Meisterkicker Sturm: "SK Allianz Rapid ist unmöglich"

2005 holte Sturm mit Rapid den Titel, seit 2015 arbeitet er bei der Allianz.
2005 holte Sturm mit Rapid den Titel, seit 2015 arbeitet er bei der Allianz.gepa-pictures.com, zVg
Florian Sturm eroberte vor 15 Jahren mit Rapid den Meistertitel. Heute verkauft er Versicherungen – an die grün-weißen Spieler. Ein "Heute"-Interview.

Rapid und die Sponsoren – ein Thema, das im Saison-Finish die grün-weißen Schlagzeilen beherrschte. Ein sexistisches Plakat verstörte zahlreiche Geldgeber, Konsequenzen für die Zukunft sind nicht ausgeschlossen. Einer, der das Geschehen mit großem Interesse verfolgt, ist Florian Sturm. Der 38-Jährige holte 2005 mit Rapid den Meistertitel. Mittlerweile verdient er sein Geld als Kundenberater bei der Allianz, einem Rapid-Premiumpartner. Der Ex-Verteidiger betreut auch die grün-weißen Kicker. "Ich bin das Bindeglied zwischen Verein und Versicherung", erzählt der Tiroler im "Heute"-Gespräch.

"Heute": Herr Sturm, vom Meisterkicker zum Versicherungsberater – wie kam der ungewöhnliche Karriere-Weg?

Florian Sturm: "Eher zufällig. Erst hatte ich geplant, nach meiner Karriere im Fußball zu bleiben. Bei einem Charity-Golf-Turnier habe ich jemanden aus der Versicherungs-Branche kennengelernt. Weil ich gute Kontakte, viele Leute kenne und ein gutes Auftreten habe, hat er mich gefragt, ob ich mir das nicht vorstellen könnte. Erst habe ich abgelehnt, aber dann habe ich es doch probiert. Es hat mir sofort Spaß gemacht. Ich war relativ schnell erfolgreich, daher bin ich dabei geblieben."

Hätte Sie das Trainer-Geschäft nicht gereizt?

"Doch, aber ich habe bei vielen meiner Ex-Kollegen gesehen, wie abhängig man von Präsidenten, von Launen, von Ergebnissen ist. Ich wollte Ruhe in mein Leben bringen, weil ich relativ viele Transfers in meinem Leben hatte. Ich bin auch jung Vater geworden und wollte einfach eine gewisse Sicherheit. Bei der Versicherung konnte ich mir etwas aufbauen. Ich habe es noch keine Sekunde bereut."

Wie sehr hilft Ihre Fußballer-Vergangenheit im aktuellen Job?

"Ich habe den richtigen Zugang. Ich weiß, die Spieler brauchen eine gute Beratung, da sie nur eine beschränkte Zeit aktiv sind. Da kann ich sehr viel weitergeben. Das macht die Arbeit lässiger für mich. Und natürlich habe ich das eine oder andere Zuckerl für sie. Es gibt zum Beispiel ein Produkt, das nur Rapid-Profis bei mir abschließen können – eine spezielle Ausfallsversicherung."

Was sagen Ihre Versicherungs-Kollegen dazu, dass sie mit einem dreifachen Meister (2x Tirol, 1x Rapid, Anm.) zusammenarbeiten dürfen?

"In der Arbeit ist das gar kein Thema. Ich habe aber auch immer wieder mit Rapid-Fans zu tun, das ist schon cool."

Ein Thema in der Branche ist vermutlich die Corona-Krise. Haben die Spieler zuletzt häufiger nachgefragt, ob sie gegen dies und jenes abgesichert sind?

"Für die Spieler hat sich gar nicht so viel geändert. Ich persönlich habe die Krise auch kaum gespürt. Nur Auto-Anmeldungen hat es eine Zeit lang nicht gegeben, weil die Zulassungsstellen geschlossen waren. Dafür hatten wir weniger Unfälle und Schadensmeldungen."

Ist es künftig möglich, sich gegen eine Pandemie abzusichern?

„Ich kann mir vorstellen, dass unter gewissen Umständen so etwas angeboten wird, aber es wäre vermutlich ziemlich teuer. Da stecken komplizierte mathematische Formeln dahinter. Ich als Berater würde meinen Kunden alles absichern, was möglich ist."

Florian Sturm 2003 im Rapid-Trikot
Florian Sturm 2003 im Rapid-Trikotgepa-pictures.com

Sie arbeiten für die Allianz, den Namensgeber des Rapid-Stadions. Ärgert es Sie, dass Fans eher den Begriff Weststadion verwenden?

"Eigentlich nicht. Ich kenne die Fanszene. Es ist legitim. Ich bin entspannt, was das Thema betrifft. Und es hat sich schon ein bisschen gelegt. Es gab am Anfang mehr Gegenwind. Aber die Fans haben auch gemerkt, dass ein Sponsor wie die Allianz für den Verein sehr wichtig ist. Gerade in Zeiten wie diesen. Es gehört mittlerweile zum Fußball dazu."

Darf der Sponsor aus Ihrer Sicht im Vereinsnamen stehen?

"Nein. Ein SK Allianz Rapid ist zum Beispiel unmöglich. Das geht sicher nicht."

Blicken wir auf Ihre Karriere. In Innsbruck haben Sie als Teenager mit Leuten wie Barisic, Jezek, Kirchler, Glieder, Tschertschessow oder auch Markus Anfang gespielt. Viele große Namen. Wer blieb Ihnen in Erinnerung, zu wem haben Sie noch Kontakt?

"Direkt Kontakt habe ich natürlich noch mit Zoki. Der Michi Baur hat mich früher immer zum Training mitgenommen, weil ich damals, als ich in den Kader kam, erst 16 war und noch kein Auto hatte. Diese Tirol-Mannschaft war eigentlich eine Generation über mir. Die Hälfte der Spieler hätten meine Papas sein können. Mit der heutigen Zeit nicht zu vergleichen. Für mich als Junger war es cool, da dabei zu sein. Es war eine große Wertschätzung. Gleichzeitig war es fast unmöglich, in die Mannschaft zu kommen, weil es eine so routinierte und eingespielte Truppe war. Die hat damals in Österreich alles in Grund und Boden gespielt. Da war für ein Talent wenig Platz und Bedarf. Denn meistens bekommen die Jungen eine Chance, wenn es gerade nicht gut läuft."

Die Rapid-Meister-Mannschaft war dann ebenfalls gespickt mit Prominenz: Payer, Kulovits, Ivanschitz, Dober, Hofmann, Lawaree, Kavlak. Wie fühlt es sich an, Teil dieser legendären Truppe gewesen zu sein?

"Als Spieler unterschätzt man das, was es wert ist, mit Rapid Meister zu werden. Da ist man so im G'schäft drin, da ist es fast normal. Das Gefühl, dass es etwas Besonderes ist, kommt erst später. Bei mir war es erst nach der Karriere, als ich immer wieder darauf angesprochen wurde. Wenn man Ausschnitte von früher sieht und die Mitspieler von damals trifft – mit dem Steffen Hofmann und dem Martin Hiden hock ich immer wieder mal zusammen – dann kommt das wieder hoch. Es war eine coole Mannschaft."

Was hat Rapid damals ausgezeichnet?

"Ich war in meiner Karriere ja zum Glück öfter Teil von erfolgreichen Mannschaften. Es war eigentlich immer dieser Zusammenhalt in der Mannschaft ein Faktor. Bei Rapid waren wir spielerisch und taktisch nicht die Besten. Es gab den GAK und die Austria, die viel investiert hatten. Aber wir waren eine richtig eingeschworene Truppe, wenn ich so ans Trainingslager zurückdenke, oder die gemeinsamen Aktivitäten. Das hat dann beim Match vielleicht die letzten Prozent ausgemacht. Dieser Gedanke: 'Für diese Mannschaft bin ich bereit, alles zu geben und mich unterzuordnen.' Das wird ja auch oft unterschätzt. Der Fan sieht die elf Spieler am Feld. Aber wenn da nicht alle 25 Spieler plus Trainer, plus Physios, plus Masseure und so weiter funktionieren, wird es schwer."

Was fehlt der heutigen Rapid-Generation? Warum läuft man schon so lange einem Titel hinterher?

"Ich denke, dass 2016 im neuen Stadion die Euphorie zu groß war. Da wurde die Erwartungshaltung zu hoch geschraubt. In weiterer Folge sind dann zu viele Trainerwechsel gewesen, da muss Kontinuität rein. Auch die Sportdirektoren-Wechsel waren nicht immer ideal. Ich denke, dass man jetzt mit Zoki und Didi Kühbauer gut aufgestellt ist. Jetzt ist es wichtig, einen gewissen Spieler-Stamm zu halten und drum herum eine gute Mannschaft aufzubauen."

Stimmt es, dass Lothar Matthäus Sie zu Rapid geholt hat?

"Ja genau. Ich habe damals für Bregenz gegen Rapid gespielt und habe eine sehr gute Leistung gezeigt. Damals war ich auch im U21-Nationalteam. Zwei Tage nach meiner Unterschrift war Matthäus aber weg."

In Tirol war Kurt Jara Ihr Meister-Coach, bei Rapid Josef Hickersberger. Kann man die beiden vergleichen?

"Sie sind aus der selben Generation, aber komplett verschiedene Trainertypen. Der Jara ist teilweise über Leichen gegangen. Sportlich top, aber im Umgang mit den Spielern war Hicke viel persönlicher. Bei ihm hatte jeder das Gefühl, Teil der Mannschaft zu sein. Das war ein wichtiger Punkt am Weg zum Titel."

Eine witzige Episode: Ein gewisser Roberto Di Matteo hat seine Trainerlaufbahn 2008 in England bei Milton Keynes Dons begonnen. Sie sollen der erste Spieler gewesen sein, den er je geholt hat. Und Sie selbst haben ihn auf Sie mit einem Video aufmerksam gemacht. Ist das so korrekt?

"Ja. Ich bin damals mit dem FC Vaduz aufgestiegen, habe eine sehr gute Saison gespielt. Mein Traum war immer, einmal in England zu spielen. Bei der Euro 2008 war Di Matteo Experte im Schweizer Fernsehen. Da habe ich erfahren, dass er Trainer wird bei Milton Keynes. Ich habe mich über den Verein schlau gemacht, sie sind gerade in die zweite Liga aufgestiegen, hatten ein super Stadion. Mein Gedanke war nun: Wenn Di Matteo ein bisschen den Schweizer Fußball verfolgt hat, wird er mich vermutlich kennen. Ich habe ihm also ein Match-Video von mir geschickt. Zwei Tage später kam der Anruf, ich soll auf ein Probetraining vorbeischauen. Dann bin ich dorthin geflogen. Wir hatten ein Testspiel gegen Reading, die damals noch in der Premier League gespielt haben. Ich habe einen richtig guten Tag erwischt. Sie haben mir dann gleich einen Vertrag hingelegt. So bin ich nach England gekommen. Mein erstes Match habe ich dann in Leicester vor 25.000 Fans bestritten. Schon allein deshalb hat sich der Wechsel gelohnt. Leider war ich dann nicht erfolgreich, weil ich mich schwer verletzt habe."

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Rapid Wien

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