Die unter der Flagge von Malta fahrende Ruby hatte am 22. August Kandalakscha im Süden der Kola-Halbinsel in Richtung Kanarische Inseln und später Afrika verlassen, welche östlich an Skandinavien hängt und zu Russland gehört, "Heute" berichtete. Unmittelbar nach dem Auslaufen fuhr das Schiff auf eine Untiefe. Dabei wurden Propeller, Ruder und Schiffshülle der Ruby beschädigt. Das 183-Meter-Schiff kam aber offenbar aus eigener Kraft wieder frei.
Überraschenderweise kehrte das Schiff danach nicht in den nahen Hafen zurück, sondern setzte die Reise um Skandinavien herum bis Tromsö an der norwegischen Nordwestküste fort, wo es untersucht wurde. Die Ladung: Ammoniumnitrat, Grundstoff zur Herstellung von Kunstdünger – oder Sprengstoff.
Bleiben durfte die Ruby wegen ihrer Ladung von 20.000 Tonnen Ammoniumnitrat nicht: Die Substanz ist explosiv und deshalb potenziell extrem gefährlich – als im August 2020 im Hafen von Beirut eine Lagerhalle mit "nur" 2750 Tonnen der Substanz explodierte, wurde fast der gesamte Hafen verwüstet, 218 Menschen starben.
Trotz nicht reparierter Schäden legte die Ruby wieder ab und begann eine Irrfahrt, die sie erst Richtung Ostsee und danach durch den Skagerrak zu den baltischen Häfen hätte führen sollen. Doch auch dort durfte sie nirgends anlegen. Schließlich ankerte der Frachter während mehrerer Wochen vor der britischen Küste in der Nähe von Margate. Unterwegs legte sie mehrfach an.
Nun hat der Frachter die Erlaubnis erhalten, heute Montag in Great Yarmouth in Norfolk anzulegen. Laut dem zuständigen Parlamentsmitglied Sir Roger Gale ist die Fracht sicher. Die Ruby, die zwar beschädigt, aber noch seetüchtig sei, soll jetzt nach Möglichkeit entladen werden. Denn laut Experten ist eine Reparatur nur unbeladen möglich.
Die Hintergründe der Fahrt geben derweil immer noch Rätsel auf. Die Gesellschaft auf Malta, der die Ruby angeblich gehört, charterte es an ein anderes Unternehmen im selben Bürohaus in Dubai. Fachleute zweifeln an, ob die Ruby je Ammoniumnitrat exportieren wollte und ob sie tatsächlich ernsthaft havarierte. Es wird spekuliert, dass Russland mit einem angeblich gefährlichen Schiff die Reaktion westlicher Staaten und der Öffentlichkeit testen will.
Auch die Möglichkeit von Spionage an kritischer Infrastruktur während durch die Havarie bedingter Liegezeiten und langsamer Transfers wird ins Spiel gebracht. In beiden Fällen wäre die Ruby eine Waffe im hybriden Krieg Putins gegen den Westen.