"Österreicher trinken 1,5 Vollbäder Alkohol pro Jahr"

15% der Österreicher trinken regelmäßig zu viel, 42% unterschätzen die Gefahr von Alkohol. Der AlkCoach unterstützt dabei, auch mal Nein zu sagen.

Ein Glaserl Wien zum Essen oder ein entspanntes Bier nach der Arbeit – was soll daran schlimm sein? Ist es auch nicht. Problematisch wird es erst, wenn die gesunde Menge (wiederholt) überschritten wird. „Im Durchschnitt trinken 15 Prozent der Österreich über der Grenze, fünf Prozent gelten als suchtkrank“, erklärt Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention beim PSD Wien.

Die Grenze liege laut der Expertin bei einem 1,5 Liter Bier für Männer und 1 Liter für Frauen (täglich über einen längeren Zeitraum gerechnet). Wenig gesundheitsgefährdend sei der Alkoholkonsum jedoch nur, wenn weniger als ein großes Bier (Männer) oder einem kleinen Bier (Frauen) getrunken und zumindest zweimal pro Woche eine Alk-Pause eingelegt wird. 

17% tranken während Coronakrise weniger, 13% mehr

Durch die Corona-Krise stieg die Gefahr weiter an. Laut einer Studie der GÖG (Gesundheit Österreich GmbH) konsumierten im Vorjahr 85% der Befragten Alkohol. Für den Großteil hatte Corona keine Auswirkungen, 71% tranken während der Krise in etwa genau so viel oder wenig wie zuvor. Rund 17% der Befragten gaben an, ihren Konsum reduziert zu haben, 13% hingegen tranken deutlich mehr als vorher. Als Hauptgründe nannten sie laut des Fact Sheets "Berauscht durch die Krise" des Gesundheits- und Sozialministerium "mehr Freizeit" (43%) und "mehr Stress" (26%).

Video: heute.at

Laut dem Suchtmittelmonitor der Stadt Wien 2019 trinken die Österreicher am liebsten und häufigsten Bier (42% – bei Männern liegt die Quote deutlich höher bei 61%), gefolgt von Wein (32% – bei Frauen sind es 44%). Cocktails und Mischgetränke kommen auf nur 10%, Schaumwein auf 7%, der Rest geht an verschiedenes wie etwa Schnäpse. Das erste Mal Alkohol trinken die Österreicher im Schnitt bei 16 Jahren. 13% waren jünger als 14 Jahre. 

Österreicher trinken fast zwei Vollbäder Alkohol pro Jahr 

Laut Expertin Brunner trinken die Österreicher pro Jahr 12 Liter reinen Alkohol. Das entspricht rund zweieinhalb Flaschen Wein oder 4,6 Litern Bier pro Woche und Person – genug um am Ende eines Jahre mehr als eineinhalb Vollbäder zu füllen. Zudem würden viele die Gefahr von Alkohol nicht richtig erkennen: Laut dem Suchtmittelmonitor der Stadt würden 42% der Befragten die medizinisch gesundheitsgefährdende Menge Alkohol unterschätzen. 

Und wohl auch die Auswirkungen. Laut Brunner hängen rund 60 Krankheiten unmittelbar mit zu hohem Alkoholkonsum zusammen, angefangen bei verschiedenen Krebserkrankungen und hin zu Herz- oder Darmkrankheiten. Dazu gibt es auch einen nachgewiesenen Zusammenhang von problematischem Alkoholkonsum und Depressionen oder depressiven Verstimmungen. Gründe auf seinen Konsum zu achten, gibt es also genug. Mit dem AlkCoach bietet die Stadt gezielt und vor allem kostenlos Unterstützung.

AlkCoach hilft mit acht Modulen beim Nein sagen und der Entspannung

"Viele unser Kunden trinken seit über zehn Jahren regelmäßig zu viel, wollen jetzt aber reduzieren. Mit dem AlkCoach bieten wir ihnen ein anonymes und kostenloses Selbsthilfe-Reduktionstool, das sie auf wertschätzende Weise bei der Reduktion unterstützt", so Brunner. Das Programm wurde unter dem Namen "takecareofyou.ch" vom Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF), einem assoziierten Institut der Universität Zürich, erstellt und für Österreich adaptiert.

Die Teilnahme ist auf sechs Wochen ausgelegt, mitmachen kann jeder, der eine funktionierende E-Mailadresse und ein problematisches Trinkverhalten hat. Nach der Registrierung bzw. Log-in können sich die Kunden eines von acht Modulen aussuchen. Darunter ist eine Einleitung, die erklärt, wie der AlkCoach hilft, andere beraten und unterstützen bei der Entspannung (ohne Alkohol) und wie man beim Essen mit Freunden auch mal Nein sagen kann.

Sechs Testimonials berichten als Identifikationsfiguren aus ihrem Leben (die Geschichten sind echt, die Fotos stammen von einer Bildagentur) und vermitteln den Kunden das Gefühl von Verständnis, denn ihnen geht es auch so. Etwa der partyfreudigen 25-jährigen Studentin, die gerne ein paar zu viel hebt oder dem 50-jährigen Bauarbeiter für den Bier quasi Mittagessen-Ersatz ist. 

Konsumtagebuch unterstützt Reflexion und gibt ein Stück Kontrolle zurück

Besonders sinnvoll ist das Konsumtagebuch. Hier kann nicht nur eingetragen werden, wieviel Alkohol getrunken wird, es lässt sich auch die kommende Woche planen. "Das gibt den Kunden wieder Kontrolle zurück", erklärt Brunner. 

Zudem schaffen die Eintragungen einen Überblick und macht oft erstmals bewusst, unter welchen Bedingungen (alleine am Sofa oder mit Freunden beim Fortgehen) getrunken wird. Die Frage "warum trinke ich wann und in welcher Situation?" wirft Licht auf oft unbewusst ausgeführte Handlungen und kann zu einem bewussteren Konsum beitragen.

Das gilt auch an besonders heißen Tagen: Nach einem langen Tag im Büro, freuen sich viele am Abend auf ein oder zwei kühle Bier. Doch gerade bei Hitze kann Alkohol besonders schnell durchschlagen. Daher rät die Expertin: "Niemals Alkohol gegen den Durst trinken". Besser ist zuerst mit Wasser oder anderen Anti-Alk-Getränken anfangen und dann das Bier eher als Genuss hinterher trinken.

Aktuelle Studie belegt Wirkung: 60% tranken durch AlkCoach weniger

Wie gut der AlkCoach hilft, beweist nun eine aktuelle Studie. Daran haben über eine Dauer von vier Jahren insgesamt 689 Personen (davon 51,6% männlich) mit einem Durchschnittsalter von 42,8 Jahren teilgenommen. 271 Teilnehmer stammen aus Österreich, 178 aus Deutschland und 232 aus der Schweiz. Sie alle wiesen nach eigenen Angaben ein problematisches Trinkverhalten mit zumindest moderaten Depressionssymptomen auf und waren in keiner aktuellen Behandlung.

Nach drei Monaten Arbeit mit dem AlkCoach konnte die wöchentliche Menge an getrunkenem Alkohol durchschnittlich um 17,4 Gläser (von zunächst 34,8) gesenkt werden. Ein Standardglas entspricht 150 bis 200 ml Wein bzw. 330 bis 450 ml Bier oder 50 ml Schnaps. Nach sechs Monaten waren es noch immer 16,56 Standardgläser weniger als zum Ausgangswert.

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