"Musik. Liebe. Politik." – mit diesen drei Worten beschreiben die beiden Regisseure und Brüder Jono und Benji Bergmann ihre Doku "Noga". Der Film begleitet Israels Indie-Pop-Star Noga Erez, die vor dem internationalen Durchbruch steht – und gleichzeitig zwischen alle Fronten gerät. In Noga erleben wir die Ausnahmekünstlerin im Spannungsfeld zwischen Karriere, Liebe und Krieg. Am Freitag ist Erez auch live beim Frequency in St. Pölten zu erleben.
Wer mit der israelischen Musikerin Noga Erez ein Interview führt, bekommt vorab eine bemerkenswert deutliche Ansage ihres Managements: keine Fragen zum Krieg, keine zur Politik. Gesprochen werden soll ausschließlich über das, was im Film zu sehen ist.
Ein schwieriges Unterfangen. Denn unpolitisch ist weder ihre Musik noch die Dokumentation. Über mehrere Jahre begleiteten die Bergmann-Brüder Erez und Ori Rousso, ihren Partner in Kunst und Liebe, auf die großen Bühnen der Welt und durch die kleinen Momente des Alltags.
Als die Regisseure die beiden 2021 kennenlernten, wussten sie selbst nicht, wohin die Reise führen würde. "Wir haben gespürt, dass da etwas passiert: musikalisch, politisch, in ihrer Beziehung, in ihrer Karriere", erzählen sie. "Dass es so eskaliert ist auf allen Ebenen, weiß man nie im Dokumentarfilm."
Nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 verändert sich auch der Film. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Karrierepläne und eine Beziehung unter Erfolgsdruck.
"Wir waren plötzlich nicht mehr nur dabei, wie zwei Künstler mit Karriere, Beziehung und Zukunft kämpfen, sondern in Situationen, in denen Menschen um sie herum unmittelbar von Tod und Trauma betroffen waren", erinnern sich die Regisseure.
Die Kamera blieb trotzdem häufig an. Eine Entscheidung, die nicht immer leicht war. "Da denkt man natürlich sehr viel stärker darüber nach, welche Rolle man mit einer Kamera überhaupt einnehmen soll." Überhaupt sei Nähe beim Dokumentarfilm ein ständiges Abwägen: "Braucht der Film diesen Moment wirklich? Erzählt er etwas, das über reinen Voyeurismus hinausgeht?"
Mit Anfeindungen hatte Erez allerdings schon vor dem 7. Oktober zu kämpfen. 2021 sprach sie in einem Interview mit dem britischen Magazin Huck über die BDS-Bewegung. Ihre Aussagen wurden als Unterstützung der Israel-Boykottbewegung interpretiert – in ihrer Heimat folgte ein Skandal. Erez wurde angefeindet und erhielt sogar Morddrohungen.
Doch so regierungskritisch sie in Israel auftritt, vor Hass im Ausland schützt sie das nicht. Nach dem 7. Oktober mehrten sich Boykottaufrufe, Konzerte wurden abgesagt und Hassnachrichten aggressiver.
Dabei tritt Erez für Frieden ein, zeigt Empathie mit der palästinensischen Bevölkerung und kritisiert die Politik der israelischen Regierung. Trotzdem wird sie immer wieder auf eine Frage reduziert, die sie selbst gar nicht beantworten kann: auf welcher Seite sie steht.
Noga zeigt damit auch, wie schnell aus einer Künstlerin eine Projektionsfläche wird – und wie schwierig es ist, sich einfachen Zuschreibungen zu verweigern.
Erez wurde 1989 geboren und wuchs in Caesarea auf. Sie studierte an der Jerusalem Academy of Music and Dance und verbrachte ihren Militärdienst als Musikerin in einer Band. Aus ihren musikalischen Anfängen in Tel Aviv entwickelte sich ein eigenwilliger Mix aus elektronischem Pop, Rap und Jazz.
2017 erschien ihr gefeiertes Debüt "Off the Radar", 2021 folgte "Kids". An ihrer Seite steht seit Jahren Ori Rousso – Produzent, musikalischer Partner und Lebensgefährte. Mittlerweile sind die beiden auch Eltern einer Tochter.
Die Regisseure wollen mit ihrem Film dabei bewusst keine politische Gebrauchsanweisung liefern. "Uns interessiert es nicht, dem Publikum zu sagen, was es denken soll", sagen sie. Vielmehr beobachte man eine Künstlerin, die im Ausnahmezustand selbst herauszufinden versucht, "was sie denkt und fühlt".
Was sollen die Zuschauer also aus dem Kino mitnehmen? "Vielleicht weniger eine Antwort als bessere Fragen."
Wer sich selbst ein Bild von der Musikerin machen will, bekommt dazu schon diese Woche Gelegenheit: Noga Erez tritt am Freitag, 21. August 2026, beim FM4 Frequency Festival in St. Pölten auf. Sie spielt von 15:00 bis 15:45 Uhr auf der Green Stage.
Von der Kinoleinwand geht es für Erez damit direkt auf eine der größten Festivalbühnen Österreichs – und dort darf dann für 45 Minuten tatsächlich einmal vor allem eines im Mittelpunkt stehen: die Musik.