So blutig war es in Gaza vier Jahre nicht mehr

Nach den tödlichen Zusammenstössen vom Freitag und Samstag gehen die Proteste in Gaza weiter. Der UN-Sicherheitsrat warnt vor einer Eskalation.

Palästinensische Demonstranten im Gazastreifen haben am Samstag und Sonntag ihre Protestaktionen an der Grenze zu Israel fortgesetzt. Sie versammelten sich in einem Zeltcamp, um die Proteste für ein "Recht auf Rückkehr" nach Israel den zweiten Tag in Folge weiterzuführen.

Zum Auftakt der Demonstrationen war es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Protestteilnehmern und israelischen Sicherheitskräften gekommen, bei denen 16 Palästinenser getötet wurden. Laut Palästinenserangaben haben israelische Sicherheitskräfte an der Grenze des Gazastreifens zudem mehr als 1.400 weitere Personen verletzt. Der Freitag war der blutigste Tag im Gazastreifen seit 2014. Die israelische Armee sprach von 30.000 Teilnehmern, unter denen sich auch Frauen und Kinder befanden.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas erklärte den Samstag zum nationalen Tag der Trauer. Er machte Israel für die Todesfälle verantwortlich. "Die große Zahl von Märtyrern und Verwundeten bei friedlichen Protesten zeigt, dass die internationale Gemeinschaft einschreiten muss, um unser palästinensisches Volk zu schützen", sagte Abbas.

Israel spricht von organisiertem Terror

Israel hatte das Grenzgebiet im Vorfeld der Proteste zur militärischen Sperrzone erklärt. Aus Sorge vor einem Massenausbruch über die Grenze beorderte die Regierung zusätzliche Soldaten in das Gebiet, darunter auch hundert Scharfschützen. Israelische Sicherheitskräfte gingen mit aller Härte gegen Demonstranten nahe der gesicherten Grenzanlage zu Israel vor und setzten scharfe Munition und Tränengas ein. Sie reagierten nach eigenen Angaben auf brennende Reifen, Steinwürfe und Brandbomben von palästinensischer Seite.

"Das ist keine friedliche Demonstration", sagte ein israelischer Militärvertreter. Es habe sich "nicht um eine Protestkundgebung" gehandelt, sondern um "organisierte terroristische Aktivitäten". Zudem griff die Armee nach eigenen Angaben drei Stellungen der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen mit Panzerfeuer und Luftschlägen an.

Am Samstag wurden im Gazastreifen die Toten beerdigt. Die Bevölkerung war dazu aufgerufen, die Verletzten zu besuchen. Trauernde schwenkten palästinensische Fahnen und skandierten "Rache!". Am Samstag sind im Westjordanland und in Ost-Jerusalem zudem die Läden geschlossen geblieben. Der Generalstreik bezog sich auch auf Privatschulen, die samstags offen sind.

UNO warnt vor Eskalation der Situation

Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York warnte UN-Vize-Generalsekretär Taye-Brook Zerihoun am Freitag (Ortszeit), die Lage drohe sich in den kommenden Tagen noch zu "verschlimmern".

"Das Risiko einer Eskalation ist sehr konkret", sagte der französische Vertreter im UN-Sicherheitsrat. "Es gibt die Möglichkeit eines neuen Konflikts im Gazastreifen." UN-Vize-Generalsekretär Zerihoun rief alle Beteiligten zu größter Zurückhaltung auf. Eine gemeinsame Erklärung des wichtigsten UN-Gremiums kam allerdings nicht zustande.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte eine "unabhängige und transparente Untersuchung" zu der Gewalt. Zugleich bekräftigte er die Bereitschaft der Vereinten Nationen, Friedensbemühungen im Nahen Osten zu unterstützen, wie ein Sprecher mitteilte.

10 Fragen an einen Palästinenser. (Video: Glomex)

Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Nauert, äußerste sich auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter "zutiefst traurig" über die Todesopfer. Alle Beteiligten müssten MMaßnahmen ergreifen, um die Spannungen zu reduzieren. Die türkische Regierung warf Israel einen "unangemessenen Einsatz von Gewalt" vor.

Proteste dauern bis 15. Mai

Zehntausende Palästinenser hatten am "Tag des Bodens" im Gazastreifen für ein "Recht auf Rückkehr" nach Israel demonstriert. Die Proteste sollen bis zum 15. Mai dauern. Anlass sind die Feiern zum 70. Jahrestag der Gründung Israels. Die Palästinenser begehen den 15. Mai als Nakba-Tag (Tag der Katastrophe), weil im ersten Nahost-Krieg 1948 rund 700'000 Palästinenser flohen oder vertrieben wurden. Am 14. Mai wollen die USA zudem die US-Botschaft in Jerusalem eröffnen.

Bereits in den vergangenen Jahren kam es am 30. März zu Protesten in den Palästinensergebieten. Am "Tag des Bodens" gedenken die Palästinenser stets massiver Landenteignungen und sechs israelischer Araber, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin von der israelischen Polizei getötet wurden. Sie hatten gegen die Beschlagnahmung arabischen Bodens protestiert. (sep/sda/afp)

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