So weltlich waren muslimische Länder früher

Feste im Iran, Anatolinnen ohne Kopftuch: Eine Facebook-Seite zeigt, wie entspannt Alltag in muslimischen Ländern einmal war.
Viele Europäer haben bei muslimisch geprägten Ländern sofort ein bestimmtes Bild im Kopf: Die Frauen müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern, Alkohol ist tabu und freizügige Lebenslust sucht man vergebens. Wo in den vergangenen Jahrzehnten ein konservativer Islam Einzug gehalten hat, ist dieses Klischee manchmal nicht weit von der Realität entfernt. Was aber viele nicht wissen: Noch bis in die 1970er- oder 1980-Jahre hinein sah das Straßenbild in Ländern wie Iran, Afghanistan, Ägypten oder auch der Türkei noch anders aus.

Die Facebook-Seite "Before Sharia Spoiled Everything" (auf Deutsch: "Bevor die Scharia alles verdorben hat") hat sich zum Ziel gesetzt, genau dieses vergangene säkulare Alltagsleben zu zeigen. Die Auswahl der geposteten Fotos ist vielfältig: Afghanische Frauen in den 1960er-Jahren posieren im Minirock. Eine ausgelassene iranische Hochzeitsgesellschaft konsumiert 1975 offen Alkohol. Eine iranische Familie aus den 1970er-Jahren in den Sommerferien unterscheidet sich in ihrem Kleidungsstil in nichts von einer Familie aus Europa. In Zentralanatolien arbeiten junge türkische Bäuerinnen in den frühen 1940er-Jahren auf einem Feld – und keine von ihnen trägt ein Kopftuch oder einen Schleier.

Kopftuchfreie Bauernmädchen und Fabrikarbeiterinnen

Die Gruppe gibt es seit Ende 2017 und hat schon mehr als 6.800 Mitglieder. Jeden Tag werden Dutzende Familienbilder, Straßenszenen und Fotos von Festen rege geteilt und kommentiert.

Den Initiatoren der Gruppe, ein Schweizer und zwei Deutsche mit türkischen Wurzeln, geht es vor allem darum, das Andenken an diese offenen Gesellschaften im 20. Jahrhundert wachzuhalten. Diese wurden ihrer Ansicht nach seit dem Ende der 1970er-Jahre entweder zurückgedrängt oder sind vollständig verschwunden. Die Gründer der Seite wollen besonders interessierten Europäern "diese Menschen und ihren ganz gewöhnlichen Alltag" nahebringen.

CommentCreated with Sketch.19 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Emrah Erken, Zürcher Anwalt mit türkischen Wurzeln, hat die Gruppe ins Leben gerufen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass unter Europäern eine große Unwissenheit über den früheren säkularen Alltag in muslimischen Ländern herrsche, sagt der 48-Jährige zu "20 Minuten". "Viele wissen ein wenig darüber Bescheid, aber glauben dem Narrativ der Islamisten und der regressiven Linken, wonach der Säkularismus in der muslimischen Welt einer reichen Elite vorbehalten gewesen sei. Das stimmt nicht einmal heute", so Erken, der seit 1979 in der Schweiz lebt. Deshalb poste er am liebsten kopftuchfreie Bauernmädchen vom Lande, Fabrikarbeiterinnen und andere "gewöhnliche" Bürger.

Expertin ist zwiegespalten

Viele Bilder, die auf "Before Sharia Spoiled Everything" zu sehen sind, stammen aus den Familienalben der Gründer oder anderer Gruppenmitglieder. Andere Fotos wurden schon vorher im Netz geteilt, etwa in Blogs. Nicht bei jedem Foto ließen sich die Angaben zu Ort, Zeit und Anlass überprüfen, räumt Erken ein, meist aber ließen die Informationen keinen Zweifel zu, etwa wenn es sich um Aufnahmen aus alten Zeitungen handle.

Die Islamwissenschaftlerin Helena Rust von der Universität Zürich sieht Erkens Projekt mit gemischten Gefühlen. Zum einen sei es sinnvoll, Europäern zu zeigen, dass in muslimischen Ländern eine andere Realität möglich war. Gleichzeitig findet die Expertin die Seite aber problematisch: "Die nostalgischen Bilder von westlich gekleideten Menschen implizieren, dass man säkulares Gedankengut nur unterstützt, wenn man kein Kopftuch trägt. Das ist Schwarzweißdenken, das nur an der Kleidung festgemacht wird."

Experte: "Spannender Beitrag zur Debatte"

Nicht die Bilder an sich seien das Problem, sondern der kommentierende Rahmen, in den diese eingebettet seien, sagt Rust. Online-Bild-Archive, in denen die Fotos unkommentiert zugänglich gemacht werden, hält sie für die bessere Alternative.

Der Islamwissenschaftler Christoph Ramm von der Universität Bern hält die Seite für einen spannenden Beitrag zur Debatte um den Säkularismus in muslimischen Ländern. Zwar sagt auch er: "Eine moderne Lebensweise und der Gang in die Moschee müssen kein Gegensatz sein." Zudem hätten sich verschiedene kulturelle Einflüsse zu der Zeit vermischt. Allerdings, so der Experte, sei es nicht der Anspruch der Macher, eine historisch differenzierte Arbeit abzuliefern, und das sei auch völlig in Ordnung.

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