Spiele-Test

"Rail Route" ist der Bahnplan-Traum von Sim-Nerds

"Rail Route" ist eine ganz besondere Art von Simulation. Statt Eisenbahnnetze in 3D zu konstruieren, plant man sie hier komplexen Systeme am Computer.

Rene Findenig
"Rail Route" ist der Bahnplan-Traum von Sim-Nerds
"Rail Route" ist sicher nichts für jeden Zocker – wer die Materie aber mag, wird das Game lieben.
Bitrich.info

"Rail Route" hat kürzlich den Early Access für PC verlassen und ist in der vorläufigen Vollversion auf Steam erhältlich. Das Game ist eigentlich gar kein Game, sondern eine hochkomplexe Sim mit einfachster Technik. Das nämlich, weil ganze Stadt-Eisenbahnsysteme hier mit Symbolen und Linien auf Computer geplant werden. Richtig, in "Rail Route" darf man nicht Bahnhöfe, Gleise und Züge in 3D in die bunte Spielwelt pflanzen, sondern setzt sie auf schwarzem Hintergrund mit ein paar Strichen als Plan um. Was langweilig klingt, entwickelt aber einen Reiz, wenn man sich darauf einlässt. Und ganz schön komplex wird das Sim-Ding dann auch noch.

Richtig ist aber: Wer mit Simulationen und besonders mit Bauplänen nichts anfangen kann, der wird auch "Rail Route" nach wenigen Minuten zur Seite legen und nie wieder anfassen. Das Game spricht eine kleine, aber umso motiviertere Community an. Und das zeigt sich auch gleich nach dem Start. Die Menüs und Karten sind optisch simpelst gehalten, dafür gibt es bereits eine Menge Modi. Unter dem Menüpunkt "Karten" finden sich die vorgefertigten Kampagnen-Schauplätze, Hunderte weitere hat aber auch bereits die Community dank Editor- und Mod-Unterstützung über Steam, einen Discord-Kanal und sogar Mod.io beigesteuert. 

Verschiedene Modi und zahlreiche Community-Karten

In den Unter-Modi finden sich die bisherigen Szenarien. So schlüpft man etwa in "Stoßzeit" in die Rolle eines Fahrdienstleisters und soll Strecken entwerfen, die das erhöhte Fahrgast-Aufkommen zu gewissen Tageszeiten besser abfangen können. Dabei steigt die Fahrgastzahl in Wellen an.  "Endlos" wiederum ist der Sandbox-Modus, in dem es um kein konkretes Ziel geht, sondern man von null beginnt und ein immer größeres Bahnsystem entwerfen darf. Die klassische Kampagne ist der Modus "Fahrplan", in dem man ein Schienennetz von klein auf vergrößert und dabei immer mehr Bauplan-Elemente und Technologien freischalten darf.

    "Rail Route" hat kürzlich den Early Access für PC verlassen und ist in der vorläufigen Vollversion auf Steam erhältlich. 
    "Rail Route" hat kürzlich den Early Access für PC verlassen und ist in der vorläufigen Vollversion auf Steam erhältlich.
    Bitrich.info

    Je nach Modus kann man in "Rail Route" bestimmen, mit wie viel Geldvermögen und Upgrades man in die Runden starten will, um es sich schwerer oder leichter zu machen. Neben dem eigentlichen Ziel, ein immer größeres und funktionierendes Schienennetz zu planen, darf man sich mit den durch seine Kreationen ergatterten Punkte in Online-Bestenlisten messen. In eine Karte gestartet, sieht alles anfangs simpel aus. Hier und da ein paar weiße Linien und farbige Schilder auf schwarzem Hintergrund. Und auch die Steuerung ist einfach: Mit der Maustaste die Funktionen auswählen und die Karte verschieben sowie mit dem Mausrad zoomen.

    Optisch minimalistisch, aber spielerisch komplex

    Schnell wird die Aufgabe jedoch komplex, denn eingeblendete Fenster zeigen an, auf welchen Linien welche Züge verkehren, wie die Intervalle zwischen den Zügen ausfallen und welche Wertung ihre Pünktlichkeit bekommt. Um neue Freischaltungen und Stufen zu erreichen, muss jeweils eine Pünktlichkeits-Vorgabe oder ein anderes Ziel erfüllt werden. In die Pläne in Schalttafel-Optik darf man dazu baulich eingreifen, entweder mit neuen Verbindungen zwischen den Orten, mit Signalen wie Halt und Vorrang, mit Sensoren zur Automatisierung von Zug-Bewegungen und mit Gebäuden wie Haltestellen und Bahnhöfen. Das alles schaltet man frei.

    Zum Rundenauftakt hat man dagegen so gut wie keine freigeschalteten Möglichkeiten, das Bahnnetz umzubauen. Klingt öde? Ist aber in Wahrheit der vielleicht stressigste Teil der Simulation, denn während man später Automatisierungen freischaltet und einbaut, muss man anfangs alles selbst machen, von der Zugannahme über das Wenden an Endbahnhöfen. Und das ist überraschend viel manuelle und Timing-Arbeit in einem optisch so minimalistisch aussehenden Spiel. Mit Erfolgen schalten sich zudem auch neue und mehrstufige Belohnungen wie Regional- und Güterzüge, Rangierbefehle, Rangiergleise, Tunnel und Zugdepots frei.

    Fans von Komplexität werden das Game lieben

    Wiederum sehr einfach ist die Steuerung ausgefallen – Signale auf der Strecke werden mit Linksklick aktiviert und per Rechtsklick deaktiviert, gleiches gilt für Weichen oder für Züge. Bei den Zügen wird jeweils angezeigt, welche Ziele sie in welcher Zeit anfahren sollen, was nun unsere Aufgabe ist, das auch pünktlich zu ermöglichen. Weil man es anfangs noch mit recht wenigen Zügen und mit recht langen Echtzeit-Wartezeiten zu tun hat, lässt sich die Spielzeit aufs bis zu 25-Fache beschleunigen. Nach und nach bekommen Spieler über die Zugleitungs-Büros, die ebenfalls als Symbole auf der Karte erscheinen, neue Anfragen für Strecken herein.

    Spätestens da fängt es mit der Planung an, denn Spieler müssen nun planen, wo neue Gleise für die angeforderte Strecke verlegt werden müssen und ob sich die angepeilten Ankunfts- und Abfahrtszeiten mit anderen Zügen und Strecken überschneiden. Ist das zum Start noch übersichtlich, wird es mit wachsender Anzahl der Züge, Haltestellen und Linien schnell immens komplex. Fahrtzeiten, Geschwindigkeiten, Signale, Streckenüberschneidungen, Dutzende Gegebenheiten müssen im Auge behalten und eingeplant werden, um einen effizienten und punktebringenden Bahnbetrieb umsetzen zu können. Fans von Komplexität werden das lieben.

    "Rail Route" ist der Bahnplan-Traum von Sim-Nerds

    Was schade ist an "Rail Route" in der Version 1.0: Vor allem die technische Seite hat wenig zu bieten. Die Steuerung ist zwar simpel und das Spiel läuft flüssig, wir hätten und anstatt ein paar blinkende und herumschwebende Symbole aber mehr Animationen gewünscht. Und auch der so gut wie nicht vorhandene Sound ist eine verpasste Chance, einzig einige Klick- und Ping-Geräusche gibt es. Vor allem Anfänger hätten sich zudem wohl über ein ausführliches Tutorial gefreut, statt die verschiedenen Mechaniken und Upgrade-Möglichkeiten selbst in den Optionen und Bau-Bäumen nachlesen zu müssen. Das Gute: Was bisher nicht ist, kann ja noch werden.

    Die Entwickler haben klargemacht, dass mit Ende des Early Access die Weiterentwicklung des Titels noch lange nicht beendet ist. Indes muss man selbst entscheiden, ob das Game-Genre etwas für einen ist – oder nicht. Beeindruckend ist, wie komplexe Mechaniken und Strecken aus der realen Welt auf ein minimalistisches und simples Design treffen – und das dennoch einen riesigen Reiz ausübt. "Rail Route" ist der Bahnplan-Traum von Sim-Nerds, das zeigen auch weit über 1.000 extrem positive Bewertungen auf der Spiele-Plattform Steam. Und egal ob man das Game mag oder nicht, es hat schon jetzt eine der eifrigsten Communitys überhaupt.

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