Der Schock sitzt bei Luka S. immer noch tief – Polizisten ließen einen Diensthund auf ihn los, weil sie den 15-Jährigen irrtümlich für einen Einbrecher hielten.
Er war am Freitagabend mit zwei Freunden auf dem Nachhauseweg vom Fußballtraining in Reiden LU, als plötzlich ein Hund aus der Dunkelheit auf sie zu rannte. "Wir hatten Angst und rannten davon", sagt Luka gegenüber 20 Minuten. Die Polizei habe ihnen zugerufen, stehenzubleiben. Doch: "Ich habe das nicht gehört – meine Freunde schon, so blieben sie stehen. Ich hatte Panik und rannte noch einige Meter weiter", sagt Luka.
"Plötzlich sprang der Hund mich an und biss mir ins rechte Bein. Ich fiel zu Boden und versuchte, mich zu wehren." Laut Luka hat es einige Zeit gedauert, bis die Polizei den Hund von ihm abbringen konnte. Nach der Attacke hätten die Beamten einen Krankenwagen gerufen.
Der 15-Jährige erlitt schwere Bissverletzungen am rechten Unterschenkel und musste am Samstag operiert werden. "Ich kann nicht auf meinem rechten Bein stehen", sagt er am Montag. "Es war brutal. Wenn ich abends alleine bin und die Augen schließe, sehe ich immer und immer wieder die Bilder, wie mich der Hund attackiert."
Marino* (15), einer von Lukas Freunden, war ebenfalls beim Angriff dabei: "Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Wir wollten nur reden und chillen. Plötzlich war der Hund da und sprang auf uns los." Eine Androhung seitens der Polizei hätten sie nicht gehört. Am Samstag und am Montag habe er Luka im Spital besucht. "Vor dem Schlafen muss ich immer noch daran denken. Am Freitag konnte ich kein Auge zu machen."
Lukas Familie steht ebenfalls unter Schock und kritisiert das Vorgehen der Polizei: "Bis heute hat uns niemand von der Polizei kontaktiert oder nachgefragt, wie es meinem Sohn geht", sagt Milan S., der Vater von Luka. Die Eltern besuchen der 15-Jährigen jeden Tag nach der Arbeit.
Luka hofft vor allem eines: "Dass ich irgendwann wieder Fußball spielen kann." Laut seinen Ärzten weiß man derzeit noch nicht, wie stark der Muskel bei dem Angriff beschädigt wurde. Ob und wann das Bein wieder vollständig geheilt ist, sei derzeit noch offen und hänge stark von der Wundheilung ab. Bis am Mittwoch müsse er auf jeden Fall im Krankenhaus bleiben.
Auf Anfrage bestätigt die Kantonspolizei Luzern einen Einsatz in Reiden. Es sei ein Einbruchdiebstahl gemeldet worden. "Bei der Fährtenarbeit mit dem Hund trafen diese auf drei Personen, welche Signalementsähnlichkeiten mit der beschriebenen Täterschaft aufwiesen." Die drei Personen seien beim Erblicken der Polizei davongerannt. "Auf die Androhung, stehenzubleiben, stoppten zwei Personen. Eine dritte Person rannte weiter, worauf der Hund geschickt wurde und die Person stellte." Abklärungen ergaben, dass die drei Personen nicht mit dem Einbruchdiebstahl in Verbindung stehen dürften, heißt es weiter. Der Vorfall werde seitens der Polizei intern aufgearbeitet.
Für den Hundetrainer Carlo Schafroth hat der Polizeihund nichts falsch gemacht. "Er führte den Befehl aus, die Person zu stoppen und wurde darauf trainiert, dies auch mittels Biss ins Bein oder in den Arm zu tun." Ob es fahrlässig war, den Hund auf Personen anzusetzen, deren Beteiligung unklar war, müsse untersucht werden. "Das Wegrennen allein scheint mir aber keine Rechtfertigung dafür zu sein." Schließlich nehme man mit dem Einsatz des Hundes erhebliche Risiken in Kauf. "Vielleicht hätte der Polizist ihm auch nachrennen können."
Der Ex-Kriminalkommissar Markus Melzl findet den Einsatz des Hundes verhältnismäßig: "Wenn die jungen Männer wegrennen, ist es klar, dass der Hund auf sie losgeschickt wird." Denn das Wegrennen wirke verdächtig. "Die Polizisten können ja nicht wissen, dass er aus Angst vor dem Hund wegrennt." Wäre der Mann dem Befehl der Polizei, stehenzubleiben, gefolgt, wäre auch der Hund stehengeblieben und hätte nicht gebissen.
*Name geändert