Schonungslose Analyse

Marcus Keupp: Putins Armee "entgleitet die Kontrolle"

Militär-Experte Marcus Keupp rechnet fix mit einer Niederlage Russlands in der Ukraine. Jetzt werden die Anzeichen an der Front immer deutlicher.

Roman Palman
    Russische Soldaten beim Abfeuern einer Haubitze vom Typ 2S5 Giazint-S ("Hyazinthe") auf ukrainische Positionen am 12. Oktober 2023.
    Russische Soldaten beim Abfeuern einer Haubitze vom Typ 2S5 Giazint-S ("Hyazinthe") auf ukrainische Positionen am 12. Oktober 2023.
    IMAGO/SNA

    Marcus Keupp ist kein Mann der Zurückhaltung, wenn es um seine Einschätzung des Ukraine-Kriegs geht. Schon vor Monaten erklärte er: "Russland wird im Oktober strategisch verloren haben". Jetzt, mitten in der zweiten Hälfte des besagten Monats, zeigt der Militärökonom und Dozent an der ETH Zürich keine Anzeichen, diese Prognose revidieren zu wollen. Ganz im Gegenteil.

    An der Basis seiner damaligen Einschätzung habe sich nichts geändert, führt er nun in einem Interview mit "Watson" aus. Die höllische Abnutzungsrate der russischen Armee sei damals selbst mit den riesigen Sowjetbeständen nicht lange durchzuhalten gewesen und sei es auch weiterhin nicht.

    Die Kreml-Truppen würden ihr Kriegsgerät in einem Tempo verlieren, das die russische Waffenindustrie mit Neuproduktionen nicht ausgleichen könne. Zu großem Teil werden nur Alt-Panzer wie T-55 wieder flott gemacht, eventuell modernisiert und als "Sturmgeschütz" an die Front geworfen.

    So entgleitet ihnen die Kontrolle über das Gefechtsfeld.
    Marcus Keupp
    Militär-Ökonom und Dozent an der Militärakademie der ETH Zürich

    Moskau, so Keupp dazu früher, eskaliere "technologisch nach unten." Und jetzt, dank der russischen Offensive entlang der östlichen Front von Kupjansk im Norden bis Awdijiwka im Süden, sei diese Abnutzungsrate noch einmal nach oben geschossen. "Es tauchen immer mehr Videos auf, die zeigen, wie russische Fahrzeuge im offenen Gelände operieren und einfach abgeschossen werden", schildert der Militärökonom. Er sieht diesen Angriff auf ukrainische Stellungen als "komplett gescheitert" an.

    Artillerie in großer Not

    Der enorme Verschleiß werde seinen Ausführungen zufolge besonders am Rückgrat der russischen Armee, der Artillerie, deutlich. Denn auch Geschützrohre haben eine Lebensdauer, werden mit jedem Abfeuern ein klein wenig abgenutzt. Nach rund 1.500 Schuss müsse das Rohr ersetzt werden, oder die Trefferquote sacke deutlich ab.

    Doch offenbar mangelt es an Ersatz: "Die Russen mussten ihre schweren Geschütze, die normalerweise Reichweiten von 18 bis 30 Kilometern haben, näher an die Front rücken, um die gegnerischen Ziele weiterhin treffen zu können", so Keupp in dem Interview weiter. Nur, je näher sie nach vorne müssen, desto leichter werden sie selbst zum Ziel für die Ukrainer. 

    "Die Russen haben eine stark artillerie-lastige Armee, deshalb ist das ein riesiges Problem. So entgleitet ihnen die Kontrolle über das Gefechtsfeld."

    Bringen ATACMS die Wende?

    Der erstmalige Einsatz der amerikanischen ATACMS-Marschflugkörper mit rund 300 Kilometer Reichweite sorgte diese Woche international für Schlagzeilen. Die Ukraine konnte damit zwei besetzte Luftwaffenstützpunkte empfindlich treffen. Wird diese hochpräzise Waffe nun zum Game-Changer?

    "Die ATACMS sind keine Wunderwaffe, die den Krieg allein entscheidet, sie füllen aber Lücken", weiß der ETH-Professor. Damit könnten, wie bei ihrem Einstand, insbesondere russische Hubschrauber am Boden weit hinter der Front ins Visier genommen werden. Diese Helikopter hatten bisher relativ ungehindert an der Front operieren können, weil die Ukrainer keine Lufthoheit haben. "Ihre Panzer an der Front wurden von den Helikoptern ziemlich unbestraft abgeschossen. Mit den ATACMS wird dieses Problem nun behoben."

    Wäre der Westen im April 2022 voll reingegangen, mit Panzern, Artillerie und Raketen-Artillerie, dann wäre der Krieg längst vorbei.
    Marcus Keupp
    Militär-Ökonom und Dozent an der Militärakademie der ETH Zürich

    Keupp persönlich hätte sich aber offenbar einen entscheidenden ATACMS-Schlag gegen alle Luftwaffenbasen der Russen in besetztem Territorium gewünscht, um die russische Luftwaffe völlig auszuschalten: "Mit dem jetzigen Vorgehen gibt man Russland die Möglichkeit, seine Luftkampfmittel abzuziehen, so ganz optimal finde ich das Manöver der USA daher nicht."

      Erstmals hat die Ukraine russisch besetzte Stützpunkte mit ATACMS-Marschflugkörpern (im Bild) mit 300 km Reichweite angegriffen.
      Erstmals hat die Ukraine russisch besetzte Stützpunkte mit ATACMS-Marschflugkörpern (im Bild) mit 300 km Reichweite angegriffen.
      Südkoreanische Streitkräfte / AFP / picturedesk.com (Archivbild)

      Zumindest an Nachschub dürfte es der Ukraine nicht mangeln, denn es gebe noch hunderte solcher Raketen in den Arsenalen des Westens. "Weil sie in die Jahre gekommen sind, werden sie heute eigentlich nicht mehr eingesetzt, gegen die russischen Abwehrsysteme sind sie aber immer noch sehr wirksam."

      Dass man sie der Ukraine nicht schon früher geliefert hatte, führt er auf eine "Mischung aus Feigheit und ein Kuschen vor der russischen Propaganda" zurück. Der Westen agiere "sehr zögerlich", so der Deutsche mit direktem Verweis auf seinen eigenen Bundeskanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden. "Dieses fast schon ängstliche Vorgehen bezahlt die Ukraine mit Menschenleben. Wäre der Westen im April 2022 voll reingegangen, mit Panzern, Artillerie und Raketen-Artillerie, dann wäre der Krieg längst vorbei."

      Und: "Diese zögerliche Unterstützung des Westens wirkt kriegsverlängernd, das muss man ganz klar sagen. Es ist nicht so, dass Waffenlieferungen den Krieg eskalieren lassen, wie oft behauptet wird."

      Russen stehen vor zwei Möglichkeiten

      Je nach Raketentyp kann die Ukraine die gesamte Halbinsel erreichen, oder eben nicht. Das wäre aber wichtig, um die Lufthoheit der Russen zu brechen, die einen Großteil ihres Gerätes dort geparkt hätten: "Erreicht die Ukraine die ganze Krim, haben die Russen zwei Varianten: Ihr Material stehen lassen, dann wird es abgeschossen, oder es sehr weit zurückziehen. Passiert Zweiteres, ist Schluss mit der russischen Luftkampffähigkeit. Dann kann die Ukraine vorstoßen, ohne befürchten zu müssen, aus der Luft abgeschossen zu werden".

      "Im Oktober strategisch verloren" – was dahinter steckt

      Keupp erklärt in dem Interview auch die Hintergründe seiner Aufreger-Prognose, an der er "absolut" weiter festhält. "Strategisch verloren" bedeute nicht, dass am 31. Oktober die Waffen schweigen würden, sondern vielmehr, dass Russland nicht mehr in der Lage sein werde, die Initiative zurückzuerlangen:

      "Seit Dezember 2022 befinden sich die Russen in der Verteidigung, sie bestimmen nicht mehr, wo das Gefecht stattfindet. [...] Für eine neue große Offensive bräuchten sie viel mehr Material." Dank ATACMS steige die Abnutzungsrate weiter, oder das dafür nötige Gerät müsste deutlich weiter weg positioniert werden. "Dazu kommen die üblichen Probleme, Logistik, Korruption, Verschwendung von Menschenleben und Kampfmaterial."

      Wenn Putin militärisch einigermaßen rational handeln würde, müsste er die Front jetzt zurücknehmen. Oder den Krieg zu beenden versuchen...
      Marcus Keupp
      Militär-Ökonom und Dozent an der Militärakademie der ETH Zürich

      Gegenüber "Watson" legt der Militärökonom sogar noch einmal deutlich nach: "Wenn Sie das alles zusammennehmen, ist objektiv kein Szenario mehr denkbar, wie Russland diesen Krieg noch wenden kann."

      Kreml-Despot Wladimir Putin bliebe dann nicht mehr viel Spielraum: "Wenn Putin militärisch einigermaßen rational handeln würde, müsste er die Front jetzt zurücknehmen. Oder den Krieg zu beenden versuchen, mit irgendeinem Exit-Narrativ. Der Krieg kann morgen vorbei sein", sagt Keupp. Die Alternative: "Hört Putin nicht auf, dann wird das gesamte russische Material, das in der Ukraine steht, vernichtet. Ein großer Beitrag zur europäischen Sicherheit."

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