Wadsak: "Wir geraten zunehmend in die Klima-Krise"

In seinem neuen Buch widmet er sich dem Klimawandel, im Interview spricht ORF-Wettermann Marcus Wadsak über Fridays for Future, Klima-Leugner und Optimismus.
Wir treffen ORF-Wetterchef Marcus Wadsak am Neusiedler See zum Interview. Beim Frühstück am stürmischen Seeufer, gut sichtbar durch die Fenster eines Lokals, spricht der Wahl-Burgenländer über sein neues Buch "Klimawandel", die aktuelle Lage und die Zukunft der Erde.

"Heute": Für wen haben Sie Ihr neues Buch zum Klimawandel geschrieben?

Marcus Wadsak: Ich habe versucht, für jedermann zu schreiben und Fachwissen für die Allgemeinheit zu übersetzen. Vor Augen habe ich immer meine Kinder. Wenn die es verstehen, dann habe ich es richtig gemacht. An den Fakten wird nicht gerüttelt, aber an der Art der Erzählung – mit persönlichen Erfahrungen und anschaulichen Grafiken. Und ganz wichtig: Was wir gegen den Klimawandel tun können, um die Katastrophe zu verhindern.

Was kann man konkret unternehmen?

Jeder muss etwas tun – Politik, Industrie und jeder Einzelne. Und viele tun das auch schon. Es ist einfach, etwas zu finden, wo man Gewohnheiten ändern und das Leben dabei sogar verbessern kann. Ich spreche im Buch nicht von Verboten und Verzicht.

Zum Beispiel?

Ein Punkt ist die Mobilität. Es ist völlig klar, dass die öffentliche Verkehrsmittel vernünftiger sind als ein Auto mit Verbrennungsmotor. Nicht überall gibt es Öffis. Doch wo es möglich ist, sollte man sie einmal ausprobieren. Wenn man in Europa unterwegs ist kann man darüber nachdenken, ob Kurzstreckenflüge zwingend nötig sind. Es gibt gute Zugverbindungen, bei denen man am Abend einsteigt und am nächsten Morgen etwa in Rom frühstückt. Das dauert zwar länger, ist aber sehr bequem.

Zur Person

Marcus Wadsak ist Meteorologe sowie Radio- und Fernsehmoderator. Nach dem Studium der Meteorologie an der Universität Wien kam er zum ORF, war jahrelang Wetter-Anchor im Ö3-Wecker, moderiert seit 2004 das ZiB-Wetter und leitet seit 2012 die ORF-Wetterredaktion. 2019 wurde er zum Journalisten des Jahres in der Kategorie Wissenschaft gewählt. Er ist Gründungsmitglied von Climate without Borders.
Mobilität sorgt für CO2-Emissionen, doch die Ernährung stößt ein viel radikaleres Treibhausgas in die Atmosphäre, nämlich Methan. Vor allem durch die Rinderzucht. Wir Österreicher sind ganz vorne beim Fleischkonsum – das ist weder besonders gesund noch klimafreundlich. Mein Appell: Essen wir weniger Fleisch, dafür gute Qualität. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und auch bei Obst und Gemüse: regional, saisonal und in den wirklich nötigen Mengen einkaufen. Das klingt platt, bringt aber viel.

Das Buch

"Klimawandel - Fakten gegen Fake & Fiction" ist im Braumüller Verlag erschienen, 128 Seiten, 18 Euro. Das Buch soll eine kompakte Informationsquelle sein, die auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft basiert und Antworten auf größten Fragen zum Thema gibt.
Wird es ohne radikalen Verzicht funktionieren?

Ich denke schon. Die Alternativen sind ja da. In Österreich haben wir eine gute Landwirtschaft und hervorragendes Fleisch. Bei der Ernährung sehe ich überhaupt kein Problem. Was Energie und Mobilität angeht: Energie sparen ist vernünftig, doch wir müssen auch bedenken, dass die Sonne in drei Minuten genug Energie auf die Erde schickt, um den gesamten weltweiten Bedarf für ein Jahr zu decken.

Das Burgenland ist seit einigen Jahren stromautark. Es wird mehr Strom mit Wind- und Sonnenenergie erzeugt, als wir verbrauchen. Die Speicherung ist noch ein Problem, aber das kann man lösen. In 20 Jahren werden wir nicht weniger, sondern ganz anders mobil sein. Wir schaffen uns mit Klimaschutz eine bessere Welt.

Und was ist mit Flugreisen?

Flüge können nicht von einem Tag auf den anderen verboten werden. Unsere Welt ist so aufgebaut, dass der Flugverkehr nicht wegzudenken ist. Genau wie die Autohersteller arbeitet die Flugindustrie an Alternativen. Die ersten Flugzeuge sind bereits elektrisch über den Ärmelkanal geflogen. Auch dieser Industrie ist klar, dass es nicht so weitergehen kann.

Und dann muss man aufhören, Flugzeuge zu bevorzugen. Wir zahlen für alles Steuern, doch das Kerosin ist davon ausgenommen. Daher kann ein Flug so günstig sein. Man sollte weiterhin nach Berlin fliegen dürfen. Aber nicht für 30 Euro in einer Stunde Flugzeit, während man mit dem Zug länger braucht und noch dazu ein Vielfaches zahlen muss. Umweltfreundliches Verhalten darf nicht länger dauern und noch dazu teurer sein.

Was ist der Unterschied zwischen Wetter und Klima?

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich das Wetter. Mit einer Temperatur, Sonnenschein, Wolken, Nebel oder Wind. Damit ist das Wetter fertig, mehr als 14 Tage kann man auch nicht sinnvoll vorhersagen. Beim Klima betrachtet man deutlich größere Zeiträume – mindestens 30 Jahre, oder auch 100 oder 10.000 und auf großen Flächen. Wenn sich das Klima verändert, verändert sich automatisch auch das Wetter.

Ich habe 2012 mein erstes Buch über das Wetter geschrieben. "Donnerwetter" enthielt 201 Fakten, einer davon war nicht einmal ein Jahr später überholt. Ich hatte damals geschrieben, dass es in Österreich noch nie 40 Grad hatte. Am 8.8.2013 wurde 40 Grad an drei Wetterstationen gemessen. Mittlerweile fallen ständig neue Rekorde.

Wie bewerten Sie das Klimaprogramm der neuen türkis-grünen Regierung?

Bis jetzt sehe ich vor allem mutigere Ankündigungen als bei Türkis-Blau. Diese hatte bereits festgeschrieben, dass wir 36 Prozent an Treibhausgasen bis 2030 reduzieren wollen. Das erstaunliche neue Ziel ist, dass Österreich bis 2040 CO2-neutral sein soll. Das ist zehn Jahre früher als die letzte Regierung vorgesehen hatte. In 20 Jahren dürfen wir nicht mehr CO2 ausstoßen als wir wieder einsammeln – und das ist nicht viel. Die Ankündigungen sind gut, für die Umsetzung haben wir nicht viel Zeit. Aber, so fair muss man sein, etwas Zeit muss man sich dafür schon nehmen.

Sie sprechen vom "Klimawandel", Fridays for Future benutzt den Begriff "Klimakrise". Welche Symbolik wird da transportiert?

"Klimawandel" ist ein Begriff, mit dem jeder etwas anfangen kann. Er beschreibt den aktuellen, menschengemachten Klimawandel. "Klimakrise" ist eine neue Bezeichnung, die unter anderem vom Bundespräsidenten und Fridays for Future verwendet wird. Ich halte ihn für wichtig und gut, wenn wir über den Menschen sprechen. Der Wandel schließt auch die Natur mit ein.

Der Wissenschaft wird oft vorgeworfen, Panik zu verbreiten, obwohl sie sehr konservativ rechnet. Und genau diese Einstellung soll nicht weiter befeuert werden. Wir befinden uns im Klimawandel, geraten zunehmend in die Krise, die wir aber meistern können, um die Katastrophe zu verhindern.



Trotz aller Fakten lassen sich manche Menschen nicht von der Realität überzeugen.

Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Es ist ein relativ neues Phänomen, dass aus einigen Bereichen die Wissenschaft angezweifelt wird. Und das geht nicht. Es dürften große Lobbys und Thinktanks dahinter stehen. Das kennt man vom Tabakkonsum in Amerika. Viel Geld wurde bezahlt, um Unsicherheit zu schüren und "Studien" zu produzieren, die uns weismachen wollten, dass Rauchen nicht schädlich ist. Aber Zigaretten verursachen Krebs und der Klimawandel bedroht viele Menschen.

Manche wollen das nicht wahrhaben. Entweder weil sie andere Interessen verfolgen oder vor Panik in Schockstarre verfallen. Bevor man bei sich selbst anfängt, macht man es schlecht oder schiebt es auf die Anderen. Österreich ist nicht zu klein, um etwas auszurichten. Das ist wie mit der Rettungsgasse auf der Autobahn. Alle müssen mitmachen, damit sie funktioniert. Ob ein Mini oder ein Lastwagen stehen bleibt, ist egal. Die Rettung kommt nicht durch.

Kürzlich war das amerikanische Heartland Institute mit seinen Desinformationskampagnen in den Medien. Wie kann man diese Pseudowissenschaft enttarnen?

Das ist leider sehr schwer, weil die ihr Geschäft gut beherrschen. Der Leser zuhause kann es nicht erkennen. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft aufzuzeigen, wo die Dinge falsch laufen. Und auch die Medien müssen diese Inhalte analysieren und richtig stellen. Denn die Lobbys haben so viel Geld, dass der Haken an der Sache schwer zu entdecken ist.

Hat die Fridays-for-Future-Bewegung einen Unterschied gemacht?

Einen riesengroßen. Eine weltweite Bewegung, bei der junge Menschen für eine gute Sache auf die Straße gehen, kann man nicht übersehen. Durch sie hat die Problematik in den letzten zwei Jahren sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und dei Jugendlichen gehen danach nach Hause und diskutieren mit ihren Eltern über das Thema. Dadurch ist es auch immer größer bei den Wahlen geworden.

Besteht die Gefahr, dass die Themenkonjunktur wieder abflaut?

Ich habe 2006 meinen ersten Vortrag über den Klimawandel gehalten, es kam gelegentlich Interesse daran. In den letzten drei Jahren sind die Anfragen explodiert. 2018 hatte ich bei jedem meiner vielen Vorträge einen aktuellen Aufhänger, einen neuen Temperaturrekord. Auch jetzt: Wir haben den zweitwärmsten Winter seit wir messen. Das ist tragisch, nimmt mir aber die Angst, dass das Thema wieder verschwinden könnte. Es passiert so viel, das dem Klimawandel zuzuordnen ist – die Feuer in Australien, steigende Temperaturen in der Antarktis, Probleme in der Landwirtschaft. Wann hatten wir das letzte Mal einen Kälterekord? Das ist schon lange her.

Werden wir den Klimawandel lösen?

Ja.

Sie sind also optimistisch.

Es bleibt uns nichts anderes übrig. Ich bleibe bei den Fakten: Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, warum wir die Pariser Klimaziele nicht erreichen könnten. Wir können es schaffen, bis zum Ende des Jahrhunderts unter einer Erwärmung von 2 Grad zu bleiben. Es ist aber auch klar: Das hängt nur von unserem Handeln ab. Darum habe ich das Buch jetzt geschrieben. Wir müssen jetzt aktiv werden, wir können es schaffen. Das behaupte ich jetzt. Ich weiß nur nicht, wie lange noch.

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