Start-up fertigt Textilien aus Menschenhaar

Haare haben eine Reihe an nützlichen Eigenschaften, die sich für Textilien verwenden lassen.
Haare haben eine Reihe an nützlichen Eigenschaften, die sich für Textilien verwenden lassen.Getty Images/iStockphoto
Das Start-up Human Material Loop hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus Menschenhaar Garn herstellen lässt. Ende 2022 kommt die 1. Kollektion.

Der Earth Overshoot Day ("Welterschöpfungstag", "Weltüberlastungstag") markiert den Tag, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann, aufgebraucht hat. 2022 fiel er auf den 28. Juli. Wir verbrauchen Ressourcen, aber was geben wir im Gegenzug zurück?

Diese Frage stellte sich auch das holländische Start-Up "Human Material Loop" und erforscht das Konzept des Menschen als nachhaltiges Material der Zukunft und schlägt ein alternatives Material vor, das wir in unsere täglichen Produkte integrieren können – HaareAllein in Europa landen 72 Millionen Kilogramm Menschenhaar auf Mülldeponien oder in der Kanalisation. Human Material Loop sammelt und verarbeitet sie und entwickelt hochleistungsfähige Textilien mit einem möglichst geringen CO2-Fußabdruck.

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Mehr als Kopfbedeckung

Das allgemeine Interesse an Haaren konzentriert sich auf Haarwachstum, Haartypen und Haarpflege. Dass Haare aber auch ein wichtiges Biomaterial sind, das hauptsächlich aus Proteinen, insbesondere Keratin, besteht und mehr kann als Kopfschmuck, würde "in unseren Produktzyklen noch nicht genutzt", erklärt das Unternehmen auf seiner Homepage. Gründerin Zsofia Kollar will die Wahrnehmung des Materials verändern. Denn Menschenhaar ist eine Keratin-Faser, genau wie Wolle. Es hat eine Reihe an nutzvollen Eigenschaften, so Forschende um Yang Yu an der kalifornischen Universität in San Diego: In großer Menge vorhanden, ungiftig, hautverträglich, hohe Zugfestigkeit, geringes Gewicht, wärmeisolierend und flexibel.

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Hochleistungstextilien mit geschlossenem Recyclingkreislauf

Die Vision von Human Material Loop ist die Entwicklung von Hochleistungstextilien im Rahmen eines geschlossenen Recyclingkreislaufs. "Durch die Verwendung von Materialien aus der Region wollen wir die für den Transport benötigten fossilen Brennstoffe und die damit verbundenen Schadstoffe, einschließlich der Treibhausgasemissionen, reduzieren. Durch die Unterstützung lokaler Unternehmen wollen wir die regionale Wirtschaft fördern. Die lokale Produktion in kleinem Maßstab trägt dazu bei, die Verschwendung nicht benötigter Produkte zu vermeiden, Emissionen und Energieverbrauch zu reduzieren."

"Die Textilindustrie ist nach der Ölindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt."

Es brauche radikale Veränderungen. Nicht nur bei der Beschaffung unserer Materialien, sondern auch bei der Herstellung, Verteilung und Entsorgung. Gründerin Zsofia Kollar: "Human Material Loop wurde aus der Idee heraus gegründet, unser gesamtes Produktionssystem zu verändern und die Textilindustrie zu revolutionieren. Die Textilindustrie ist nach der Ölindustrie der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt. Textilien sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, der Wandel muss stattfinden, um unseren Planeten für zukünftige Generationen zu erhalten. Wir als menschliche Spezies müssen aufhören, uns über unser Ökosystem zu stellen, und es ist an der Zeit, uns zu beteiligen und Material für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen."

Erste Kollektion

Zsofia Kollar hat bereits ein fünfköpfiges Team und plant bis Ende 2022 die erste Kollektion auf den Markt zu bringen. Derzeit konzentriert sich die Entwicklungsphase auf das Abfallmanagement von Friseursalons. Noch sind die Produktionsschritte, bevor das Garn gesponnen werden kann, arbeitsintensiv: Weil die Haarabfälle unterschiedliche Längen, Farben und Strukturen haben, müssen sie entsprechend vorbereitet und gewaschen werden. Kollars Team hat für diese Schritte einen eigenen Prozess entwickelt, der jedoch geheim gehalten wird. So wird am Spinnrad aus den Haarfasern  ein Faden – genau wie bei Merino- oder Baumwolle. So weich wie diese ist das Material aber (noch) nicht. Das liegt am größeren Durchmesser der  Haarfasern. Geeignet ist es daher wahrscheinlich eher für Textilien, die aus gröberen Stoffen gefertigt werden und nicht die Haut berühren, etwa Vorhänge und Schuhe. Oder aber als Obermaterial von Mänteln und Jacken.

Ganz ohne Transportemissionen geht es aktuell aber noch nicht. Die Haarabfälle aus Amsterdam werden in Italien zu Garn gesponnen, da es in den Niederlanden keine traditionellen Spinnereien mehr gibt. Kollar hofft jedoch, bald mit Spinnereien in angrenzenden Ländern zusammenzuarbeiten.

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