Wien

Mieter rufen aus Protest zur Wohnungsbesetzung auf

Über 80 Prozent des Wohnhauses in der Taborstraße 18 stehen leer, der Rest verfällt. Aus Protest greifen die Mieter nun zu ungewöhnlichen Mitteln.
Louis Kraft
16.12.2021, 16:21

Von außen wirkt das Wohnhaus in der Taborstraße 18 (Leopoldstadt), das früher einmal das Hotel National beherbergte, wie ein ganz normaler Gründerzeitbau. Doch hinter der Fassade hängt der Hausfrieden schief. Laut dem Sprecher der Initiative "Rettet das Hotel National" wurde das Objekt 2009 von den Barmherzigen Brüdern mit der Absicht erworben, ihr Krankenhausauszuweiten. Dieses befindet sich direkt ums Eck am Johannes von Gott-Platz 1 (Leopoldstadt) und ist nur durch einen Innenhof vom Wohnhaus getrennt.

Umgesetzt wurde die Erweiterung bisher nicht, jedoch stehen laut den Mietern 85, also über 80 Prozent aller Wohnungen in dem Haus leer. Die Türen seien mit Balken verriegelt, es sei schmutzig und dunkel. Aus Protest gegen den Verfall greift die Mieterschaft nun zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Sie rufen zur Besetzung der leerstehenden Wohnungen auf. 

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Mieter fordern Reparaturen und Entschädigung

Die Mieter machten ihren Plan zunächst mit einem Banner mit der Aufschrift "85 Wohnungen zu besetzen!" an der Fassade des Hauses publik. Dieses musste mittlerweile abgenommen werden, daher rufen die Mieter via Social Media und Videostatements zur Besetzung auf.

Dadurch wollen die Mieter genug Druck auf die Barmherzigen Brüder erzeugen, damit diese die Mängel im Haus beheben und die Forderung der Mieter auf "angemessene Entschädigung" erfüllen. Und weitere Aktionen werden nicht ausgeschlossen. Welche das sind, wird aber noch nicht verraten.

"Durch die vielen leerstehenden Wohnungen haben sich die Heizkosten verdoppelt," erzählt eine Bewohnerin. "Das Licht im Gang funktioniert nicht mehr, die leeren Wohnungen sind mit Balken verriegelt. Es wirkt bedrohlich. Wir leben in einem Geisterhaus", sagt ein anderer. Auch Saica G. (52), der seit 23 Jahren hier lebt, beklagt den Zustand des Hauses. "Es ist so dunkel, dass sich meine Frau nicht mehr alleine hinaus traut, ich muss sie immer bis zum Eingang begleiten. Und der Radständer im Innenhof klappert so laut, dass ich nicht schlafen kann", erklärt der Mieter gegenüber "Heute".

"Durch Schikane wollen sie uns verbleibende Mieter los werden"

Er spricht von Schikane der wenigen verbleibenden Mieter. "Wir haben unbefristete Mietverträge, die sind nicht so leicht aufzulösen. Daher wollen wir sie uns so loswerden", vermutet Herr G. Für Unruhe sorgt auch, dass offenbar auch Post verschwindet: "Es wurde in unseren Postkästen gestöbert und es sind auch schon eingeschriebene Briefe verschwunden", erzählt eine Bewohnerin. Auch Saica G. muss um seine Post bangen. Dennoch obwohl die Taborstraße seine Anschrift ist, hängt sein Postkasten beim Eingang Schmelzgasse. Wenn der Postler das nicht weiß, kann er die Post nicht richtig zu stellen. Doch der Hausbesitzer sehe laut Herrn G. keinen Grund zur Änderung: "Sie sagen, das zahlt sich nicht mehr aus".

Unterstützung in ihrem Protest erhalten die Mieter von der Kleinpartei LINKS: "Hier werden Menschen bewusst aus ihren Wohnungen verdrängt, mit teils illegalen Mitteln - nur damit mehr Gewinn gemacht wird", empört sich LINKS-Sprecherin Angelika Adensamer. Sie fordert die Barmherzigen Brüder auf, das Haus menschenwürdig instand zu halten, die Mieter über den aktuellen Planungsstand zeitgerecht zu informieren und sie angemessen entschädigen, wenn sie ihre Pläne für das Krankenhaus umsetzen wollen.

Orden weist Vorwürfe zurück: "Kein Mieter wird verdrängt"

Auf "Heute"-Anfrage bestätigt der Orden der Barmherzigen Brüder die Pläne zur Erweiterung des Krankenhauses, weist aber die Vorwürfe der Mieter entschieden zurück. "Wir wollen festhalten, dass keine Mieter aus ihrer Wohngegend verdrängt werden", wird in einer schriftlichen Stellungnahme betont. Jegliche Beanstandungen und Reparaturanfragen der Mieter seien in der Vergangenheit umgehend in Ordnung bzw. zur Reparatur gebracht worden.

Um den Mietern die Möglichkeit zu geben, ihre Anfragen und Beschwerden zu adressieren, habe man schon im Jahr 2017 schon eine eigene Kontaktstelle für die Mieter sowie eine eigene Email-Adresse zur Kontaktnahme eingerichtet. Viele Mieter hätten diese Form der Kontaktaufnahme bereits mehrfach in Anspruch genommen.

Noch 30 Wohnungen vermietet, Orden bemüht um "beste Lösung"

Den Barmherzigen Brüdern sei nicht nur wichtig, ein Teil der Gesundheitsversorgung, sondern auch ein aktiver Bestandteil des Grätzls zu sein. "In diesem Sinne sind wir bestrebt, gemeinsam mit allen Beteiligten die beste Lösung für die notwendige Erweiterung unseres Krankenhauses zu finden", wird betont.

Derzeit seien noch rund 30 Wohnungen in der Taborstraße 18 vermietet. Mit allen Mietern seien schon in der Vergangenheit immer wieder Gespräche aufgenommen worden, die mit vielen Mietern sehr positiv verlaufen sind. "Dabei legen wir besonderen Wert auf korrektes und freundliches Vorgehen den Mietern gegenüber. Wir wollen auch hier die Werte des Ordens besonders betonen", erklären die Barmherzigen Brüder.

Es sei schon in zahlreichen Fällen gelungen, mit Mietern Vereinbarungen zu treffen, die deren Wohnsituation wesentlich verbessert haben und auch finanziell für die Mieter sehr gut waren. Mehrere Mieter haben bereits Angebote für Ersatzwohnungen angenommen, mit einigen laufen Gespräche.

Bedauern über Aufruf zur Wohnungsbesetzung

Dabei lege die Eigentümervertretung Wert auf eine offene Kommunikation und stehe jederzeit für konstruktive Gespräche bereit. "Auch aktuell haben wir die Mietervertretungen erneut zum Gespräch eingeladen. Umso mehr bedauern wir, dass einige Mieter dieses Angebot nicht annehmen wollen und zur Hausbesetzung aufgerufen haben. Solche Maßnahme schaden nicht nur einem konstruktiven Gesprächsklima, sondern sind zusätzlich mit vielen Kosten, welche schlussendlich von den Steuerzahlern bezahlt werden müssen, verbunden", stellen die Barmherzigen Brüder klar.