Schulen geräumt, Bahnhöfe gesperrt, Polizei im Dauereinsatz: Über Monate hinweg legten falsche Bombendrohungen Teile von Österreich und Deutschland lahm. Jede einzelne Meldung musste ernst genommen werden, weil jederzeit ein echter Anschlag dahinterstecken hätte können. Für tausende Menschen bedeutete das Angst, Unsicherheit und massive Störungen im Alltag.
Erst später wurde klar, was wirklich hinter der Welle steckt. Keine Terrorgruppe, sondern eine lose organisierte Online-Szene, die gezielt Droh-Mails verschickt hat – und zwar tausendfach. Für die Täter war das kein Ernst, sondern ein Spiel, bei dem es nur darum ging, möglichst viel Chaos auszulösen.
Wie dieses "Spiel" genau funktioniert, zeigen jetzt interne Chats und Sprachaufnahmen. Die Recherchen von STANDARD, Spiegel und ZDF geben erstmals einen direkten Einblick. Darin ist zu hören, wie sich die Beteiligten gegenseitig antreiben und immer weiter pushen. "Ich habe Al-Kaida und den IS überholt", prahlt einer. Die anderen reagieren nicht schockiert, sondern lachen und legen nach. Die Drohungen werden wie Punkte gezählt – wer mehr Einsätze auslöst, steigt im Ansehen der Gruppe.
Auffällig ist dabei der Ton in den Chats. Es geht nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern auch um gezielte Provokation. "Diese Österreicher richtig f…" sagt ein Teilnehmer ganz offen - und bekommt Zustimmung. Diese Mischung aus Hass, Langeweile und Geltungsdrang zieht sich durch die gesamte Szene. Die Täter steigern sich gegenseitig hinein und verlieren dabei völlig den Bezug zur Realität. Die Folgen für andere Menschen spielen dabei keine Rolle.
Während die Täter im Netz prahlen, ist die Situation draußen bitterer Ernst. Jede Drohung löst einen Großeinsatz aus. Gebäude werden geräumt, Straßen gesperrt, Einsatzkräfte rücken mit voller Stärke aus. Für die Polizei gibt es keinen Spielraum - jede Nachricht könnte echt sein.
Die Bilanz ist enorm: hunderte Einsätze und Kosten, die laut Behörden oft im fünf- bis sechsstelligen Bereich liegen – und das pro Vorfall. Bezahlt wird das am Ende von der Allgemeinheit.
Wie stark die Auswirkungen sind, zeigt ein Fall in Linz. Dort wurde der Hauptbahnhof nach einer Drohung komplett geräumt. Züge fielen aus, tausende Menschen waren betroffen, der Verkehr kam durcheinander. Besonders brisant: Ein Täter prahlte später in den Chats damit, den Bahnhof gleich zweimal lahmgelegt zu haben. Sein Ziel war klar – Aufmerksamkeit, egal welche Folgen das hat.
Die Ermittlungen zeigen inzwischen, dass viele Beteiligte keine Unbekannten mehr sind. In Österreich und Deutschland laufen Verfahren, mehrere Verdächtige wurden bereits identifiziert. Das Problem: Die Szene ist international vernetzt und agiert über Ländergrenzen hinweg. Das macht es für die Behörden schwierig, konsequent durchzugreifen.