Ukraine

"Putin wird die kleinen, schwachen Staaten plagen"

Finnland und Schweden wollen der NATO beitreten. Sicherheitsforscher Tobias Vestner rechnet damit, dass Russland deshalb den Balkan ins Visier nimmt.
13.05.2022, 12:32

Die russische Regierung hat Finnland vor den Konsequenzen eines Beitritts in die NATO gewarnt. Es müssten Vergeltungsmaßnahmen ergriffen werden, militärisch-technischer und anderer Art, um eine Bedrohung der nationalen Sicherheit zu verhindern, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

Russland droht Finnland mit Gas-Stopp

Die finnische Zeitung "Iltalehti" berichtet unterdessen, dass hochrangige Politiker davon in Kenntnis gesetzt worden seien, dass Russland am 13. Mai die Ergas-Versorgung nach Finnland unterbrechen könnte. Zudem erklärte Kreml-Chef Putin, dass die Sanktionen dem Westen mehr als Russland schaden würden.

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Der Schweizer Sicherheitsforscher Tobias Vestner geht jedenfalls im Interview mit "20 Minuten" bereits davon aus, dass es Russland auf den Balkan abgesehen hat.

Herr Vestner, Finnland und Schweden wollen der NATO – ein rotes Tuch für Kremlchef Wladimir Putin – beitreten. Welche Folgen hat dies?
Für Putin sind die Beitrittsbegehren von Finnland und Schweden ein Bumerang. Führte Russland in der Ukraine keinen Krieg, hätten die beiden Staaten auch wenig Interesse, der NATO beizutreten. Mit dem Krieg hat Putin demnach zu einer Stärkung der Nato beigetragen. Also zu etwas, das er eigentlich verhindern wollte.

Könnte der Krieg eine neue Eskalationsstufe erreichen?
Putin sah im Westen schon lange eine Bedrohung für Russland. Im Beitrittsinteresse von Finnland und Schweden wird er sich darin bestätigt fühlen, von der Nato umzingelt zu sein. Es ist aber nicht damit zu rechnen, dass er wegen der Nato, die jetzt noch prominenter vor seiner Haustür steht, den Westen angreifen wird. Wahrscheinlicher ist, dass er Finnland und Schweden zu provozieren beginnt, etwa mit unbewilligten Überflügen.

Warum nicht?
Putin will sich nicht mit den großen Starken anlegen. Stattdessen wird er die kleinen, schwachen Staaten plagen. Vor allem der Balkan hat mit seinen pro-russischen Strömungen Sprengpotenzial.

Rechnen Sie mit einem Angriff auf den Balkan?
Es ist kaum möglich, dass Russland dort wie in der Ukraine einmarschieren wird. Putin rechnete mit einem schnellen Sieg. Es hat sich aber gezeigt, dass die russische Armee nicht so stark ist wie erwartet. Russland kann vielleicht kein Gebiet erobern, aber es kann plagen und mit kleinem Aufwand Schaden anrichten.

Welchen?
Im Balkan kann Russland die Stimmung leicht aufheizen, indem Putin die pro-russischen Strömungen stimuliert. Russland kann die Unruhen in den Ländern nutzen, um aktiv einzugreifen, Macht auszuüben und einen Krieg anzuzetteln. Und Putin verunsichert und beschäftigt den Westen.

Was bedeutet ein Beitritt der beiden nordischen Staaten für neutrale Länder?
Grundsätzlich werden die neutralen Staaten einen schwereren Stand haben, weil mit weiteren NATO-Beitritten das Verständnis für die Neutralität schrumpft. Wenn die Schweiz klug vorgeht, werden ihre guten Dienste dank der Exklusivität der Neutralität aber wertvoller. Die Schweiz könnte für Russland und die internationale Gemeinschaft dann hilfreich sein.

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