630 Kilometer, kaum Schlaf und am Ende nur ein Sieger: Mark Dowdle hat am Dienstag den "Last Soul Ultra" gewonnen. Der US-Amerikaner absolvierte 94 Runden und setzte sich gegen Ayyoub "Ello" El Osrouti durch, der nach 93 vollständig absolvierten Runden und 623,7 Kilometern nicht mehr konnte.
Doch während im Ziel vor allem die unglaublichen sportlichen Leistungen gefeiert wurden, sorgen nun Szenen aus der letzten gemeinsamen Nacht der beiden für Diskussionen.
Denn nach mehr als drei Tagen auf den Beinen wurde aus dem Laufduell offenbar auch ein Kampf mit dem Kopf.
Besonders eine Szene aus Runde 87 wird unter Zuschauern heiß diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden bereits rund 580 Kilometer hinter sich.
Aufnahmen aus dem Livestream zeigen ein ungewöhnliches Katz-und-Maus-Spiel zwischen den letzten beiden Läufern.
Dowdle läuft dabei zeitweise unmittelbar hinter El Osrouti. Als "Ello" sein Tempo verändert beziehungsweise stehen bleibt, reagiert offenbar auch der Amerikaner darauf. El Osrouti versucht schließlich, Abstand zwischen sich und seinen Konkurrenten zu bekommen.
Für viele Zuschauer war schnell klar: Hier wird nicht mehr nur mit den Beinen gelaufen.
Auch in internationalen Ultra-Running-Communitys wurde Runde 87 anschließend diskutiert. Zuschauer bezeichneten das Verhalten als psychologisches Duell und warfen Dowdle teilweise vor, El Osrouti bewusst unter Druck gesetzt zu haben.
Im Netz gehen einige Behauptungen inzwischen noch weiter. Dort ist teilweise sogar von einem möglichen körperlichen Zwischenfall zwischen den beiden die Rede.
Dafür gibt es derzeit allerdings keine belastbare Bestätigung.
Weder die aktuellen Berichte über den Last Soul Ultra noch die veröffentlichten Ergebnisse dokumentieren einen Angriff. Auch aus den kursierenden Aufnahmen lässt sich ein solcher nicht eindeutig ableiten.
Fest steht lediglich: Die Stimmung zwischen den beiden wirkte in dieser Phase des Rennens deutlich angespannter, als es bei einem gemeinsamen Lauf zunächst zu erwarten wäre.
Nach mehr als 80 Stunden ohne normalen Schlaf dürfte allerdings auch der mentale Ausnahmezustand eine Rolle gespielt haben.
Ein Detail macht die Geschichte besonders kurios.
Ausgerechnet die viel diskutierte 87. Runde war Dowdles schnellste des gesamten Rennens. Laut den offiziellen Rundendaten benötigte der Amerikaner nur 38 Minuten und 16 Sekunden. Über alle 94 Runden lag sein Schnitt dagegen bei 51:42 Minuten.
Nach fast 584 gelaufenen Kilometern konnte Dowdle also plötzlich noch einmal massiv beschleunigen.
Bei einem Backyard Ultra kann das durchaus Teil der Taktik sein. Die Läufer müssen jede Stunde exakt 6,706 Kilometer absolvieren. Wer schneller ins Ziel kommt, bekommt bis zum nächsten Start entsprechend mehr Pause. Wer dagegen langsam läuft, reduziert seine Erholungszeit.
Gerade wenn nur noch zwei Athleten übrig sind, wird das Rennen deshalb auch zum Psychoduell.
Beendet war das Duell nach den Szenen allerdings noch lange nicht.
El Osrouti ließ sich zunächst nicht abschütteln. Stunde um Stunde erschien er wieder an der Startlinie. Erst in Runde 94 war endgültig Schluss.
Der 27-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt 93 Runden und 623,7 Kilometer erfolgreich absolviert. Damit gelang ihm die zweitbeste Backyard-Leistung eines deutschen Läufers überhaupt.
In seiner nächsten Runde streikte schließlich der Körper. Völlig entkräftet blieb El Osrouti auf einer Wiese liegen und konnte die Runde nicht mehr beenden.
Dowdle musste anschließend als "Last Soul" seine entscheidende Runde zu Ende bringen.
Nach 94 Stunden und 630,4 Kilometern stand der Amerikaner als Sieger fest.
Auch nach dem Rennen fiel Zuschauern die Reaktion zwischen den beiden Finalisten auf. Eine große gemeinsame Jubelszene blieb aus.
Daraus einen Streit abzuleiten, wäre allerdings Spekulation. El Osrouti war nach beinahe vier Tagen und mehr als 623 Kilometern völlig entkräftet. Organisator Kim Gottwald feierte seinen Vorjahreskonkurrenten anschließend ausdrücklich als "großartigen Menschen" und "wahnsinnigen Kämpfer".
Dowdle wiederum feierte seinen siebten Backyard-Sieg in Serie. Noch nie hat der Amerikaner nach Angaben der Rennberichterstattung ein Backyard Ultra verloren.
Sportlich ist die Geschichte damit entschieden.
Was genau in der letzten Nacht zwischen den beiden passierte und wie viel davon gezielte Taktik war, dürfte die Ultra-Community aber noch länger beschäftigen.