Welt

Massenproteste: Wilde Schlägereien in der Ukraine

Heute Redaktion
14.09.2021, 15:24

Zehntausende Menschen haben in der Ukraine für eine Annäherung ihres Landes an die Europäische Union demonstriert. Bei der größten Massenkundgebung von Regierungsgegnern seit der prowestlichen Orangenen Revolution vor neun Jahren forderte die Opposition am Sonntag Präsident Viktor Janukowitsch auf, das Partnerschaftsabkommen mit der EU Ende dieser Woche doch noch zu unterschreiben.

Ende dieser Woche doch noch zu unterschreiben.

Die inhaftierte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko rief ihre Anhänger in einem Brief auf, mit Protesten weiter Druck auf ihren prorussischen Rivalen auszuüben. Regierungsgegner stellten in der ukrainischen Hauptstadt Zelte für einen Dauerprotest auf.

Regierungsgegner und Boxweltmeister Vitali Klitschko beteiligte sich mit seiner Partei Udar ("Schlag") ebenfalls an den Protesten. "Wir werden Druck ausüben auf den Präsidenten, die Regierung, und wir werden alles tun, damit das Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet wird", sagte Klitschko.

"Merkel darf nicht aufgeben"

Im Ringen um die Freilassung Timoschenkos hat ihre Tochter Jewgenija an Deutschland um Hilfe appelliert. "Ich denke, dass Deutschland die letzte Chance für meine Mutter ist. Kanzlerin Merkel darf nicht aufgeben. Wenn meine Mutter nicht bald frei kommt, wird sie sterben", sagte Jewgenija der "Bild".

Die Tochter wirbt dafür, dass das EU-Assoziierungsabkommen zustande kommt und fordert, dass Deutschland Druck auf die Ukraine ausüben sollte. "Wir sind soweit gekommen, es muss in den nächsten Tagen gelingen, dass das Abkommen doch noch zustande kommt. Deutschland spielt da eine entscheidende Rolle", sagte Timoschenko.

Nach Rauchbomben auch Tränengas

Bei einem Zwischenfall in Kiew hat die Polizei Tränengas gegen aggressive Demonstranten eingesetzt, teilte der Pressedienst der Miliz mit. Demnach hatten Regierungsgegner eine Rauchbombe gezündet und versucht, das Gebäude des Regierungskabinetts zu stürmen. Beobachter schilderten die Lage in Kiew als weitgehend friedlich. Bilder internationaler Agenturen zeigen jedoch, wie sich Protestanten mit der Polizei prügeln, sogar Schlagstöcke eingesetzt wurden.

Nach Darstellung der Opposition waren allein in Kiew mehr als 100.000 Menschen auf der Straße für einen EU-Kurs ihres Landes. Die Polizei sprach lediglich von 20.000 Teilnehmern. So viele Menschen habe auch eine Gegenkundgebung prorussischer Kräfte zusammengebracht, teilten die Behörden mit.

"Ukraine gehört zu Europa"

Die EU wollte das historische Assoziierungsabkommen über eine engere Zusammenarbeit und freien Handel mit der Ex-Sowjetrepublik eigentlich am Freitag auf dem Gipfel zur Östlichen Partnerschaft in der litauischen Hauptstadt Vilnius unterschreiben. Die ukrainische Regierung hatte sich dann allerdings überraschend eine Pause verordnet, um mit Russland zu verhandeln. Russland wirft der EU geopolitische Machtspiele vor und hatte der Ukraine mit Strafmaßnahmen gedroht, sollte sie das Abkommen unterzeichnen.

Auch in vielen anderen Städten des Landes demonstrierten Tausende für einen EU-Kurs, darunter in Lwiw (Lemberg) und in Odessa. "Die Ukraine gehört zu Europa", skandierten Menschen mit Europafahnen in den Händen. Die regierungskritische Popdiva Ruslana hatte schon vorher auf ihrer Internetseite ihre Fans mobilisiert. "Wenn Putin die Ukraine für sich gewinnt, haben wir alles verloren", meinte die Siegerin des Eurovision Song Contest von 2004 ("Wild Dances").

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen