"Resident Evil 2" ist das beste Remake aller Zeiten

Capcom hat Resident Evil 2 eine komplette Überarbeitung spendiert. Ein Augenschmaus, der nichts an seinem Schockfaktor eingebüßt hat.
Als Entwickler eines Remake kann man eigentlich nur verlieren: Flop-Titel, bei denen man es besser machen kann, bekommen so gut wie nie eine Komplettüberarbeitung spendiert. Könnte man sich bei diesen noch ein Lob einfahren, kriegen aber nur Spiele ein Remake zugesprochen, die bereits im Original großartig waren. So gesehen muss man beim Remake eine neue, tolle Erfahrung abliefern, ohne die Merkmale des Titels zu verwässern.

Noch ein gutes Stück schwerer wird es, wenn das Original Resident Evil 2 heißt und vor fast genau 21 Jahren zuerst die PlayStation erobert hat. Der zweite Teil des Survival-Horrors von Capcom wurde für seine Technik nicht nur als "bahnbrechend" bezeichnet, sondern legte mit für damalige Verhältnisse guten Grafiken, tollen Soundeffekten und einer actiongeladenen Handlung den Grundstein dafür, dass aus Resident Evil überhaupt eine Spieleserie wurde.

Entsprechend groß war die Begeisterung, als Capcom im Jahr 2015 ein Remake von Resident Evil 2 für die aktuelle Konsolengeneration und den PC ankündigte. Doch dann hieß es warten, denn erst Ende 2018 wurde den Fans das Veröffentlichungsdatum Ende Jänner 2019 verraten. Nun ist Resident Evil 2 neu erschienen, und alle fragen sich: Ist der Horror noch der gleiche und das Spiel ähnlich bahnbrechend, wie das Original. Die Kurzantwort vorab: Ja! Warum, das zeigen wir in den nächsten Zeilen.

Flucht aus der Zombiestadt

Resident Evil 2 bleibt bei der Handlung dem Original treu. Nach den Untoten-Vorfällen im unheimlichen Herrenhaus des ersten Teils und einer missglückten Aktion, das für die Zombies verantwortliche Virus zu stehlen, breitet sich die Krankheit in der Stadt Racoon City aus. Der Spieler muss in den Rollen der jungen Frau Claire Redfield, die auf der Suche nach ihrem Bruder aus dem ersten Teil ist, und dem Polizeineuling Leon Kennedy, der seinen Dienst am Tag des Virusausbruchs beginnt, einen Fluchtweg aus der überrannten Stadt finden.

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CommentCreated with Sketch.1 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Die Story läuft zwar für Kenner in den üblichen Bahnen ab, hat aber einige kleine und raffinierte Neuerungen bei den Geschehnissen zu bieten. So laufen manche Begegnungen anders ab, als man sie aus dem 1998er-Spiel kennt und Details schmücken die Hintergrundgeschichte aus. Trotz neuem Look gänzlich treu blieb man dem Spielprinzip: Noch immer wird auf eine unheimliche Atmosphäre und vereinzelte, schockierende Zombie-Begegnungen gesetzt, statt Untoten-Horden in einem Kugelhagel untergehen zu lassen.

Flucht statt Dauerfeuer

Der Spieler ist im Verlauf des insgesamt gut 20-stündigen Spiels andauernd mit einer Ressourcenknappheit konfrontiert. Munition und Heilmittel wie Kräuter sind Mangelware und der mit auffindbaren Items erweiterbare Ausrüstungsraum lässt sowieso auch im "Maximalaufbau" nie zu, dass man alle gefundenen Ressourcen mit sich rumschleppen kann. Deswegen lautet das Prinzip: Flucht statt Feuer – wer überleben will, spart sich Munition bis zu Situationen, in denen es ohne Schießen wirklich keinen Ausweg gibt. Ist wirklich zu viel an Items vorhanden, werden sie in selten zu findenden Kisten abgelegt, die meist neben ebenso seltenen Schreibmaschinen als Speicherpunkte zu finden sind.

Resident Evil 2 schafft es hier auch im Remake gut, dem Spieler ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu vermitteln. Von einem waffenstarrenden Helden wie aus den Teilen 4, 5 und 6 ist man hier – was für eine grandiose Atmosphäre sorgt – weit entfernt. Für zusätzliche Spannung sorgt die neue Schulterperspektive, die die fixe Kamera des Originals ersetzt. Extrem detailliert und scharf in 4K verbeißen sich Zombies in Figuren, an der Ekelfront hat man mit abgerissenen Gliedmaßen und blutig zugerichteten Körpern einiges zu verdauen und die grafische Nähe zu den Gegnern macht den Horror zu einem persönlichen Erlebnis.

Keine Schießbudenfiguren

Anders als im Original sind die Untoten keine stupiden Schießbudenfiguren mehr. Sie stecken selbst in den Kopf einige Kugeln ein, lassen sich oft nur mit dem schießerischen Abtrennen von Armen und Beinen verlangsamen – was Erinnerungen an Dead Space wachruft – und zeigen sich selbst ruhig am Boden liegend meist noch lebendiger als einem lieb ist. Wäre der Munitionsmangel nicht, würde man jedem Zombie nach seinem vermeintlichen Tod noch ein, zwei Kugeln in den Kopf jagen. Nur um sicherzugehen, dass er den Spieler beim Vorbeigehen nicht doch ein Stück aus dem Bein nagt.

Geschickt eingesetzt werden Schockmomente: Mal huscht ein unheimlich wimmernder Schatten durch einen spärlich beleuchteten Gang außer Sichtweite, mal fährt ein Zombiearm durch ein Fenster, um uns ins Dunkel der Nacht zu ziehen. Nicht nur einmal wird der Spieler zusammenzucken, sogar jener, der eigentlich weiß, was ihn da erwartet. Die gesamte Kulisse tut ihr übriges: In dunklen Gängen will man gar nicht wissen, was da genau von der Decke tropft und hallt ein Schrei durch einen Tunnel, will man am liebsten davonrennen. Terror in dieser Form hat man in einem Videospiel schon lange nicht mehr erlebt.

Sinnvolle Neuerungen

Vorbei ist auch die Zeit der "Tank-Steuerung" des Originals, also dem Bewegen des Charakters per Stick in die direkte Richtung, in die er auf dem Bildschirm steht und gehen soll. Über die Schulter verfolgt die Kamera nun Claire, Leon und Co. auf ihrer Erkundungstour und die Bewegungen gehen ebenso flüssig wie das Zielen von der Hand. Endlich fühlt sich auch das Schießen mit Waffen "echt" an und jede Kugel zeigt ihre Auswirkung am Körper des Gegners. Ladebildschirme beim Öffnen von Türen sind ebenso Geschichte – was auch bedeutet, dass Zombies nicht nur in gewissen Arealen gefangen sind, sondern Spieler über weite Strecken verfolgen können. Das tun sie nun übrigens auch, wenn man zu viel Lärm macht oder die Zombies anleuchtet: Sie reagieren nun tatsächlich auf die Aktivitäten des Spielers.

Etwas kurios ist dagegen noch immer das Speichersystem. In den drei Schwierigkeitsgraden kann immerhin bis zur "Standard"-Einstellung an Schreibmaschinen jederzeit gespeichert werden und das Spiel nimmt auch Auto-Saves vor. Auf "Veteran" aber muss man weiter die Farbbänder zum Speichern nutzen. Hier stellt sich die Frage, ob eine Modernisierung statt einer Hommage an das Original sinnvoller gewesen wäre. Die harten, aber fairen Schwierigkeitsgrade zeigen sich beim wiederholten Scheitern flexibel. Wer öfters stirbt, bekommt einen leichteren Modus vorgeschlagen, kann dann allerdings nicht mehr zurückwechseln. Eine gute Neuerung für jene, die sich überschätzt haben. Und: Ein Zombieangriff bedeutet nicht automatisch den Tod. Hat man ein Messer ausgerüstet, kann man es per Tastendruck dem Feind in den Hals rammen, um doch noch zu entkommen. Messer nützen sich neu auch ab, der Einsatz will also zusätzlich bedacht sein.

Abzüge in der B-Note

Neben dem Speichersystem hätte Capcom auch einige andere Original-Prinzipien über Bord werfen können, die zwar Kenner der Serie wohlig an die alten Zeiten erinnern, aber Neulinge eher verwundern werden. Der Platzmangel im Inventory etwa ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Atmosphäre aufrecht zu erhalten. Warum das Aussehen etwas eingestaubt und das Kombinieren der simpel dargestellten Items so umständlich ablaufen muss, klärt sich aber nicht wirklich auf. Zudem sind die Rätsel verrostet: Zahlenschlösser drehen und Puzzlestücke in Vorrichtungen zu stecken – da hat man schon Innovativeres gesehen.

Für kleine Lacher sorgen manche der trotz hervorragender Synchronsprecher ungewollt komischen Sprachausgaben und Dialoge. Sieht Leon Kennedy beispielsweise in der Polizeistation einen Angriff auf einen Kollegen über das Kamerasystem, entwischt ihm im Selbstgespräch ein überraschtes "Jemand muss ihm helfen!". Und: Nicht jeder der Bosskämpfe kann ein solch überragendes Horror-Erlebnis abliefern, wie es die Begegnung mit den zahlreichen "Standard"-Feinden tut. Bei letzteren macht sich immer Angst breit, bei den Bossen sind manche Begegnungen nicht ganz so tiefgehend.

Das beste Remake aller Zeiten

Zurück zum Anfang heißt es nicht nur bei Resident Evil 2, sondern auch in unserem Test. So hoch das Risiko für Capcom war, mit der Überarbeitung des Spiels grandios zu scheitern, so perfekt hat es das Unternehmen geschafft, alten Horror neu zu erschaffen. Die in die Jahre gekommene Geschichte fasziniert noch immer wie am ersten Tag, die neue Technik ist eine Liebeserklärung an Kenner und Neulinge gleichermaßen. Auch wenn etwas mehr Ballast den Neuerungen zum "Opfer" hätte fallen können, das Spielgefühl sucht seinesgleichen.

Resident Evil 2
Resident Evil 2


Capcom hat mit dem neuen Resident Evil 2 das beste Remake aller Zeiten geschaffen. Die fesselnde Story, eine der beklemmendsten Atmosphären der Videospielgeschichte und eine gelungene Abwechslung bei Schleichen, Schießen und Rätseln wurden mit sinnvollen Neuerungen garniert. Blutiger als je zuvor erstrahlt Resident Evil 2 in Hochglanz-Grafik mit schockierend guten Effekten sowie Tönen, ohne dem Spieler auch nur eine Verschanufpause zu gönnen. Ein Horror-Meisterwerk!

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