Österreich

Schule verweigerte krankem Mädchen Hilfe von Roboter

Hannah kann aufgrund der Folgen einer Corona-Erkrankung nicht immer die Schule besuchen. Ein Avatar sollte Abhilfe schaffen, doch er wurde abgelehnt.

Christine Ziechert
Hannah (10) leidet an Long Covid, doch Direktion und Lehrerin lehnten den Einsatz eines Avatars (r.) ab. (Symbolbild)
Hannah (10) leidet an Long Covid, doch Direktion und Lehrerin lehnten den Einsatz eines Avatars (r.) ab. (Symbolbild)
iStock, No Isolation GmbH/Markus Haner

Hannah (Name geändert) war ein aufgewecktes, fröhliches Mädchen mit vielen Freundinnen. Doch im März 2022 erkrankte die kleine Wienerin an Corona: "Sie war davor immer ziemlich fit und sehr selten krank. Sie hatte nicht einmal die typischen Kinderkrankheiten", erzählen ihre Eltern, Alexander (42) und Gabriela M. (Namen geändert), im Gespräch mit "Heute".

Die damals Neunjährige hatte einen milden Verlauf, fühlte sich nur etwas müde und blieb eine Woche daheim. "Als Corona vorüber war, wollten wir sie wieder in die Schule schicken, aber es ging körperlich einfach nicht. Sie stand um 12 Uhr heulend vor der Tür, weil sie fast nicht mehr von der Schule nach Hause gekommen wäre. Sie sagte zu uns: 'Ich trau' mich so nicht mehr in die Schule, ich schaff' das einfach nicht", berichtet Gabriela M. (38). Neben Schüttelfrost litt Hannah unter Schwindel, Kopfschmerzen, Erschöpfung und Konzentrationsproblemen.

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    27.05.2024: 63 % wollen die Grünen nicht mehr in Regierung sehen. In Umfragen liegen die Grünen nur um die 8 %. Trotzdem wollen 29 %, dass sie der nächsten Regierung wieder angehören. Das zeigt eine neue Umfrage.
    HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com

    Avatar ermöglicht kranken Kindern Unterricht

    Die Eltern ließen Hannah daher viel zu Hause, das Mädchen wurde medizinisch komplett durchgecheckt. Doch auch über den Sommer verbesserte sich der Gesundheitszustand der Schülerin nicht: "Schließlich wurde uns eine fünfwöchige Reha in Bad Erlach empfohlen, die wir dann im September absolviert haben. Die Reha hat ihr gut getan, sie hat andere Kinder mit Long Covid kennengelernt. Das Umfeld dort hat uns verstanden und unterstützt", erinnern sich Alexander und Gabriela M.

    Die beiden Wiener suchten nach einer Alternative, damit Hannah nicht den Kontakt zu ihren Mitschülern verliert und stießen dabei auf den Avatar AV1. Der knapp 30 Zentimeter große und etwa 1,5 kg schwere Roboter ermöglicht chronisch kranken Kindern eine (soziale) Teilnahme am Unterricht.

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      Der gesamte Organismus
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      iSTock, Infgrafik "HEUTE"
      "Hannahs Lehrerin meinte, wenn der Avatar kommt, dann kündigt sie" - Gabriela M.

      Der Avatar wird im Klassenzimmer am Tisch platziert, während sich das Kind von zu Hause oder dem Krankenbett aus mit dem Tablet oder Smartphone verbindet – per App kann der Kopf gedreht, die Lautstärke reguliert und die Meldefunktion (Aufzeigen) betätigt werden. Mittels Kamera und Mikrofon wird der Unterricht live übertragen, die Kinder können mit Mitschülern kommunizieren und hören, was rund herum passiert. Auch bei Ausflügen (einzige Ausnahme: Schwimmbad) kommt der Avatar mit.

      Auch die Eltern von Hannah waren von dem Avatar begeistert: "Wir wollten ein bissl Normalität und waren froh, endlich eine Alternative gefunden zu haben." Doch die Freude währte nicht lange: Denn sowohl die Volksschul-Direktorin als auch die Klassenlehrerin verweigerten den Avatar-Einsatz: "Obwohl Hannah's Ärztin, ein Diversitätsmanager der Stadt Wien und die Avatar-Projektmanagerin, Gerda Rockenbauer, die Direktion und die Lehrkraft bei einem Gespräch überzeugen wollten, wurde der Avatar konsequent abgelehnt. Die Lehrerin meinte sogar, wenn der Avatar kommt, dann kündigt sie", berichtet Gabriela M.

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        Der knapp 30 Zentimeter große und etwa 1,5 kg schwere Avatar ermöglicht chronisch kranken Kindern eine Teilnahme am Unterricht.
        Der knapp 30 Zentimeter große und etwa 1,5 kg schwere Avatar ermöglicht chronisch kranken Kindern eine Teilnahme am Unterricht.
        No Isolation GmbH/Markus Haner
        "Hannah war total einsam zu Hause. Ein Absitzen bis zum Schuljahresende in dieser Atmosphäre war für uns nicht vorstellbar" - Gabriela M.

        Für die Eltern war klar, dass es so für Hannah nicht weitergehen kann: "Sie war total einsam zu Hause. Ein Absitzen bis zum Schuljahresende in dieser Atmosphäre war für uns nicht vorstellbar." Die einzige Lösung: ein Schulwechsel. "Frau Rockenbauer hat uns bei der Suche geholfen, am Ende der Osterferien haben wir schließlich eine in einem anderen Bezirk gefunden", ist Hannahs Mama glücklich. 

        Bereits am 1. Juni hat Hannah in der neuen Schule begonnen, in einer Mehrstufenklasse wird die Zehnjährige das vergangene Schuljahr wiederholen. Und auch der Avatar wurde bereits in Betrieb genommen: "Hannah hat eine Stunde lang bei einem Sachunterrichts-Thema in Kleingruppen mitgemacht. Die Mitschüler haben sie sofort miteinbezogen. Sie haben gefragt: 'Gehst du morgen mit mir in der Zweier-Reihe?" oder gesagt: 'Schau', was ich in der Pause mithabe!' Es hat einfach super funktioniert", meint Gabriela M.

        "Wenn Kinder länger nicht in die Schule gehen können, verlieren sie das Zugehörigkeitsgefühl, was später oft zu Bildungsabbrüchen führt. Das soll der Avatar verhindern"

        Überzeugt vom Avatar ist auch Projektmanagerin Gerda Rockenbauer: "Der Avatar ist ein therapeutisches Hilfsmittel, der zur sozialen Inklusion beiträgt. Wenn Kinder länger nicht in die Schule gehen können, verlieren sie das Zugehörigkeitsgefühl, was später dann oft zu Bildungsabbrüchen führt. Das soll der Avatar verhindern", erklärt Rockenbauer.

        In ganz Österreich sind laut Rockenbauer derzeit 135 Avatare im Einsatz – von der ersten Volksschul- bis zur Matura-Klasse und in allen Schultypen – auch an Brennpunktschulen. Angefragt kann der kleine Roboter werden, wenn ein Schulbesuch für mindestens sechs Wochen nicht möglich ist. Die Resonanz ist laut Rockenbauer bisher sehr gut: "Die meisten Direktoren und Lehrer sind entgegenkommend. Bisher haben nur zwei Schulen den Einsatz verweigert."

        "Heute" fragte bei der betroffenen Schule um eine Stellungnahme an, erhielt allerdings keine Antwort. Seitens der Wiener Bildungsdirektion heißt es: "Solche Entscheidungen liegen im Bereich der Schulautonomie (IKT-Schulverordnung § 12 (3). Das Mädchen wird ab Herbst eine andere Volksschule besuchen und dort in eine Mehrstufenklasse gehen. Diese offene Klassenform bietet sicher eine sehr gute Umgebung für die Schülerin und die Pädagogen werden sie bestmöglich unterstützen."