So gefährlich ist der IS-Ableger in Afghanistan

Kurz nach den Anschlägen am Flughafen von Kabul hat sich der Ableger der Terrororganisation IS dazu bekannt.
Kurz nach den Anschlägen am Flughafen von Kabul hat sich der Ableger der Terrororganisation IS dazu bekannt.WAKIL KOHSAR / AFP / picturedesk.com
Kurz nach den Anschlägen am Flughafen von Kabul hat sich der Ableger der Terrororganisation IS dazu bekannt. Antworten zu wichtigen Fragen.

Unmittelbar nach den schweren Selbstmordanschlägen vor dem Kabuler Flughafen war für die Amerikaner klar, wer dahinter stecken muss: der afghanische Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat. Kurz darauf reklamierte die Gruppe die Bluttaten für sich und erklärte, ihr Attentäter habe US-Truppen und deren afghanische Verbündete ins Visier genommen.

Der IS-Ableger formierte sich vor sechs Jahren im Osten Afghanistans und hat sich inzwischen zu einer der gefährlichsten Terrorbedrohungen weltweit aufgeschwungen. Auf das Konto der Extremistengruppe gehen andere folgenreiche Anschläge, zugleich musste sie aber auch herbe Verluste verkraften. Ein Blick auf eine Terrorgruppe, die Einfluss auf den Lauf der Evakuierungsflüge aus Kabul und künftige US-Aktionen nehmen könnte:

Was ist der IS-Ableger überhaupt?

Der zentralasiatische Arm der Terrormiliz Islamischer Staat entstand in den Monaten nach der Eroberung großer Teile von Syrien und dem Irak durch Kernkämpfer des IS. Diese gründeten dann im Sommer 2014 ihr selbst erklärtes Kalifat

 Fünf Jahre lange Gefechte erforderte es, bis lokale und internationale Truppen den IS zurückdrängen konnten.

Der afghanische Ableger hat seinen Namen von der Provinz Chorasan, einer Region, die im Mittelalter weite Teile von Afghanistan, dem Iran und Zentralasien umfasste. Bekannt ist der IS-Arm im Englischen auch als ISK oder Isis K.

Wer sind die Kämpfer des IS-Ablegers?

Seine Anfänge gehen auf die Zeit zurück, als Hunderte Mitglieder der pakistanischen Taliban die Grenze zu Afghanistan überquerten und dort Unterschlupf fanden, nachdem sie durch Militäroperationen aus ihrer Heimat gedrängt wurden. Andere gleichgesinnte Extremisten schlossen sich ihnen dort an, darunter frustrierte afghanische Taliban, denen der Kurs ihrer Führung allzu gemäßigt und friedlich erschien.

Je mehr sich die Taliban in jüngsten Jahren auf Friedensgespräche mit den USA einließen, desto stärker zog es Unzufriedene in deren Reihen zum extremeren IS-Ableger, der immer mehr Zulauf bekam. Die meisten waren besonders verstimmt darüber, dass die Taliban ausgerechnet in einer Zeit auf Verhandlungen mit den Amerikanern setzten, in der die islamistische Gruppe Kurs auf einen militärischen Sieg nahm.

 Der IS-Ableger lockte auch etliche Kämpfer der militanten Islamischen Bewegung Usbekistans an, einem Nachbarland.

Zulauf bekam Afghanistans Arm der Terrormiliz auch aus der einzigen iranischen Provinz, die mehrheitlich von Sunniten bewohnt wird. Mitstreiter gewann der IS-Arm zudem unter Mitgliedern der Islamischen Turkestan-Partei, die sich unter anderem aus Uiguren aus dem Nordosten Chinas zusammensetzt.

Viele der Kämpfer zog die gewalttätige und extreme IS-Ideologie an, zu der das Versprechen eines Kalifats gehört, in dem die islamische Welt vereint sein werde. Für ein solches Ziel sind die Taliban nie eingetreten.

Was macht den IS-Ableger zu solch einer Bedrohung?

Während die Taliban ihren Kampf auf Afghanistan beschränken, hat sich der IS-Ableger in Afghanistan und Pakistan dem Aufruf der Terrormiliz zum weltweiten Dschihad zu eigen gemacht.

Die US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies zählt Dutzende Anschläge, die Kämpfer des IS-Ablegers bereits auf Zivilisten in Afghanistan und Pakistan verübt haben, darunter auf Angehörige der schiitischen Minderheit. Zudem kam es seit Jänner 2017 zu Hunderten Gefechten mit afghanischen und pakistanischen Truppen sowie jenen der US-geführten Militärkoalition.

Zwar hat der IS-Ableger bisher keine Anschläge auf das Staatsgebiet der USA ausgeführt, doch hält die Regierung in Washington ihn für eine anhaltende Bedrohung für die Interessen von Amerika und dessen Verbündeten in Süd- und Zentralasien.

Wie steht der IS-Ableger zu den Taliban?

Sie sind Feinde. Geheimdienstler gehen etwa davon aus, dass Kämpfer der Al-Kaida inzwischen in den Taliban aufgegangen sind. Doch gehen die Taliban gezielt gegen den IS-Ableger in Afghanistan vor. Mitunter soll es sogar vorgekommen sein, dass Taliban-Rebellen sich mit den USA und von den Amerikanern gestützten afghanischen Regierungstruppen zusammentaten, um den IS aus Gebieten im Nordosten Afghanistans zu verdrängen.

Ein Pentagonmitglied, das anonym bleiben wollte, sagte einmal der Nachrichtenagentur AP, dass die Regierung von Ex-Präsident Donald Trump die Einigung auf einen US-Truppenabzug mit den Taliban zum Teil auch in der Hoffnung anstrebte, mit ihnen den Schulterschluss im Kampf gegen den IS-Ableger üben zu können. So sah das Weiße Haus den lokalen Arm der Terrormiliz als die wahre Bedrohung fürs Staatsgebiet der USA an.

Wie sieht das Risiko jetzt aus?

Obwohl die USA Kampftruppen, Kampfflugzeuge und bewaffnete Drohnen in Afghanistan hatten, um den IS-Ableger beobachten und auch losschlagen zu können, konnten die Dschihadisten immer wieder Attacken verüben – und das, obwohl sie Tausende ihrer Kämpfer verloren, wie Amira Jadoon und Andrew Mines in einem Bericht für das Anti-Terror-Zentrum an der Militärakademie in West Point festhielten.

 Nun steht der endgültige Abzug der USA aus Afghanistan an, womit sie dort ihre Schlagfähigkeit am Boden verlieren werden.

Den Amerikanern bieten sich damit wohl auch weniger Optionen, dem IS auf der Spur zu bleiben oder dessen Anschlagspläne zu antizipieren.

Viele Terrorbedrohungen

Mitglieder der Regierung von Präsident Joe Biden wiegeln zwar ab und erklären, dass der IS nur eine von vielen Terrorbedrohungen sei, mit denen man es weltweit zu tun habe. Die Gefahr sei handhabbar dank militärischer Operationen von "jenseits des Horizonts" und mithilfe geheimdienstlicher Arbeit aus den Golfstaaten, auf Flugzeugträgern und von anderen entfernten Orten.

Doch bleibt eine der größten Sorgen der USA, die mit dem Rückzug ihrer Kampftruppen nach 20 Jahren verbunden ist, dass Afghanistan unter den Taliban wieder zum Magnet und einer Basis für Extremisten werden könnte, die Anschläge auf den Westen aushecken. Dies sei eine Bedrohung, sagte Bidens nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan kürzlich im Sender CNN, "auf die wir mit jedem Werkzeug in unserem Arsenal fokussiert sind."

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