"Fühlte mich überlegen, wenn ich Avocado kaufte"

Nils Binnberg erzählt im Gespräch mit "Heute.at", wie aus zwanghaft gesunder Ernährung eine Essstörung werden kann und rechnet mit Ernährungs-Gurus ab.
Journalist und Autor Nils Binnberg befolgte jahrelang zwanghaft verschiedenste Ernährungs-Theorien. Nun schrieb er ein Buch, um das Phänomen seines kranken Bezugs zum Essen zu verstehen. "Ich habe es satt" ist seine Abrechnung mit den Mythen der Ernährung, wegen denen er an "Orthorexie" erkrankte. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Binnberg, immer mehr Menschen ernähren sich so gesund, dass es fast schon wieder krank ist. Was steckt hinter der Essstörung Orthorexie?

Nils Binnberg: Wie im Märchen teilen Betroffene Lebensmittel in Gut und Böse ein. Weißer Zucker etwa ist der Feind, Quinoa der Held. Meinungsbildend sind dabei auch Ernährungsratschläge. Noch sind die Ursachen für die Krankheit ungewiss. Man nimmt an, dass sich dahinter ein insgeheimer Schlankheitswunsch verbirgt und man das Selbstwertgefühl aufbessert.

"Ich habe mich mit Mandeln und Avocado im Körbchen überlegen gefühlt."


Wie meinen Sie das? Man fühlt sich besser, weil man zum Frühstück eine Chia-Bowl isst?

Ja, die Moral spielt eine Rolle. Wir fühlen uns beim Verzehr von bestimmten Lebensmitteln heilig. Das war auch bei mir der Fall. Wenn ich im Supermarkt stand, habe ich geschaut, was die Menschen vor und nach mir auf das Band legten. Bei Fertigpizza und Pommes – Dinge, die wir in unserer Kultur einem bestimmten Milieu zuschreiben – habe ich mich mit Mandeln und Avocado im Körbchen überlegen gefühlt.



CommentCreated with Sketch.2 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Hat unsere Gesellschaft generell ein gestörtes Essverhalten?

Zumindest ist die Trennlinie zwischen Essstörung und einem gestörten Essverhalten schmal. Immer mehr Menschen bilden sich ein, bestimmte Lebensmittel nicht zu vertragen, weil sie verunsichert sind. Die Ratschläge widersprechen sich ständig. Wir hören, dass Hühnereier gesund seien. Kurze Zeit später gelten sie als ungesund und werden wie Gift behandelt. Dabei ist es ganz einfach: Ein Ei ist kein Gift, sondern ein Lebensmittel. Entscheidend ist die Dosis.

"Die Menschen entwickeln ein Schuldgefühl, wenn es ums Essen geht."


Inwiefern hat Social Media unseren Bezug zum Essen verändert?

Bloggerinnen stellen ihre Yoga-Körper vor einer Gemüseplatte zur Schau und suggerieren, dass man ähnlich aussehen kann, wenn man sich rein pflanzlich ernährt. Sie inszenieren sich als Gesundheits-Gurus, haben aber keine Ausbildung in dem Bereich. In einem Extremfall hat eine Bloggerin geraten, 25 Tage nichts weiter als Wasser zu sich zu nehmen. Der Ratschlag hat sich unter ihren drei Millionen Followern verbreitet wie ein Lauffeuer. Solche Empfehlungen kommen einem nicht absurd vor, weil man sich in einer Filterblase bewegt. Das ist brandgefährlich.

Nun gibt es aber durchaus auch Bloggerinnen, die auf Fotos genüsslich in einen Burger beißen…

Auch das ist nicht unproblematisch. Denn diese Beiträge sind häufig mit dem Hashtag #guiltypleasure versehen. Es zeigt, dass wir Lebensmittel mit allen möglichen negativen Gefühlen behaften. Die Menschen entwickeln ein Schuldgefühl, wenn es ums Essen geht. Dabei gibt es im Grunde keine schlechten Lebensmittel. Der Mensch verträgt von Natur aus alles. Es kommt auf die Menge an.

"Kohlenhydrate haben genauso viele Kalorien wie Proteine."


Sie sprechen von 20 verschiedenen Lehren, denen Sie selbst folgten. Was blieb noch auf Ihrem Ernährungsplan stehen?

Ich ernährte mich zunächst zeitgeistkonform ohne Kohlenhydrate, weil es hieß, dass sie automatisch dick machen. Heute weiß ich, dass es ein Mythos ist. Kohlenhydrate haben genauso viele Kalorien wie Proteine. Da sie die größte Lebensmittelgruppe ausmachen, schmälerte sich mein Essensangebot dramatisch. Weiter ging es mit der Steinzeit-Diät sowie mit gluten- und laktosefrei. Am Ende landete ich bei Clean Eating. Man meidet dabei Lebensmittel mit mehr als fünf Inhaltsstoffen. Schlussendlich blieben noch fünf Nahrungsmittel übrig.

Wie lebt man mit all den Einschränkungen?

Rituale sorgen dafür, dass man ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe verspürt. Es war kriegsentscheidend für mich, dass es zum Frühstück immer einen Buchweizenbrei gab, mittags eine Avocado mit Räucherlachs und Rührei sowie abends Salat mit Fleisch oder Fisch. Wenn etwas außerplanmäßig lief, raste mein Herz panisch. An meinen schlimmsten Tagen stand ich eine Stunde im Supermarkt und wusste nicht, was ich einkaufen soll.

Hatten Sie denn das Gefühl, wirklich eine Gluten-Unverträglichkeit zu haben?

Ich dachte, Gluten würde dazu führen, dass mein Darm verklebt. Allein der Name, Klebereiweiß, wie man Gluten auch nennt, ließ dieses Bild in meinem Geist entstehen. Hinzu kam, dass eine ganze Reihe an Gurus und Prominenten dem Stoff gesundheitsschädliche Eigenschaften andichtete. Gefährlich ist Gluten tatsächlich nur für eine ganz bestimmte Gruppe von Menschen, in Deutschland für etwa 800.000 Menschen. Ich war vollkommen verblendet.

"Ich esse jetzt wieder, was mir schmeckt."


Woran haben Sie gemerkt, dass Ihr Essverhalten gestört ist?

Das dauerte eine Weile. Es ist gesellschaftlich anerkannt, auf die Gesundheit und Figur zu achten. Erst als ich zufällig in einem New-York-Times-Artikel auf den Begriff Orthorexie stieß, schrillten meine Alarmglocken. Ich tippte das Wort bei Google ein, las von einer Essstörung und plötzlich erkannte ich, dass mein Verhalten nicht vorbildlich ist, sondern tatsächlich krankhaft.

Können Sie nun wieder essen ohne Schuldgefühle?

Für mein Buch habe ich alle Lehren, denen ich gefolgt bin, durchrecherchiert und keine hatte ihren Versprechungen –dauerhaft schlank, gesund und leistungsfähig zu sein – standgehalten. Das war für mich ein Wake-Up Call. Ich wollte mich mit dem Essen versöhnen und das ist mir größtenteils gelungen. Ich esse jetzt wieder, was mir schmeckt: Von deutscher Hausmannskost bis zu italienischem Essen.

Wie können wir uns vor Ernährungs-Halbwahrheiten schützen?

Man sollte im Hinterkopf haben, dass achtzig Prozent aller Meldungen über Ernährungsstudien fehlerhaft sein können. Sie werden von Medien häufig verzerrt dargestellt. Pauschale Empfehlungen sollte man mit Vorsicht genießen. Kein Fingerabdruck gleicht dem anderen. Warum sollte es eine Ernährungsweise geben, die für alle richtig ist? Der Einfluss von Ernährung auf die Gesundheit lässt sich nur schwer herleiten. Der Lebensstil eines Menschen spielt eine Rolle und ein Lebensmittel besteht ja nicht nur aus einem einzigen Stoff. Wer ein gesundes Verhältnis zu sich und zum Essen hat, wird sich ohnehin abwechslungsreich und maßvoll ernähren. Das schafft man auch ohne Experten.



(GA)

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