Schmid sieht sich nicht als "Totengräber" der Grünen

Julian Schmid: "Ergebnis eine Katastrophe"
Julian Schmid: "Ergebnis eine Katastrophe"Bild: Helmut Graf
Julian Schmid (28) kickte Peter Pilz von Platz vier der Grünen-Bundesliste. "Heute" fragte ihn, ob er Mitschuld am Debakel seiner Partei hat.
Kapuzenpullover statt Anzug im Hohen Haus, provokante Wahlplakate ("Öffi für alles"), Sixpackfotos aus dem Urlaub: Der Kärntner Julian Schmid brachte seit 2013 Pepp in den Nationalrat. Im Frühsommer schließlich war der 28-Jährige österreichweit ein Begriff, als er Grünen-Urgestein Peter Pilz von Platz vier der Bundesliste gekickt hatte.

Im Wahlkampf tingelte er medienwirksam als "Schnupperlehrling" (etwa bei einem Frisör, bei einem Supermarkt oder in einer Kfz-Werkstätte) durchs Land. Während Pilz mit seiner Liste in den Nationalrat einzog, flogen die Grünen (und Julian Schmid) wohl raus. "Heute" erreichte ihn am Tag nach der Bruchlandung seiner Partei.

Julian Schmid im "Heute"-Interview

"Heute": Ihre Partei stürzte gestern auf nur noch 3,3 Prozent ab, gehört dem nächsten Nationalrat wohl nicht mehr an. Bitter für Sie?

Julian Schmid: Natürlich, es gibt da Nichts zu beschönigen: Das ist ein katastrophales Ergebnis für die Grünen – aber auch für Österreich. Ich kann und will gar nicht daran denken, dass es künftig keine Umweltbewegung mehr in Österreich gibt. Aber warten wir einmal die Auszählung der Wahlkarten-Stimmen ab.

"Heute": Glauben Sie wirklich noch daran, im Parlament zu verbleiben?

Julian Schmid: Dass die Wahrscheinlichkeit sehr überschaubar ist, ist mir klar. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

"Heute": Sie kickten Peter Pilz in einer Kampfabstimmung von der Grünen-Liste. Pilz schaffte den Einzug in den Nationalrat, Ihre Partei nicht. Sind Sie der Totengräber der Grünen?

Julian Schmid: Nein, dieser Vorwurf ist absurd und auch inhaltlich falsch. Peter Pilz – das hat er selbst in Interviews zugegeben – hat ja schon seit zwei Jahren mit der Gründung einer eigenen Partei geliebäugelt. Mit seiner Abspaltung hat ER der grünen Bewegung massiv geschadet, so ehrlich muss man sein. Außerdem wechselten laut Wählerstromanalyse 64.000 Stimmen von den Grünen zu Pilz, aber 160.000 ehemalige Wähler von uns haben gestern die SPÖ angekreuzt.

"Heute": Die Grünen haben also keine Fehler gemacht?

Julian Schmid: Bei so einem Ergebnis hat man so ziemlich alles falsch gemacht. Aber man kann das Scheitern nicht nur an der Abspaltung von Peter Pilz festmachen, das war nur ein Grund von vielen. Das letzte halbe Jahr war als Ganzes extrem herausfordernd für uns – zuerst die Situation mit den Jungen Grünen, dann der Rücktritt von Eva Glawischnig, die Causa Pilz und letztlich dann die bewusste Inszenierung der SPÖ, dass Schwarz-Blau kommt, wenn man nicht Rot wählt. Das hat dann auch noch eine Menge Wähler verscheucht.

"Heute": Die Grünen hatten offenbar aber auf die drängendsten Sorgen der Österreicher nicht die richtigen Antworten.

Julian Schmid: Das ist richtig, daher müssen wir jetzt schonungslos analysieren, warum das grüne Angebot für so viele Menschen nicht mehr gepasst hat.

"Heute": Welche Fehler im Wahlkampf sehen Sie?

Julian Schmid: Es war vielen offenbar nicht bewusst, dass die Situation für die Grünen existenzbedrohend ist. Man hat mitbekommen, dass etwas gröber nicht passt, auch ich hatte ein schlechtes Gefühl – doch wir hätten viel deutlicher aussprechen müssen, wie wichtig es ist, die Grünen anzukreuzen.

"Heute": Warum hat man dann die prekäre Lage im Wahlkampf nicht einfach offen angesprochen?

Julian Schmid: Es war schlichtweg unvorstellbar. Seit ich auf der Welt bin, waren die Grünen immer im Parlament. Dass es jetzt keine starke Stimme für Umweltschutz mehr gibt, ist katastrophal für Österreich. Aber klar, wir hätten das offensiver kommunizieren müssen.

"Heute": Hat sich Ihre Fraktion vom Hofburg-Erfolg des ehemaligen Grünen Alexander Van der Bellen zu sehr blenden lassen?

Julian Schmid: Die Situation ist schon absurd – im Vorjahr der größte Erfolg in der Geschichte der Partei und jetzt sind die Grünen höchstwahrscheinlich nicht mehr im Parlament vertreten, dabei bräuchte es gerade jetzt die Grünen mehr denn je.

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