Reddit-User sorgen für Hedgefonds-Pleite

Reddit-User sorgen aktuell für helle Aufregung an der New Yorker Wall Street.
Reddit-User sorgen aktuell für helle Aufregung an der New Yorker Wall Street.REUTERS
Kleinanleger und Gamestop-Fans haben ihren ausgerufenen Klassenkampf vorerst gewonnen. Der Schwarm sorgte für Milliardenverluste bei den Hedgefonds. 

Die Wall Street ist im Ausnahmezustand. Zahlreiche Kleinanleger haben sich im Stil eines Flashmobs zusammengetan. Mit Aktienkäufen etwa des Computerspielhändlers Gamestop oder der kürzlich noch als Pleitekandidatin gehandelten Kinokette AMC Entertainment lösten sie heftige Kurskapriolen aus.

Allein am Mittwoch stieg der Wert des Gamestop-Papiers um 150 Prozent. Die Aktie wurde reger gehandelt als die von Tesla. Innerhalb von zwei Wochen gab es ein Plus von 1.000 Prozent. Investmentfirmen verbrannten dadurch in kürzester Zeit mehrere Milliarden US-Dollar und gingen fast pleite. Die US-Börse und Plattformen wie Robinhood setzten den Handel mit Gamestop zwischenzeitlich aus.

Was ist passiert?

Die auf Leerverkäufe spezialisierte Analysefirma Citron Research gab vergangene Woche eine Verkaufsempfehlung für die Gamestop-Aktie ab. Die Börse spekulierte schon länger auf den Niedergang des Ladens – es flossen mehr Leerverkäufe  von Gamestop-Aktien, als es entsprechende Wertpapiere gibt. Das löste heftige Empörung bei den Anhängern des Computerspielhändlers aus. Sie riefen in Reddit-Foren zum "Klassenkampf" gegen die Investmentfirmen auf. Der Schwarm verabredete Aktienkäufe und trieb so den Kurs nach oben. Ziel war, die Leerverkäufer aus dem Markt zu drängen.

Doch wie funktionieren Leerverkäufe? Ein Leerverkäufer, auch Short-Seller genannt, leiht sich Aktien und verkauft sie umgehend. Er hofft, dass der Kurs fällt und er die Papiere zu einem tieferen Preis zurückkaufen kann. Das ist nicht unumstritten, wie Matthias Geissbühler, Investment-Chef von Raiffeisen Schweiz, zu "20 Minuten" sagt. So könnten dadurch Abwärtstrends verstärkt und einzelne Firmen kaputt gemacht werden. Genau das befürchteten wohl die Gamestop-Fans.

Wie verlief der Klassenkampf?

Es kam zu einem sogenannten Short Squeeze: Der steigende Aktienkurs brachte die Leerverkäufer unter Zugzwang. Mit jedem Cent mehr, den Gamestop wert ist, steigt ihr Verlust. Sie waren gezwungen, die Short-Positionen zu schließen und Aktien zurückzukaufen, wie Matthias Geissbühler von Raiffeisen Schweiz sagt. Die Aktie kam in eine Aufwärtsspirale.

Können die Großinvestoren nichts tun?

Wenn ein Investor für seinen Fonds Geld bei einer Bank ausgeliehen hat, setzt diese eine Deadline, damit der Kredit gedeckt ist. "Dann ist der Leerverkäufer gezwungen, die Aktie zurückzukaufen", so Geissbühler. So haben Hedgefonds laut Berichten bereits über sechs Milliarden US-Dollar verloren. Melvin Capital geriet in Schwierigkeiten und brauchte eine Hilfe von Investoren in der Höhe von 2,75 Milliarden Dollar. Weitere könnten laut Geissbühler folgen.

Wie riskant ist das Ganze?

Die Reddit-User haben ihr Ziel erreicht, den Leerverkäufern eins auszuwischen, wie Geissbühler sagt. Die Schwarm-Intelligenz hat gesiegt. Allerdings entsprechen die Kursbewegungen nicht dem Wert des Unternehmens, so Thomas Brandon Kovacs, der auf den sozialen Medien als Sparkojote bekannt ist. Das Unternehmen stagniere und wachse nicht mehr. Die Buchgewinne könnten deshalb bei einer Kurskorrektur so schnell verschwunden sein, wie sie gekommen sind.

Die Investoren wetten schon länger auf den Niedergang von Gamestop. Die Firma ist im Elektronikeinzelhandel tätig und betreibt weltweit rund 5.800 Shops. Das Geschäftsmodell mit physischen Läden sei aber gegen den zunehmenden Online-Handel kaum zukunftsversprechend, sagt Matthias Geissbühler, Investment-Chef von Raiffeisen Schweiz. Mit entsprechend tiefen Margen rutschte die Firma bereits 2020 in die Verlustzone. Wegen den Filialschließungen im Lockdown dürfte der Verlust laut Geissbühler dieses Jahr sehr hoch sein. Die Leerverkäufer wetten entsprechend auf tiefe Kurse oder einen Konkurs der Firma.

Ist das Vorgehen der Reddit-Community legal?

Ja, Anleger dürfen sich untereinander austauschen und absprechen, so Geissbühler. Problematisch wäre es aber, wenn Insiderwissen miteinfließen würde oder wenn unerfahrene Anleger bewusst mit Renditeversprechen getäuscht werden.

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