"Es ist etwas ganz Besonderes": Für Tänzer David Soares (28) schließt sich ein Kreis. Schon in Russland stand er im umstrittenen Stück über Ballett-Ikone Rudolf Nurejew auf der Bühne – jetzt bringt er "Nurejew" in Berlin erneut zum Leben. Doch diesmal ist alles anders: Nach dem Angriffskrieg musste Soares fliehen. Wie viele andere Künstler fand er im Westen eine neue Heimat und so scheint sich die Geschichte zu wiederholen.
Das Stück erzählt das Leben eines Mannes, der selbst zur Legende wurde: Nurejews spektakuläre Flucht 1961 aus der Sowjetunion, sein Aufstieg zum größten männlichen Ballett-Star des 20. Jahrhunderts – und sein früher Tod 1993 an den Folgen von Aids. Ein Leben zwischen Ruhm, Rebellion und Risiko.
Besonders brisant an dem Stück: In Russland wurde "Nurejew" 2023 verboten. Der Vorwurf: "nicht-traditionelle Werte" und LGBTQ-"Propaganda". Für viele Kulturschaffende ein weiterer Grund zu gehen – Zehntausende verließen das Land. Besonders Berlin wurde zum Zufluchtsort, zur inoffiziellen Hauptstadt der russischen Opposition.
Auch Regisseur Kirill Serebrennikow kennt den Druck des Systems. Schon bei der gefeierten Uraufführung 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater stand er unter Hausarrest – viele sehen die Vorwürfe gegen ihn als politisch motiviert. 2022 gelang ihm die Flucht, heute lebt und arbeitet er im Berliner Exil. Seine Botschaft ist klar und aktueller denn je: "Wir leben in einer Zeit, in der es an Freiheit und gesundem Menschenverstand mangelt."
Nurejew selbst war genau dafür das Symbol: ein Rebell, der Grenzen sprengte. Er revolutionierte das klassische Ballett, machte Männer auf der Bühne zu gleichberechtigten Stars – und lebte offen homosexuell, lange bevor das selbstverständlich war. Nach seiner Flucht wurde er staatenlos, wodurch ihm das Reisen aufgrund von Bürokratie schwer gemacht wurde. Der Ballettstar erhielt schließlich die österreichische Staatsbürgerschaft.
Für Soares bleibt die Rolle eine Mammutaufgabe. "Es ist unmöglich, ihn wirklich zu verkörpern", sagt er. Zur Vorbereitung studierte er Interviews, Bewegungen, Auftreten. Denn Nurejew war nie nur Tänzer – er war eine Persönlichkeit, ein Mythos.
Und genau das macht dieses Stück heute so einzigartig: Es erzählt nicht nur Vergangenheit. Es spiegelt eine Gegenwart, in der Künstler wieder fliehen müssen – und Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.