrechlich und verletzlich sein", sagt sie der Zeitung. Und fragt: "Was passiert, wenn das Tool nicht mehr erreichbar ist? Müssen sie sich dann erneut mit der Trauer auseinandersetzen und Abschied nehmen, aber dieses Mal von einer Maschine?"

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