Missbrauchsopfer verklagt Steiermark auf 600.000 €

Walfried J. zieht jetzt vor Gericht.
Walfried J. zieht jetzt vor Gericht.Bild: Helmut Graf
Walfried J. wurde als Kind 15 Jahre lang von seiner Pflegemutter schwerst misshandelt. Jetzt klagt er das Land Steiermark auf 600.000 Euro Schmerzensgeld.
"Dieses Monster hat mich 15 Jahre lang gefoltert. Ich wurde als Kind etwa in einen dunklen Raum gesperrt, ans Bett gefesselt und blutig geschlagen. Alle meine Milchzähne hat sie mir mit einer rostigen Beißzange gezogen – bis heute leide ich unter den Folgen", erinnert sich Walfried J. an die schreckliche Zeit bei seiner steirischen Pflegemutter – "Heute.at" berichtete.

Seine Kindheitserlebnisse in den 1960er- und 1970er-Jahren verfolgen ihn immer noch. Nach all den Jahren kämpft er immer noch um juristische Gerechtigkeit. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien kündigte Walfried J. an, Klage gegen das Land Steiermark einreichen zu wollen. Er verlangt 600.000 Euro Schmerzensgeld. Sein Vorwurf: Die Jugendfürsorge der Bezirkshauptmannschaft Leibnitz hätte ihn wissentlich als Baby in die Obhut einer verurteilten Kindsmörderin gegeben.

Es gehe ihm nun schlechter als zuvor, schildert J., der nach seinem Martyrium mit 19 Jahren selbst zum Mörder wurde. Schwer getroffen habe ihn ein Bescheid des Landes, der ihm in drei Zeilen mitgeteilt habe, dass seine Ansprüche verjährt seien. "Das ist so unpersönlich, damit habe ich mich nicht zurechtgefunden", wird der mittlerweile 53-Jährige zitiert.

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Seine Rechtsanwältin Julia Kolda will nun dagegen vorgehen: Ein vorliegendes psychiatrisches Gutachten würde nicht nur die Höhe des Schmerzensgeldes begründen, sondern hätte auch die Geschäftsunfähigkeit ihres Mandanten festgestellt. Wegen dieser "Hemmung" sei die Amtshaftung auch nicht verjährt, argumentiert die Juristin.

Die Frist hätte zudem erst 2016 zu laufen begonnen, weil Walfreid J. erst in diesem Jahr durch Einsicht in seinen 269 Seiten starken Akt davon erfuhr, dass die tödliche Vorgeschichte seiner Pflegemutter den Behörden von Anfang an bekannt gewesen sein muss. "Mir ist beim Lesen das Herz stehen geblieben. Ich hab' gezittert, geflucht und geweint", schildert der Steirer in einem Interview mit dem "Kurier".

Bislang hat das Land Steiermark Walfried J. 25.000 Euro zugestanden, allerdings erst nachdem dieser die Causa öffentlich gemacht hatte. Mittlerweile sollen laut dem Bericht belastende Passagen aus seiner Akte verschwunden oder geschwärzt worden sein. Durch wen und wann das geschah ist unklar. Ende 2017 wurde der Akt in dieser Fassung von der Bezirkshauptmannschaft an die eigens eingerichtete Clearingstelle weitergegeben.

Dass man heute noch weiß, was darin zu lesen war, ist J.s Geistesgegenwart zu verdanken. Er hatte die betreffenden Stellen bei seiner Einsichtnahme abfotografiert. Nicht nur deshalb ist Anwältin Kolda positiv, dass die Klage Erfolg haben wird – obwohl es so einen Fall in Österreich bisher noch nicht gegeben hat.

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(red)

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