Studie zu Corona-Sterblichkeit wird heftig kritisiert

Fachleute kritisieren die Stanford-Studie als unsauber und machen auf eklatante Fehler aufmerksam.
Fachleute kritisieren die Stanford-Studie als unsauber und machen auf eklatante Fehler aufmerksam.picturedesk.com
Die Stanford-Studie zur Sterblichkeit bei Corona schlug hohe Wellen: Ihr zufolge sterben weltweit viel weniger Infizierte an Covid-19 als angenommen.

Wie viele Menschen sterben an Corona? Dieser Frage gehen seit Beginn der Pandemie Forschende weltweit nach – auch John P. A. Ionnidis von der Stanford University (siehe Box). Die in seiner Metastudie gewonnenen Erkenntnisse sind Anfang der Woche auf der Webseite des "Bulletin of the World Health Organization" erschienen, einem von der WHO herausgegebenen Magazin.

Ionnidis’ Fazit sorgte für Aufsehen, denn er schlussfolgert: "Die abgeleiteten Infektionssterblichkeiten lagen tendenziell niedriger als die Schätzungen, die früher in der Pandemie gemacht wurden." Seiner Untersuchung zufolge liegen diese nämlich über alle Altersklassen bei 0,27 Prozent, bei den Unter-70-Jährigen sogar bei nur 0,05 Prozent.

Erste Daten aus China hatten die Sterblichkeit einst auf 3,4 Prozent geschätzt, die John Hopkins University gibt für die weltweite Todesrate aktuell den Wert 2,79 Prozent an. Für die Schweiz beträgt der Wert laut JHU 2,5 Prozent (Stand: 22.10.2020).

Vergleicht man die Werte, entsteht der Eindruck, dass eine Corona-Infektion viel weniger schlimm sei als angenommen. Doch dem ist nicht so, wie die genaue Betrachtung zeigt. Denn Ionnidis’ Zahlen und die von der JHU genannten Werte beziehen sich auf unterschiedliche Dinge.

Zwei Ansätze, zwei Werte

So arbeitete der Stanford-Forscher mit der sogenannten Infektionssterblichkeit, kurz IFR (Infection Fatality Rate): Sie gibt an, wie hoch der Anteil der Verstorbenen gemessen an allen Infektionen ist. Darin inbegriffen ist auch die vermutete Dunkelziffer.

Laut Schätzungen der WHO könnten sich weltweit 20-mal mehr Menschen angesteckt haben als nachgewiesen. Denn viele Infektionen laufen symptomlos und werden erst gar nicht erkannt. In anderen Ländern wird deutlich weniger getestet. Dort ist davon auszugehen, dass viel mehr Menschen erkranken, als registriert werden. Dies wird bei der IFR berücksichtigt. Entsprechend niedrig fällt der Prozentsatz aus.

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Daneben gibt es noch die sogenannte Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate [CFR]). Sie gibt den Anteil der Verstorbenen an allen registrierten Infektionen an. Die Dunkelziffer wird dabei – anders als bei der IFR – außer Acht gelassen. Entsprechend fällt der CFR-Wert, auf den sich neben der Johns Hopkins University auch das deutsche Robert-Koch-Institut bezieht, höher aus.

Anders ausgedrückt bedeutet das: Die Erkenntnisse der Stanford-Metastudie widersprechen nicht den bisher kommunizierten Zahlen.

Deutliche Kritik an der Stanford-Studie

Doch selbst bei Berücksichtigung der verschiedenen Herangehensweisen ist Ionnidis’ Analyse nicht über alle Zweifel erhaben. So gilt es als schwierig, aufgrund von Antikörpern eine Sterblichkeitsrate zu ermitteln, weil nicht alle, die nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert waren, auch messbare Antikörper bilden. Das zeigte unter anderem eine Studie von Zürcher Forschern. Zudem können sich diese wieder abbauen. Wie schnell das im Fall von Corona geschieht, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung.

Der Epidemiologe Rod Jackson von der University of Auckland (Neuseeland) kritisiert dagegen explizit das Vorgehen von Ionnidis, da dieser seine Erkenntnisse auf Studien stütze, die nicht repräsentativ für die Bevölkerung seien, deren Ergebnisse stark voneinander abwichen und daher unzuverlässig seien. "Das ist ein absolutes No-go für Evidenzüberprüfungen", urteilte Jackson im Gespräch mit der australischen Nachrichtenagentur AAP.

Schon vor einiger Zeit hatte der Epidemiologe in einem Beitrag im "NZ Herald" darauf hingewiesen, dass Antikörperstudien nur aussagekräftig sind, wenn die Stichprobe repräsentativ für die Bevölkerung ist. "Studien mit weniger als mehreren Hundert Covid-19-Todesfällen lohnen kaum den Blick hinein", so Jackson in dem Artikel.

Richtlinien missachtet

Mit seiner Kritik ist der Neuseeländer nicht allein. Auch der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz, der selbst zu IFR geforscht hat und dabei auf Werte zwischen 0,68 Prozent und 0,8 Prozent gekommen ist, findet deutliche Worte für die Arbeit des Stanford-Forschers. Auch er spricht von "klar ungeeigneten Stichproben" und einer "fundamentalen Schwachstelle der Analyse". So seien mindestens zwei Studien innerhalb einer Firma durchgeführt worden, andere nur mit gewissen Patientengruppen.

Darüber hinaus, führt Meyerowitz-Katz auf Twitter aus, habe Ionnidis mehrfach Zahlen falsch zitiert. An einer Stelle seien aus 47 Prozent 44 Prozent geworden. An einem anderen Ort hätte er mit 0,6 Prozent statt korrekt mit 3,9 Prozent gerechnet. Auch seien viele Studien aus Ländern wie Indien berücksichtigt worden, wo vermutlich nicht alle Corona-Todesfälle registriert worden sind. Alles in allem, so das Fazit des Australiers, habe sich Ionnidis, "der ein sehr kluger Mann ist, den ich sehr schätze", nicht an die Richtlinien gehalten, die für diese Art Studien gelten.

Laut WHO bewegen sich die meisten IFR-Schätzungen zwischen 0,5 und 1 Prozent. Sie selbst geht gemäß Maria Van Kerkhove, Leiterin der Corona-Taskforce der WHO, von einer Sterblichkeit von 0,6 Prozent aus. Warum hat die WHO die umstrittene neue Studie trotzdem in ihrem Bulletin veröffentlicht?

Man wolle Gesundheitsexperten die Möglichkeit bieten, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen. Diese würden aber nicht unbedingt den Ansichten der WHO entsprechen, zitiert der "Tages-Anzeiger" die Weltgesundheitsorganisation.

Dass es sich bei der Publikation nicht um der Weisheit letzten Schluss handelt, darauf wird in der Veröffentlichung selbst hingewiesen: So sei die erste Onlineversion der Studie zwar begutachtet worden, allerdings enthielte sie noch nicht alle finalen Korrekturen.

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