10 Fragen zu Mental Health in Zeiten von Corona

Was können wir tun, um in dieser herausfordernden Zeit psychisch gesund bleiben? Zehn Fragen – und zehn Antworten der Psychologin Andrea Horn.
Was tun, wenn die Gedanken kreisen?

"Aktiv den Kopf mit etwas anderem füllen – am besten mit einer Tätigkeit, von der ich weiß, dass sie mich erdet, weil sie meine Aufmerksamkeit fesselt. Das kann ein Hörbuch sein, ein Puzzle, ein Erwachsenen-Malbuch oder ein spannender Roman – und ja: auch das Binge-Watching von Serien kann das Gedankenkarussell stoppen. Vielen hilft es zudem, ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, um sie zu ordnen und dann loszulassen."

Was, wenn ich richtig Angst bekomme?

"Wenn ich Angst habe, ist mein Körper bereit, aktiv zu werden – zu flüchten, sozusagen. Da ist viel Energie im Spiel. Eine Möglichkeit, diese Energie umzuwandeln, ist beispielsweise joggen zu gehen oder eine Runde Power-Yoga zu machen. Wer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will, kann mit dem Opa per Skype eine Gymnastiksession einlegen – dann ist man noch in Gemeinschaft, was das Alarmsystem zusätzlich runterfährt. Außerdem gibt's Techniken, mit denen man die körperliche Anspannung gezielt lösen kann – mit einer Entspannungsübung oder Meditation beispielsweise. Studien zeigen, dass viele Menschen in Krisen spiritueller werden und viel Kraft aus dem Meditieren, dem Beten oder dem Einswerden mit der Natur schöpfen. Generell gilt: Man sollte versuchen, seine Angst zu akzeptieren – sie meint es nur gut mit uns, weil sie vor einer drohenden Gefahr warnen will. Nur wer das tut, kann sich von der Angst auch wieder lösen."

Wie gehe ich mit News um?

"Es reicht, sich ein- bis zweimal am Tag auf seriösen Websites über die aktuellen Maßnahmen und Verhaltensregeln zu informieren. Wenn ich das getan habe, sollte ich es auch wieder gut sein lassen. Wer ständig die News checkt oder auf Social Media andauernd mit dem Coronavirus konfrontiert wird, riskiert einen konstanten Alarmzustand. Und dieser Stress wirkt sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus."

CommentCreated with Sketch.0 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch.Was braucht's derzeit ganz allgemein, um psychisch gesund zu bleiben?

"Wir müssen die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse jetzt viel bewusster einplanen. Wichtig sind: Gesundes Essen und Trinken, ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung und Frischluft. Außerdem braucht's eine gute Balance zwischen Arbeits- und Erholungsphasen. Arbeit kann hier alles Mögliche bedeuten – auch Pflanzen umtopfen oder eine neue Sprache lernen. Und dann ist natürlich der soziale Austausch mit anderen Menschen essentiell, kombiniert mit Me-Time. Aktuell ist es sicher sinnvoll, sich zuhause regelmäßig zusammenzusetzen. Da überlegt man dann, was gut lief und was nicht – und was man am nächsten Tag anders machen könnte. Wer allein wohnt, macht es einfach für sich im Kopf. Empfehlenswert sind ganz konkrete Strukturen, also zum Beispiel: Nachdem ich meine Mails gecheckt habe, mache ich fünf Minuten Pause. Oder: Immer um 15 Uhr treffen wir uns auf einen Kaffee in der Küche."

Müssen Menschen, die an psychischen Krankheiten wie Depressionen leiden, jetzt zusätzlich etwas beachten?

"Ein täglicher Scan kann helfen, abzuschätzen, wo man steht: Wie geht's mir gerade? Wenn es einem nicht gut geht, unbedingt das Gespräch mit anderen suchen. Und es gibt immer die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Viele Therapeutinnen und Therapeuten bieten derzeit Telefongespräche und Videocalls an."

Was hilft Paaren und Familien, die jetzt die ganze Zeit aufeinander hängen?

"Die Quality Time ergibt sich leider selten automatisch – deshalb auch hier: Struktur! Paare brauchen fixe Verabredungen zum Dinner oder zur Lieblingsserie – dann verbringen sie ganz bewusst wertvolle Zeit miteinander. Und Eltern mit Schulkindern empfehle ich, jeden Tag mindestens 30 Minuten Zeit zu reservieren, in der die Kinder vorschlagen dürfen, was gemacht wird und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen. Wenn man sich auf diese guten Momente verlassen kann, gibt das allen viel Geborgenheit."

Was, wenn man in einem Single-Haushalt lebt?

"Sich digital verabreden! Am besten fix, wie zum Beispiel durch einen täglichen Facetime-Call mit der besten Freundin um 17 Uhr. Mit einer verlässlichen Perspektive auf eine gute Begegnung erlebt man die Zeit allein gleich anders. Auch Chatgruppen mit Arbeitskollegen sind eine gute Möglichkeit, sich connected zu fühlen. In dichten Überbauungen könnte man sich um 18 Uhr zum Apéro auf den eigenen Balkonen verabreden und etwa, wie in Italien, zusammen singen. Falls man nicht zur Risikogruppe gehört, kann man sich zudem einer Initiative anschließen, die anderen hilft. Das ist eine Win-Win-Situation: Den einen wird geholfen, die anderen erleben soziale Nähe."

Wie schaffen es Eltern, die im Home Office arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder betreuen, ruhig zu bleiben?

"Viel Großzügigkeit miteinander hilft sicher. Wir müssen alle erst einmal lernen, mit der neuen Situation umzugehen und langsam in der Familie ähnliche Rituale aufzubauen, die die Kinder von Kindergarten und Schule gewöhnt sind. Wichtig ist, sich realistische Ziele zu setzen – es geht nicht alles gleichzeitig. Je nach Alter sind Kinder in der Lage, sich eine Zeit lang selbst zu organisieren. Das muss man einfach ausprobieren."

Wie geht man mit dem 80-jährigen Großpapi um, der darauf besteht, immer noch einkaufen zu gehen?

"Jeder Mensch hat seine eigene Art, mit Angst umzugehen – manche tun so, als ob gar nichts wäre. In so einem Fall kann es sich lohnen, behutsam zu informieren und aufzuzeigen, dass jeder aktiv etwas tun kann, um sich und andere zu schützen. Und wenn nach so einem Gespräch trotzdem alles beim Alten bleibt: die Haltung des Anderen respektieren – auch wenn es schwer fällt."

Was kann ich tun, wenn einer Person aus meinem Umfeld die aktuelle Situation so richtig zusetzt?

"Wenn eine Person in einem starken Angstzustand ist, kann es sein, dass sie nicht in der Lage ist, rationale Argumente einzubeziehen oder Ratschläge anzunehmen. Das bloße Dasein macht aber schon einen Unterschied – also indem man einfach zuhört oder gemeinsam innehält. Regelmäßig anzurufen oder auch mal Essen vorbeizubringen, kann schon ganz schön viel bewirken. Hier gibt's Tipps für Gespräche mit Menschen, um die ich mir Sorgen mache."

Andrea B. Horn ist Psychologin und Psychotherapeutin und forscht an der Universität Zürich am Forschungsschwerpunkt "Dynamik Gesunden Alterns" u.a. zu Emotionen, stressbasierten psychischen Störungen und engen Beziehungen.

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